{"id":1765,"date":"2017-11-22T16:13:12","date_gmt":"2017-11-22T15:13:12","guid":{"rendered":"https:\/\/huettemann.eu\/?p=1765"},"modified":"2020-02-16T14:37:03","modified_gmt":"2020-02-16T14:37:03","slug":"was-demokratie-ausmacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/2017\/11\/was-demokratie-ausmacht\/","title":{"rendered":"Was Europas Demokratie aus-macht&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Wie l\u00e4sst sich erkl\u00e4ren, dass die Demokratie in der Europ\u00e4ischen Union unter solch einem populistischen Druck steht? Was macht Europas Demokratie in Zukunft aus? Antworten fallen schon im normalen Leben nicht leicht. Aber die Hauptrede des Jahres vor <a href=\"http:\/\/www.ehemalige-theodorianer.de\/\">Contheodorianer\/inne\/n meines Gymnasiums<\/a> zu halten ist dann doch etwas ganz Besonderes. Es wurde ein Vortrag \u00fcber die demokratische Relevanz Europas aus beruflicher und pers\u00f6nlicher Perspektive. Mein Fazit: seit meinem Abi90 hat sich die Gesellschaft schleichend entdemokratisiert, auch zum Schaden der europ\u00e4ischen Idee.<\/p>\n<p>Mein Vortrag auf dem <a href=\"http:\/\/www.ehemalige-theodorianer.de\/theodorianerabend.html\">Theodorianerabend<\/a> 2017 am <a href=\"http:\/\/www.theodorianum.de\/\">Gymnasium Theodorianum<\/a> in Paderborn<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"https:\/\/www.netzwerk-ebd.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/EU-in-BRIEF-10_2017_Ausblick-auf-die-Zukunft-Europas.pdf\">meine Rede als Download bei der Europ\u00e4ischen Bewegung Deutschland<\/a><br \/>\n<em>es gilt das gesprochene Wort<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Liebe Contheodorianerinnen, liebe Contheodorianer, liebe Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, liebe Oberstudiendirektorin Nicole Michaelis, liebe Lehrerinnen und Lehrer, sehr verehrte Damen und Herren, vor allem lieber verehrter Vorsitzender Gereon Potthast und lieber Achim Schmidtmann,<\/em><\/strong><\/p>\n<p>2016 war das <em>annus horribilis<\/em>, um mit einem lateinischen Begriff anzufangen. Lateinisch und nicht die Bedeutung ist nat\u00fcrlich hier an diesem Ort mehr als angemessen! Allerdings muss man nicht am Theodorianum gewesen sein, um 2016 als schreckliches Jahr zu bezeichnen. Das was Sie, lieber Gereon Potthast, dazu gebracht hat, mich 2016 zu einem Vortrag am Theodorianer-Abend einzuladen, hat f\u00fcr mich eine positive und eine negative Seite. Dieses schreckliche Jahr ist der negative Grund warum ich hier bin.<\/p>\n<p>Erstmals hat sich mit dem Vereinigten K\u00f6nigreich ein Land entschieden, der Europ\u00e4ischen Union den R\u00fccken zu kehren. Parallel dazu und irgendwie nicht wirklich davon losgel\u00f6st, haben sich die US Amerikaner f\u00fcr einen Pr\u00e4sidenten entschieden, der uns noch immer ungl\u00e4ubig die Augen reiben l\u00e4sst. Dies sind zwei gewichtige Ereignisse, die an sich schon.<\/p>\n<p>Fundamente der europ\u00e4ischen und transatlantischen Zusammenarbeit in Frage stellen. Noch schwieriger erscheint mir aber, dass wir 2016 f\u00fcr 2017 das Schlimmste erwartet haben. Schwarzmaler gingen davon aus, dass die wichtigen Wahlen im Folgejahr in den Niederlanden, in Frankreich und sogar in Deutschland an die antieurop\u00e4ischen Populisten verloren gehen.<\/p>\n<p>Insofern, lieber Vereinsvorstand der ehemaligen Theodorianer, habe ich die positive Ehre heute hier sprechen zu d\u00fcrfen, wohl oder \u00fcbel einer neuen Relevanz, einer negativen Wahrnehmung der Europapolitik zu verdanken. Europa schien und scheint immer noch aus den Fugen zu geraten. An anderer Stelle habe ich schon einmal ausgef\u00fchrt, dass die inflation\u00e4re Frage &#8222;Europa, Quo Vadis&#8220; (noch so ein lateinischer theokonformer Ausdruck) aus Gr\u00fcnden der biblisch-historischen Exegese sehr missf\u00e4llt. Aber es steht au\u00dfer Frage, dass die Europapolitik nicht erst 2016 eine ganz andere Relevanz bekam, als in den Jahrzehnten davor und nicht immer nur im Guten.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\">\n<p lang=\"de\" dir=\"ltr\">Zur\u00fcck in die Zukunft Europas \ud83c\uddea\ud83c\uddfa! <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Demokratie?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Demokratie<\/a> muss im Kleinen, fr\u00fch &amp; vor Ort gest\u00e4rkt werden! Unser Generalsekret\u00e4r <a href=\"https:\/\/twitter.com\/huettemann?ref_src=twsrc%5Etfw\">@huettemann<\/a> sprach auf dem traditionellen <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Theodorianer?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Theodorianer<\/a> Abend seiner Schule <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Theodorianum?ref_src=twsrc%5Etfw\">@Theodorianum<\/a> in <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/Paderborn?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#Paderborn<\/a> Volltext in <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/EUinbrief?