{"id":626,"date":"2012-10-24T17:24:29","date_gmt":"2012-10-24T15:24:29","guid":{"rendered":"http:\/\/bernd.huettemann.eu\/?p=626"},"modified":"2022-01-05T18:47:58","modified_gmt":"2022-01-05T18:47:58","slug":"brussels-business","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/2012\/10\/brussels-business\/","title":{"rendered":"Brussels Business oder Ein Flutlicht auf den Lobbymoloch"},"content":{"rendered":"<p>Dramatische Bilder, pomp\u00f6se Musik, Br\u00fcssel aus Googlemapssicht oder per Limosine in grauen Stra\u00dfenschluchten. Wenn man den Film gesehen hat, wei\u00df man nicht mehr so genau, ob er schwarz-wei\u00df oder bunt war. &#8222;<a href=\"http:\/\/www.thebrusselsbusiness.eu\/\"><strong>The Brus$els Business<\/strong><\/a>&#8220; macht Eindruck und bewirkt Kopfsch\u00fctteln. Aber nicht immer da, wo es sich der Wiener Regisseur Friedrich Moser vielleicht w\u00fcnscht. Ich konnte den Film gestern in einer Preview gleich in meiner Nachbarschaft sehen. Es geschah am 7. September 2012 im <a href=\"http:\/\/www.acud.de\/\">ACUDKino<\/a>, das seltsamerweise so verwinkelt und hinterzimmerisch aufgebaut ist, dass es ideal zum dunklen Bild des Lobbying passt, allerdings in Berlin.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wer schon einmal in Br\u00fcssel gelebt und gearbeitet hat, der erkennt vieles im Film wieder: unglaubliche Bauten, 4-spurige Einbahnstra\u00dfen, Anzugtr\u00e4ger in ebenso pomp\u00f6sen wie unsympatischen Konferenzr\u00e4umen und der obligatorische Regen auf grauem Stein. Aber der Ex-Br\u00fcsseler vermisst auch vieles: das multikulturelle vielf\u00e4ltige kreative europabegeisterte Br\u00fcssel, das die interessantesten Menschen in lebenswerten bunten Artdeco-Reihenh\u00e4usern zu bieten hat.<\/p>\n<p>Aber darum geht es in dem Film nicht. Es geht um Lobbyismus in Br\u00fcssel und von dem hat man von vornherein das Bild, was im Film gezeigt wird. Dabei ist kaum etwas falsch. Die Politik ist Br\u00fcssel ist komplex, verwirrend und in einem st\u00e4ndigen Wandlungsprozess. Und es ist auch wahr, dass Lobbygruppen auf die Gesetzgebung massiv Einfluss nehmen oder vielmehr nahmen. Denn das meiste ist Zeitgeschichte. Die massive Einflussnahme des <a href=\"http:\/\/www.ert.eu\/\">European Round Table<\/a> auf die Etablierung des Binnenmarktes 1992 durch die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kommission_Delors_I\">Delors I-Kommission<\/a> entzog (?) sich der \u00d6ffentlichkeit und ganz sicher fehlte die demokratische Kontrolle, Transparenz. Doch verschwiegen wird, dass mit der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Einheitliche_Europ%C3%A4ische_Akte\">Einheitlichen Europ\u00e4ischen Akte<\/a>, die 1985 den Binnenmarkt forderte, auch eine massive Demokratisierung der Europ\u00e4ischen Gemeinschaft begann. Das noch heute untersch\u00e4tze <a href=\"http:\/\/www.europarl.europa.eu\/news\/de\">Europ\u00e4ische Parlament<\/a> wurde gest\u00e4rkt, die Mehreitsentscheidungen im Rat erm\u00f6glichten neue Handlungsfelder in der Gesetzgebung, auch f\u00fcr Umwelt- oder Genderpolitik, das sog. &#8222;Spill-over&#8220;. Das noch immer unfertige Geb\u00e4ude der Europ\u00e4ischen Union wurde mit dem Binnenmarkt demokratisch gest\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Der Film verschweigt das und zeigt leider erst zum Schluss mit Recht, dass sich auch die Mechanismen in puncto Transparenz verbessert haben. Ob dies nur am &#8222;guten nordischen&#8220; Esten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Siim_Kallas\">Siim Kallas<\/a> oder nicht an der gesamten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kommission_Barroso_I\">Barroso I -Kommission<\/a> und eben auch am Europ\u00e4ischen Parlament liegt, sei dahin gestellt. Und ohne Frage sind es zivilgesellschaftliche Initiativen, wie die von <a href=\"http:\/\/www.lobbycontrol.de\/blog\/\">LobbyControl<\/a> gewesen, die &#8222;nervig&#8220; mit Aktivismus und Witz die Politik auf Spur brachten. Aber ist das nicht ein normaler politischer Prozess in einem Staatswesen, das stets auf unabh\u00e4ngige Aufkl\u00e4rung angewiesen ist? Ist zudem das \u201eUngleichgewicht der Einflussnahme\u201c, das LobbyControl bek\u00e4mpfen m\u00f6chte, nicht nur eine Wahrnehmungsverzerrung, eine Angstbild, weil man es eben nicht so ganz versteht? Man stelle sich vor, Initativen wie der \u201eEuropean Round Table\u201c h\u00e4tten sich nicht formiert, w\u00e4re die EU-Kommission dann auch auf gro\u00dfe Infrastrukturplanungen gekommen, w\u00e4re sie gut informiert in Handelsabkommen gegangen? Und wer ist denn bitte ein Vertreter, der sich bei der Politik melden darf, wenn nicht der CEO eines Unternehmens von europ\u00e4ischen Rang?<\/p>\n<p>Der Film macht dankenswerterweise klar, dass der Journalismus sich keineswegs f\u00fcr diese Zusammenh\u00e4nge interessiert. Kein Wunder, dass es der Aufkl\u00e4rung durch Nichtregierungsorganisationen bedarf. Es schimmert durch, dass das vermeintliche demokratische Defizit der Europ\u00e4ischen Union am Versagen der Medien liegen k\u00f6nnte, die es vers\u00e4umen, den B\u00fcrger auf europ