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#EUinbrief<\/a> <a href=\"https:\/\/t.co\/vV7BJphlZd\">https:\/\/t.co\/vV7BJphlZd<\/a> <a href=\"https:\/\/t.co\/rxz5ZvGXH3\">pic.twitter.com\/rxz5ZvGXH3<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Europ\u00e4ische Bewegung (@NetzwerkEBD) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/NetzwerkEBD\/status\/933345499054211073?ref_src=twsrc%5Etfw\">November 22, 2017<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p>Erlauben Sie mir, Ihnen Generationen \u00fcbergreifend zun\u00e4chst meine Wahrnehmung der Europapolitik in den vergangenen Jahrzehnten darzulegen.<\/p>\n<p>Als ich 1990 das letzte rein westdeutsche Abitur am Theodorianum machen durfte, war ich gerade auch von meiner Lehrerschaft, allen voran und stellvertretend Ludwig Massow, sehr europ\u00e4isch gepr\u00e4gt worden. Es stand f\u00fcr mich au\u00dfer Frage, dass die Bundesrepublik ein voll souver\u00e4ner Staat war, und nur \u00fcber die europ\u00e4ische Einigung eine Chance bekam, wieder in der Staatengemeinschaft aufgenommen zu werden.<\/p>\n<p>Paderborn, mit seiner karolingischen Tradition, stand wie selbstverst\u00e4ndlich auch in einer proeurop\u00e4ischen, deutsch-franz\u00f6sischen Tradition, die in allen Bereichen wirkte. Es gab ein Europakomitee zum Liborifest, eine europ\u00e4ische Parade in der Innenstadt und zahlreiche dezentrale Aktivit\u00e4ten von Einzelnen und Vereinen. Die \u00c4lteren kennen diese Zeit bis zur Einf\u00fchrung des Europ\u00e4ischen Binnenmarktes 1992. Es ist die Zeit, die von vielen bisweilen \u2014 und wie ich europapolitisch finde \u2014 ver\u00e4chtlich als das Kohl&#8217;sche Europa bezeichnet wurde.<\/p>\n<p><strong>Europapolitischer R\u00fcckblick<\/strong><\/p>\n<p>Die 90er Jahre brachten neben dem Fall des Eisernen Vorhangs einen Paradigmenwechsel vom &#8222;Europa des Friedens und der Bewegten&#8220; zum &#8222;Europa der Richtlinien&#8220;, aber auch dem Europa der neuen L\u00e4nder in Nord- und Ostmitteleuropa plus einigen Inseln im Mittelmeer mit sich. Es ist sehr gut nachweisbar, dass diese Zeit neben der erfolgreichen Erweiterung der Europ\u00e4ischen Gemeinschaften auch eine starke Fortentwicklung einer echten europ\u00e4ischen Union zur Folge hatte. Der Einf\u00fchrung des Binnenmarktes mit all seinen notwendigen und weniger notwendigen Harmonisierungen nationaler Gesetze ging schon vor 1990 mit der Einheitlichen Europ\u00e4ischen Akte eine Demokratisierung des Staatenverbundes voraus. Mit Recht wurden dem Europ\u00e4ischen Parlament nach und nach mehr Mitspracherechte einger\u00e4umt. Es hat sich zu einem echten aber noch immer leisen Machtfaktor entwickelt. Noch 2009 haben Mehrheitsentscheidungen im Ministerrat und im Parlament eine gro\u00dfe Aufwertung erfahren. Und obwohl etwa Ungarn die entsprechenden Vertr\u00e4ge unterschrieben hat, m\u00f6chte es seine Regierung noch heute nicht wahrhaben. Mehrheitsentscheidungen gelten auch in der Politik f\u00fcr Gefl\u00fcchtete.<\/p>\n<p>Ebenfalls in den fr\u00fchen 90er Jahren wurden die Grundlagen f\u00fcr die Einf\u00fchrung des Euros geschaffen. Es h\u00e4tte aus Sicht der Proeurop\u00e4er alles zu sch\u00f6n werden k\u00f6nnen. Was sp\u00e4ter folgte, war eine in London und New York gemachte Weltfinanzkrise, die auch den Euro in Mitleidenschaft gezogen hat. So sehr, dass man zeitweise glaubte, die Krise sei lediglich eine vom Euro verursachte Krise. Was bis heute Konsens ist: der Euro war nicht ausreichend gewappnet f\u00fcr globale Finanzkrisen. \u00dcberschuldung ist in Japan ein weit gr\u00f6\u00dferes Problem. Doch fehlte den M\u00e4rkten vornehmlich das Vertrauen in Europa, damit seine Volkswirtschaften auf Krisen schnell und ad\u00e4quat regieren k\u00f6nnen. Richtig ist aber auch, dass der Euro stabiler ist als manch nationale W\u00e4hrung.<\/p>\n<p><strong>Aber was ist nur passiert in den vergangenen Jahrzehnten, was hat uns so sehr aus den Fugen gebracht? <\/strong><\/p>\n<p>Als ich mitten im <em>annus horribilis<\/em> im Juni 2016 vom britischen Guardian gefragt wurde, ob ich mich denn trauen w\u00fcrde, am Morgen nach der Entscheidung einen Artikel zum Brexit zu schreiben, da sagte ich nat\u00fcrlich ja. F\u00fcr mich war es ganz und gar nicht unwahrscheinlich, dass sich die britische Bev\u00f6lkerung gegen die EU entscheiden w\u00fcrde. Denn Britannien hatte sich ver\u00e4ndert und seine Eliten haben zu sehr darauf gebaut, Br\u00fcssel alles in die Schuhe zu schieben.<\/p>\n<p>Auch hier bietet sich der Bezug zu meiner Heimatstadt Paderborn an. Bekannterma\u00dfen sind noch immer britische Soldaten in Paderborn stationiert. Aber in meinem Paderborner Umfeld war es nie eine politische Trag\u00f6die, dass eine fremde Macht auf uns Deutsche zun\u00e4chst aufpasste und dann zu einem Partner in der NATO wurde. Im Gegenteil. Als Sch\u00fcler hatte ich die britische Form der Demokratie und gesellschaftlichen Einflussnahme immer sehr positiv angesehen. Pressefreiheit (mit einem starken \u00f6ffentlich-rechtlicher Rundfunk), Pluralismus, Demokratie, zivile Polizei, korporative Strukturen, all dies war Teil meines britischen, ja demokratischen Bildes.<\/p>\n<p>Und ich habe gelernt, dass diese Art von breiter gesellschaftlicher Demokratie, sehr gut zu vielen deutschen Traditionen passte, aber sich erst unter britischer Besatzung wirklich ausleben konnte und Einzug in die Bonner Republik erhielt. Gleichzeitig geh\u00f6re ich zu der Generation, die <em>cool Britannia<\/em> dem <em>savoir vivre<\/em> der Franzosen auch politisch den Vorzug gab. Englisch hat erst mit meiner Generation im internationalen Vergleich dem Franz\u00f6sischen den Rang abgelaufen.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet dies nun f\u00fcr die Demokratie in Europa? <\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst gibt es seit Beginn der europ\u00e4ischen Integration eine sehr vern\u00fcnftige Debatte zur Demokratisierung unseres Kontinents. Vergessen wir zun\u00e4chst nicht, dass die NATO als Gegenpol zum Ostblock keineswegs zwingend innerstaatliche oder zwischenstaatliche Demokratie vorsah. Wir kennen die heutige Diskussion, ob sich undemokratische Verh\u00e4ltnisse in der T\u00fcrkei mit der Mitgliedschaft in der NATO vertragen. Aber weder die T\u00fcrkei, noch Griechenland, noch Portugal, noch Spanien waren Demokratien bei der Gr\u00fcndung der NATO. Doch anders als im intergouvernementalen also zwischenstaatlichen Verteidigungsb\u00fcndnis waren sie bei den ersten europ\u00e4ischen Integrationsschritten ausgeschlossen und sind es trotz Kandidatenstatus im Falle der T\u00fcrkei bis heute.<\/p>\n<p>Denn jeder Beitrittsschritt zur EU war an eine funktionierende Demokratie gebunden &#8211; und je sp\u00e4ter der Beitritt desto gr\u00f6\u00dfer die H\u00fcrden. Mit den sogenannten Kopenhagener Kriterien von 1993 wurden bei den Beitrittsverhandlungen nicht nur starke Auflagen zur vollst\u00e4ndigen \u00dcbernahme des europ\u00e4ischen Rechtsrahmens gesetzt, sondern auch eine demokratische Ordnung und die Wahrung der Menschenrechte sowie Achtung und Schutz von Minderheiten eingefordert. Was diese H\u00fcrden allerdings f\u00fcr L\u00e4nder bedeutet, wenn sie schon l\u00e4nger Mitglied sind, das ist eine andere, sehr berechtigte Frage und ist bei Polen und Ungarn gestellt und unbeantwortet. Aber es gibt noch andere Fragen, wie Pressefreiheit und Korruption, die an so mancher nationalen Demokratie nagen.<\/p>\n<p>Mit zunehmenden Kompetenzen hat sich die Europ\u00e4ische Union selbst demokratisiert, freilich noch unter verschiedenen Namen. Der erste vertragliche Versuch europ\u00e4ischer Staaten, eine europ\u00e4ische Demokratie zu entwickeln, war ausgerechnet die Europ\u00e4ische Verteidigungsgemeinschaft. Ihre parlamentarische Versammlung sollte den Auftrag erhalten, eine sp\u00e4tere bundesstaatliche demokratische europ\u00e4ische Ordnung mehr als nur zu erw\u00e4gen. Aus der EVG wurde bekanntlich nichts. Frankreichs Kolonialinteressen standen der politischen Integration entgegen. Was folgte war der clever von der Wirtschaft ausgehende Ansatz der supranationalen Integration von wichtigen Politikfeldern f\u00fcr Verteidigung und Ern\u00e4hrung, in den Schl\u00fcsselbranchen Kohle, Stahl und Landwirtschaft. Mit dem auch von Adenauer unterst\u00fctzten Schuman-Plan konnte die sogenannte Methode Monnet nach 1957 erfolgreich durchstarten. Seit den R\u00f6mischen Vertr\u00e4gen vor 60 Jahren ist die politische Integration zwar stets einen Schritt hinter der wirtschaftlichen Vereinigung geblieben, aber folgte erstaunlich schnell.<\/p>\n<p><strong>Die Parlamentisierung Europas<\/strong><\/p>\n<p>Seit diesen fr\u00fchen Jahren hat sich das europ\u00e4ische Gemeinwesen nicht nur territorial von 6 auf 28 demokratische L\u00e4nder erweitert, es hat sich auch zunehmend selbst parlamentarisiert. Es gibt sicherlich kaum ein Parlament auf dem europ\u00e4ischen Kontinent, dem \u00fcber die Jahre so viele zus\u00e4tzliche Kompetenzen zugefallen sind, wie dem Europ\u00e4ischen Parlament, langsam und bis heute leider relativ unbemerkt. Das Parlament ist bei wirtschaftlichen, umweltpolitischen, verbraucherrelevanten, datenschutzrechtlichen und neuerdings migrationspolitischen Fragen gemeinsam mit dem Rat Mitentscheidungsorgan. Beide Gesetzgebungsorgane entscheiden zunehmend mehrheitlich.<\/p>\n<p>Freilich, das System hat Schw\u00e4chen, die nicht nur das Bundesverfassungsgericht benennt. Die Europawahlen sind keineswegs gleich, denn sie fu\u00dfen auf unterschiedlichem Wahlrecht. Die Kompetenzen des Parlaments passen nicht zur Wahrnehmung bei der W\u00e4hlerschaft. Die nationalen \u00d6ffentlichkeiten sind noch immer noch nicht kompatibel zur Europapolitik.<\/p>\n<p>Der erst k\u00fcrzlich verstorbene italienische Politikwissenschaftler Giovanni Sartori hat es sinngem\u00e4\u00df so zusammengefasst: Demokratie muss m\u00f6glichst kompliziert sein, aber immer noch einfach genug, um sie zu erkl\u00e4ren!<\/p>\n<p>In puncto Komplexit\u00e4t braucht sich das Mehrebenensystem EU sicherlich nicht verstecken. Seine Demokratie l\u00e4sst sich nicht einfach mit der Frage nach mehr oder weniger Macht des Europ\u00e4ischen Parlamentes beantworten. Wir brauchen hier eine breitere Sichtweise.<\/p>\n<p>Ich muss es an dieser Stelle einfach so klar sagen. Meine schulische Ausbildung stoppte hier am Theodorianum zu einem Zeitpunkt, wo ich &#8211; grob gesagt und ohne Vorwurf &#8211; mehr \u00fcber sowjetische Machtsysteme, als \u00fcber die Demokratiesysteme etwa in Italien, Spanien, Irland oder Griechenland gelernt habe. Ich hatte eher Gl\u00fcck, dass die europ\u00e4ische Integration einen breiten Rahmen im SoWi-Unterricht einnahm. Das ging aber nicht allen so in meiner Generation. In meinem Jurastudium konnte ich gen\u00fcgend Studierende erleben, die nur freiwillig Europarecht belegten. Ganze Generationen von Juristinnen und Juristen wurden in Europarecht nicht ausgebildet. Und sieht man von franz\u00f6sischem oder britischem Recht ab, so sind nationale Rechtskulturen von Nachbarstaaten auch bei Eliten weitgehend unbekannt.<\/p>\n<p><strong>Die Lage in Europas Demokratien<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur aber auch wegen des Falls des Eisernen Vorhanges ist die Lage in Europas Demokratien nicht weniger un\u00fcbersichtlich geworden. Im Gegenteil. Aber versuchen wir einen \u00dcberblick:<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst: \u201cEs gibt keine Mitgliedstaaten der EU, sondern Mitgliedsl\u00e4nder!\u201d Dieser Satz des niederl\u00e4ndischen Politikwissenschaftlers Rinus van Schendelen klingt nach Wortklauberei. Dahinter steckt eine sehr unterschiedliche gesellschaftliche Realit\u00e4t der EU-Mitglieder.<\/p>\n<p>Es gibt unterschiedlich ausgepr\u00e4gte Muster \u00f6ffentlich-privater Beziehungen, in denen nicht nur staatliche Repr\u00e4sentanten agieren, sondern auch Vertreter gesellschaftlicher Gruppen unter Einschluss der Privatwirtschaft. Sehr grob gesagt kann man die L\u00e4nder in etatistisch, korporatistisch und pluralistisch einteilen. Und wie immer im Leben gibt es Grauzonen und neuere Entwicklungen, die nur schwer einzuordnen sind.<\/p>\n<p><strong>Das franz\u00f6sische Beispiel<\/strong><\/p>\n<p>Das klassische Beispiel eines &#8222;etatistischen Landes&#8220; ist Frankreich, mit einer starken technokratischen ja elit\u00e4ren F\u00fchrerschaft, die durch eine einfache Mehrheit des Volkes legitimiert wird. B\u00f6se Zungen sprechen von einer &#8222;Meritokratie&#8220; der Eliten. Der autorit\u00e4re Charakter der noch immer existierenden 5. Republik entstand aus einer B\u00fcrgerkriegs- und Terrorsituation mit den Kolonien. Konsensfindung, selbst-organisierte gesellschaftliche Gruppen oder Parlamentarismus war und ist schwach ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite gibt es die besonders ausgepr\u00e4gte pluralistische Demokratie in den nordischen L\u00e4ndern und in BeNeLux. Das alte skandinavische Modell des Wettbewerbs zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen mit einem starken Wohlfahrtsstaat oder das ber\u00fchmte Poldermodell der Niederlande der organisierten Verhandlungen zwischen privater\/gesellschaftlicher und \u00f6ffentlicher Hand haben in den letzten Jahrzehnten zwar im Zuge der Deregulierung Federn gelassen, doch bestehen sie fort.<\/p>\n<p>Das zutiefst europ\u00e4ische pluralistisch-korporative Modell erg\u00e4nzt und st\u00e4rkt die &#8222;Gro\u00dfe Demokratie&#8220; mit Wahlen oder Referenden. Die korporatistische Version des Pluralismus repr\u00e4sentiert ein kompliziertes Geflecht einer Demokratie, die demokratisch organisierte &#8222;checks und balances&#8220; in allen gesellschaftlichen Bereichen vorsieht.<\/p>\n<p>Die D\u00e4nen nennen dies <em>lille demokrati<\/em>, \u201ckleine Demokratie\u201d. Tagt\u00e4glich sind die D\u00e4nen mit demokratischen Kompromissen in der Schule, am Arbeitsplatz oder in Vereinen produktiv besch\u00e4ftigt. In Deutschland k\u00f6nnte man die &#8222;Lille Demokratie&#8220; mit &#8222;Vereinsmeierei&#8220; \u00fcbersetzen. Und da liegt schon ein Imageproblem. Demokratie ist ein gro\u00dfes Wort, in den M\u00fchen der Ebene aber oft grausam \u00e4tzend. Worin das Problem in Kritik der Kritik der kleinen Demokratie liegt, zeige ich sp\u00e4ter auf.<\/p>\n<p>Tatsache ist, dass die Bundesrepublik Deutschland ein Prototyp von komplizierter Demokratie ist: Starker F\u00f6deralismus, starker Parlamentarismus, starke Sozialpartnerschaft in starken sozialen Marktwirtschaften, starkes mitunter kirchlich gepr\u00e4gtes Wohlfahrtsystem, starkes Vereinswesen und eine starke \u00f6ffentlich-rechtliche wie auch private Medienlandschaft.<\/p>\n<p>Andere L\u00e4nder kennen einen ausgepr\u00e4gten Korporatismus. Das klassische Beispiel ist hier \u00d6sterreich, wo Arbeiter- und Wirtschaftskammer integraler Bestandteil des staatlichen Handels sind. Nicht unverst\u00e4ndlich wird dies als verstaubt und \u00fcberkommen kritisiert. Vielleicht eine Erkl\u00e4rung j\u00fcngster Wahlen in der Alpenrepublik. Denn &#8222;closed shops&#8220; von Interessengruppen, wie es der \u00d6konom Mancur Olsen es nannte, k\u00f6nnen nicht nur in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung negativ wirken. Sie entziehen der Gesellschaft Vertrauen.<\/p>\n<p><strong>Pluralistisch-korporatistische Demokratie<\/strong><\/p>\n<p>Freilich, diejenigen, die nicht vom Korporatismus eingebunden werden oder sich nicht eingebunden f\u00fchlen, treten in eine fundamentale Gegnerschaft zum System.<\/p>\n<p>Immerhin setzten seit den sp\u00e4ten 80er Jahren durchaus verst\u00e4ndliche Entstaubungsaktionen ein. Die Stichworte wurden in Europa vor allem durch Gro\u00dfbritannien definiert. Deregulierung oder wie die Gegner es nennen, der Neoliberalismus, wurde zum Allheilmittel gegen verstaubte korporatistische Strukturen auch auf dem Kontinent. Im Vordergrund standen vermeintliche und tats\u00e4chliche wirtschaftliche Notwendigkeiten, aber es ging &#8211; nicht nur auf der britischen Insel &#8211; um mehr als nur Wirtschaftspolitik. Das was uns erst mit der unvollstellbaren Brexitentscheidung klargeworden ist, ist eine Entkernung von pluralistisch-korporatistischer Demokratie in Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n<p>Mehr noch, Gro\u00dfbritannien hatte schon zuvor auf dem Kontinent und in der EU massiv Lobbying zur Deregulierung gemacht. Wir k\u00f6nnen mit Sicherheit dar\u00fcber streiten, wie sehr es n\u00f6tig war, das Alte Europa durch ein weniger an Staat und ein weniger an Korporatismus zu durchl\u00fcften. Aber zwischen den Polen Freiheit und Regelung gibt es viele Schattierungen. Pluralismus bedeutet nicht nur fairer Wettbewerb zwischen Wirtschaftsakteuren, sondern auch in Gesellschaft und Politik.<\/p>\n<p>Insofern ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass wir Pluralismus und Korporatismus im Sinne von Wettbewerb und Verantwortlichkeit f\u00fcr das Gemeinwesen interpretieren. Gerade weil der europ\u00e4ische Binnenmarkt eine so zentrale Rolle in der europ\u00e4ischen Integration spielt, sind mehr noch als in manch einem Nationalstaat Interessengruppen (oder Vulgo <em>&#8222;Lobbyisten&#8220;<\/em>) von so zentraler Bedeutung. Sie bilden zwischen den B\u00fcrgern wichtige Akteure, die es freilich einzuordnen und zu kontrollieren gilt.<\/p>\n<p>Das Transparenzregister von Europ\u00e4ischem Parlament und Europ\u00e4ischer Kommission listet die beeindruckende Zahl von 11.222 Interessenvertretern auf, die nicht nur zum Eigeninteresse, sondern auch f\u00fcr &#8211; zugegeben aus ihrer Sicht &#8211; Gemeinwohlinteressen eintreten. Das ist nicht erst seit heute so. Einen korporatistischen Ansatz als Erg\u00e4nzung nationaler Regierungen hat schon einer der V\u00e4ter der europ\u00e4ischen Integration, der Cognac-Unternehmer &#8222;Jean Monnet&#8220; verfolgt, indem er schon sehr fr\u00fch Gewerkschaften und Wirtschaft f\u00fcr die europ\u00e4ische Sache \u00fcberzeugte.<\/p>\n<p><strong>Wettbewerb und Verantwortlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Und schon 1948 kamen bei der Gr\u00fcndung der Europ\u00e4ischen Bewegung in Den Haag nicht nur Politiker zusammen, sondern auch Vertreter aller gesellschaftlichen Kr\u00e4fte. In der EU hat die Methode Monnet dazu gef\u00fchrt, dass es zu einem Spill-over-Effekt, einem \u00dcberschwappeffekt gekommen ist. Auf Deutsch k\u00f6nnte man sagen, wer A sagt, muss auch B sagen. Das hat vielfach geklappt. Von A) Binnenmarkt ausgehend haben wir B) Gleichberechtigung, Verbraucherschutz, Umweltschutz gesagt. Zur Wahrheit geh\u00f6rt aber auch, dass wir vor A) W\u00e4hrungsunion nicht B) Politische oder Soziale Union gesagt haben.<\/p>\n<p>Beim Euro scheint die Logik der immer engeren Union, so wie es die EU-Vertr\u00e4ge beschreiben, an einen kritischen Punkt angelangt zu sein.<\/p>\n<p>Ich muss an dieser Stelle betonen, dass die nationalen Regierungen eine bedeutende Rolle im Mehrebenensystem der EU spielen, ja spielen m\u00fcssen. Zwischenstaatliches Handeln interagiert mit supranationaler Demokratie und zwar erstaunlich parlamentarisch, pluralistisch und korporatistisch, mit einer starken und loyalen Beamtenschaft in Br\u00fcssel. De facto und nicht de jure ist die EU ein nicht-etatistisches System, das doch sehr an unsere Bundesrepublik und ihre nord- und westmitteleurop\u00e4ischen Nachbarn erinnert.<\/p>\n<p>Die vertraglichen Grundlagen gehen von einer repr\u00e4sentativen pluralistischen Demokratie aus mit starken korporatistischen Elementen und sogar mit Elementen direkter Demokratie. Noch dieses Jahr, in der Erkl\u00e4rung zum 60-j\u00e4hrigen Bestehen der R\u00f6mischen Vertr\u00e4ge, sprachen sich alle Staats- und Regierungschefs der EU 27 f\u00fcr das mittel- und nordeurop\u00e4ische System der Sozialpartnerschaft aus.<\/p>\n<p>Doch so sehr es wichtig ist, dass nationale Demokratien integraler Bestandteil einer europ\u00e4ischen Demokratie sind, so sehr ist es doch erstaunlich, dass der Zustand unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnungen auf nationaler Ebene nicht so sehr im Fokus der Kritik am europ\u00e4ischen Einigungswerk ist.<\/p>\n<p><strong>Warum nur ist die Demokratie in der EU so unter populistischem Druck?<\/strong><\/p>\n<p>Wir wollen es wahrscheinlich nicht wahrhaben, aber das demokratische Leben in den Nationalstaaten ist schon seit l\u00e4ngerer Zeit auf dem R\u00fcckzug.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst kann man durchaus sagen, dass in freien Wahlen \u00fcber die aktuellen Parteigrenzen hinweg die Grundstr\u00f6mungen zwischen den Parteienfamilien, trotz rechts- oder linkspopulistischer Parteien, durchaus stabil blieben. Dass wir eine andere Wahrnehmung haben, liegt an unserem kurzfristigen Ged\u00e4chtnis und am Wechsel und der Fragmentierung innerhalb der gem\u00e4\u00dfigten demokratischen Parteienlandschaft.<\/p>\n<p>Wahr ist aber nat\u00fcrlich auch, dass Schw\u00e4chen im demokratischen System Populisten Raum bieten und dies hat meiner Meinung nach mit der schwachen demokratischen Kultur der Eliten zu tun, die es oftmals gut meinen d\u00fcrften, aber bei weitem nicht immer gut machen.<\/p>\n<p>Schon in der Fr\u00fchen Neuzeit hat Jean-Jacques Rousseaus Konzept der nat\u00fcrlich erzogenen und eigenst\u00e4ndig handelnden B\u00fcrger zu einer gro\u00dfen Rivalit\u00e4t mit dem sehr auf eine aufgekl\u00e4rte Elite ausgerichteten Voltaire gef\u00fchrt. Rousseaus und Voltaires Ideen machen noch immer einen Teil unserer Gedankenwelt aus. Heute sprechen sogar Philosophen wie der indische Essayist Pankaj Mishra im New Yorker davon, dass Rousseau Brexit und Trump vorausgesehen hat und Populisten die Rousseausche Angst vor einer Elitenherrschaft (oder das Establishment) zum D\u00fcngemittel f\u00fcr ihre W\u00e4hlerschaft gemacht haben.<\/p>\n<p>Auch andere wie der <a href=\"http:\/\/www.ippr.org\/juncture\/parsing-populism-who-is-and-who-is-not-a-populist-these-days\">Politologe Jan-Werner M\u00fcller<\/a> sprechen vom Zusammenhang zwischen Populismus und einer technokratischen elit\u00e4reren Elite.<\/p>\n<p>Hiernach teilen sich Populisten und technokratische Eliten eine gemeinsame Basis: Beide bevorzugen Effizienz, Vereinfachung und vermeintlich schnelle Entscheidungswege. Sie suchen, assoziative und korporatistische Strukturen der &#8222;Lille Demokrati&#8220; einzuschr\u00e4nken oder gar zu zerschlagen. Ihr gemeinsamer Feind ist Pluralismus.<\/p>\n<p>Es war Alexis de Tocqueville der Anfang des 19. Jahrhunderts vor der Tyrannei der Mehrheit gewarnt hat. Aber obwohl er Rousseaus Skepsis gegen\u00fcber einer technokratischen Elite teilte, hat er eine pluralistische und stark auf das Vereinswesen basierende Demokratie vorgeschlagen, wo auch nat\u00fcrliches politisches Talent mit Exzellenz in einem fairen demokratischen Wettbewerb stehen darf. Aber in den letzten Jahrzehnten haben viele nationale Demokratien ihr Heil in Zentralisierung, Vereinfachung gesucht.<\/p>\n<p>Zwei gro\u00dfe L\u00e4nder stechen hierbei negativ heraus: Frankreich, dessen politische Kultur weiterhin etatistisch-elit\u00e4r bleibt und England, das \u00fcbrigens anders als Schottland die lille Demokratie mit Hilfe einer wenig pluralistischen Medienwirtschaft enorm eingeschr\u00e4nkt hat. Und nicht erst Erdo\u011fan strebte ein einfaches pr\u00e4sidiales System an. Schon der Urvater des Trumpismus Silvio Berlusconi suchte sein pers\u00f6nliches Heil in einem Land in dem zwischen ihm und den B\u00fcrgern keine weiteren Interessentr\u00e4ger im Wettbewerb stehen d\u00fcrften.<\/p>\n<p>Aber auch in Deutschland gibt es Entwicklungen, die einem Rousseau aber auch einem Tocqueville nicht gepasst h\u00e4tten. Heute kann man in vielen Bereichen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Menschen ohne Abitur oder Studium nicht mehr finden. Die drei Ministerpr\u00e4sidenten ohne Abitur wie Horst Seehofer, Michael M\u00fcller, Bodo Ramelow d\u00fcrften wir in unserem vom Ausw\u00e4rtigen Amt institutionell gef\u00f6rderten gemeinn\u00fctzigen Verein nicht anstellen. Der Tv\u00d6D setzt hohe H\u00fcrden. Auch in Parlamenten nimmt der Anteil von Nichtakademikern kontinuierlich ab.<\/p>\n<p><strong>Risiken f\u00fcr die Reformf\u00e4higkeit Europas<\/strong><\/p>\n<p>Warum diese nationalen Entwicklungen besonders gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Reformf\u00e4higkeit Europas sind macht sich an einem anderen Umstand fest. Die Komplexit\u00e4t pluralistischer und korporatistischer Strukturen m\u00f6gen zwar gut f\u00fcr die Kompromissfindung sein, doch m\u00f6gen dies weder radikale Populisten noch nationale Technokraten, B\u00fcrokraten oder Mediokraten. Sie machen die EU f\u00fcr Vielerlei, auch f\u00fcr mangelnde Demokratie verantwortlich. Und das Tragische dabei ist, dass auch die sogenannten Eurokraten in Br\u00fcssel lange Zeit nicht verstanden haben, dass sie f\u00fcr Pluralismus und Demokratie \u00f6ffentlich werben m\u00fcssen. Insofern bin ich Robert Menasse sehr f\u00fcr seinen preisgekr\u00f6nten Roman &#8222;Die Hauptstadt&#8220; dankbar. Das \u00f6ffnet auch f\u00fcr nationale Eliten die europ\u00e4ischen Augen.<\/p>\n<p>Aber es bleibt weiter schwer, f\u00fcr eine pluralistische repr\u00e4sentative Demokratie in Europa zu werben. Je mehr die demokratische Relevanz Europas steigt, so scheint es, desto mehr bietet sie Angriffsfl\u00e4che f\u00fcr die nationalen Akteure, die die EU zu einem S\u00fcndenbock nationaler Fehlentwicklungen stempeln. Und dabei f\u00e4llt es kaum auf, dass die meisten nationalen Demokratien unter einem gr\u00f6\u00dferen Vertrauensverlust leiden, als die EU selbst, so jedenfalls zeigen viele Umfragen.<\/p>\n<p>Immerhin &#8211; so scheint es &#8211; besinnt sich die Politik, Gesellschaft und damit die Bev\u00f6lkerung auf die demokratische Kraft der Europ\u00e4ischen Union. Noch in den 80er Jahren des &#8222;Kohl&#8217;schen Europas&#8220; war es undenkbar, dass die Europaflagge im Mittelpunkt von Demonstrationen f\u00fcr Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Pluralismus und B\u00fcrgern\u00e4he stand.<\/p>\n<p>Die Umfragen aber auch der \u00fcberwiegende Teil der Wahlen 2017 haben gezeigt, dass ein Brexit oder ein Trump sich in der EU 27 noch nicht durchsetzen kann. Aber \u00d6sterreich und vor allem Italien n\u00e4chstes Jahr werden zeigen, dass das Gespenst des nationalistischen Populismus noch nicht gebannt ist.<\/p>\n<p>Dennoch, 2018 kann sich ein Fenster der M\u00f6glichkeiten zur Stabilisierung Europas \u00f6ffnen. Die deutsche Politik und Presse ist aus guten und aus schlechten Gr\u00fcnden dabei sehr stark auf die sehr ehrgeizigen Vorschl\u00e4ge des franz\u00f6sischen Staatspr\u00e4sidenten Emmanuel Macron eingegangen. Aus guten Gr\u00fcnden, und hier spricht wieder der Paderborner, muss es eine enge Zusammenarbeit zwischen Paris und Berlin geben.<\/p>\n<p>Allerdings sollte der deutsch-franz\u00f6sische Motor lediglich als starker Hilfsmotor fungieren, falls die Hauptmaschine der Europ\u00e4ischen Union ausfallen sollte. Hoffnung f\u00fcr den Hauptmotor bietet die \u00fcberaus gute Rede des Kommissionspr\u00e4sidenten Jean-Claude Juncker zur Lage der EU. Er setzt ganz auf repr\u00e4sentative Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Gemeinschaftlichkeit aller EU-Mitglieder und Teilhabe der gesellschaftlichen Gruppen im europ\u00e4ischen Prozess. Wer die ersten Sondierungspapiere der Jamaika-Koalition gelesen hat, der kann zumindest erahnen, dass diese m\u00f6gliche Regierung viel Macron aber auch ganz viel Juncker in sich tragen wird. Die in Berlin bekannt gewordenen Stichworte der Jamaika-Runden aus Sicht der Europ\u00e4ischen Bewegung Deutschland richtige Grunds\u00e4tze auf:<\/p>\n<p><strong>Und sonst? <\/strong><\/p>\n<p>Fr\u00fcher stand vor jeder westdeutschen Stadt &#8211; auch in Paderborn &#8211; ein blaues Schild: \u201eGemeinde Europas\u201c, darunter standen die Namen aller Partnerst\u00e4dte. In Tempelhof steht noch immer eins und es betont die Partnerschaft mit vielen europ\u00e4ischen Gebietsk\u00f6rperschaften, so auch dem westdeutschen Landkreis Paderborn. Es rostet vor sich hin\u2026<\/p>\n<p>Die Neue Westf\u00e4lische sprach 2010, ich zitiere: &#8222;Europafest ad\u00e9 &#8211; vom Ende einer Tradition&#8220;. Ich m\u00f6chte nun nicht meiner Jugend schw\u00e4rmen mit dem tollen Europafest in Paderborn und der Eurovision im Fernsehen mit Hans-Joachim Kuhlenkampfs EWG oder &#8222;Spiel ohne Grenzen&#8220;. Aber ein Absatz in der NW hat mich sehr an den technokratisch gewollten R\u00fcckzug der &#8222;lille demokrati&#8220; erinnert: &#8222;Keinen Zweifel l\u00e4sst der Stadtmarketingchef daran, dass sein Amt durch die Aufl\u00f6sung des Komitees einen Batzen Arbeit zus\u00e4tzlich auf dem Tisch hat. Runde 1.200 Stunden pro Jahr haben die ehrenamtlichen Komiteemitglieder unter der F\u00fchrung von Dieter Nolden in die Liboriwoche investiert.&#8220;<\/p>\n<p>Sein wir ehrlich. Europaweit, auch in Paderborn, wurden l\u00e4ngst kommunale Beauftragte f\u00fcr Jugendaustausch ersetzt durch EU-Wettbewerbsrechtler \u2013 zur Abwehr eines echten oder vermeintlichen Br\u00fcsseler B\u00fcrokratiewahns? Das w\u00e4re schrecklich. Wenn Politik die selbstorganisierte demokratische Gesellschaft leichten Herzens technokratisch-b\u00fcrokratisch abwickelt, wie kann man dann den relativ wenigen Beamten in Br\u00fcssel \u201eEurokratie\u201c vorwerfen?<\/p>\n<p>Noch ein Gedanke: mit der sicherlich sinnvollen Deregulierung vieler \u00fcberkommener Strukturen ist in Deutschland ein neuer Begriff gepr\u00e4gt worden, der leider viel zu wenig <em>lille Demokratie<\/em> enth\u00e4lt. Ich spreche vom Begriff der Zivilgesellschaft. Viele, die sich Zivilgesellschaft nennen, treten nicht f\u00fcr demokratische Selbstorganisation ein, sondern verfolgen effiziente au\u00dferparlamentarische Opposition gegen einander. Pr\u00fcfen wir, ob Zivilgesellschaft nicht besser durch &#8222;demokratische Gesellschaft&#8220; ersetzt werden kann. Denn Demokratie steht im Vordergrund unseres Gemeinwesens.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen sie \u00fcberall leben und demokratisch gestalten: In den Verb\u00e4nden, nat\u00fcrlich in den Parteien, m\u00f6glichst grenz\u00fcberschreitend.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen das demokratische Europa auch \u00fcberall vorleben: Im B\u00e4ckerhandwerk, im Jugendverein, in der Wirtschaft, in der Diakonie, ja auch in den Medien und in der Schule \u2013 einfach auf allen Ebenen und m\u00f6glichst grenz\u00fcberschreitend. St\u00e4dtepartnerschaften, horizontaler grenz\u00fcberschreitender Austausch zwischen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern aus allen Ecken Europas, all das muss nachhaltig gest\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p><strong>Europ\u00e4isch demokratischer Geist<\/strong><\/p>\n<p>Ob bei Pulse of Europe, beim March for Europe, bei den anti-Korruptions-Demos in Bukarest, antiautorit\u00e4re Demos in Warschau oder Budapest oder anti-Brexit-Demos in London: wir brauchen einen europ\u00e4isch demokratischen Geist, notfalls auf der Stra\u00dfe. Wir brauchen aber diesen Geist auch bei allen gesellschaftlichen Kr\u00e4ften, ob in Wohlfahrtsverb\u00e4nden, Kirchen, Fl\u00fcchtlingsinitiativen, in Gewerkschaften oder in Handelskammern und auch in der Schule!<\/p>\n<p>Europas Demokratie kann nur funktionieren, wenn wieder alle Teile der europ\u00e4ischen Gesellschaft Demokratie leben. Nur 3 % Parteimitglieder (in Deutschland nur 2 %) und Wahlen und Referenden reichen nicht aus, um Demokratie verantwortlich zu gestalten.<\/p>\n<p><strong>Mehr Demokratie <\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Mitbestimmung, Mitverantwortung in den verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft wird eine bewegende Kraft der kommenden Jahre sein. Wir k\u00f6nnen nicht die perfekte Demokratie schaffen. Wir wollen eine Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung fordert [&#8230;] kritische Partnerschaft mit allen, die Verantwortung tragen, sei es in den Kirchen, der Kunst, der Wissenschaft und der Wirtschaft oder in anderen Bereichen der Gesellschaft.\u201c<\/p>\n<p>Europ\u00e4ische Demokratie kann nicht von proeurop\u00e4ischen Eliten verordnet werden. Es wird nicht reichen, die Europ\u00e4ische Union lediglich institutionell und mit gutem Regieren zu verbessern und es dann dem Volke einfach nur besser zu erkl\u00e4ren. Ob sie es wollen oder nicht: dies sind die falschen Freunde der Demokratie!<\/p>\n<p>Die wahren europ\u00e4ischen Demokraten setzen sich f\u00fcr Demokratie auf allen Ebenen und allen Bereichen der Gesellschaft ein. Auch wenn dies mehr Aufwand und Kompromiss bedeutet: sie sind die guten Freunde der Demokratie!<\/p>\n<p>Liebe Frau Direktorin, Ich wei\u00df, dass F\u00fchrung n\u00f6tig ist und dass b\u00fcrokratische Zw\u00e4nge das Leben sicher auch an unserer Schule schwermachen. Aber Demokratie im Kleinen lohnt sich garantiert auch am Theodorianum. Und wenn dies sogar grenz\u00fcberschreitend in Schulpartnerschaften passiert, dann ist die umso lohnender f\u00fcr Europa.<\/p>\n<p>Und an die anwesenden Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler: Mit Eurem Abitur zeigt sich die wahre Elite, wenn Sie &#8222;Mehr Demokratie&#8220; allen zutrauen und selbst wagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie l\u00e4sst sich erkl\u00e4ren, dass die Demokratie in der Europ\u00e4ischen Union unter solch einem populistischen Druck steht? Was macht Europas Demokratie in Zukunft aus? Antworten fallen schon im normalen Leben nicht leicht. Aber die Hauptrede des Jahres vor Contheodorianer\/inne\/n meines Gymnasiums zu halten ist dann doch etwas ganz Besonderes. 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Hes is board member of Transparency International Deutschland e.V. He studied political science, history and European law at the University of Bonn. He first worked for the Robert Bosch Stiftung as a PR consultant, then as a research assistant at the Institute for European Politics (\u201cInstitut f\u00fcr Europ\u00e4ische Politik\u201c). From 2000 to 2003, he conducted programs of the German Foreign Office on the EU accession of Slovakia and Croatia, including as an advisor to the Slovak Government Office in Bratislava. Bernd H\u00fcttemann began his career in European politics within the Young European Federalists (JEF) as head of office in Bonn and Brussels. Later, H\u00fcttemann was honorary Secretary General of the Europa-Union Germany and from 2014 to 2020 Vice-President of the European Movement International.","sameAs":["http:\/\/www.huettemann.eu","https:\/\/www.linkedin.com\/in\/berndhuettemann\/","https:\/\/x.com\/huettemann","https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bernd_H\u00fcttemann"],"url":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/author\/bernd93z5y6a247faf\/"}]}},"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack-related-posts":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1765","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1765"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1765\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3195,"href":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1765\/revisions\/3195"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1765"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1765"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1765"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}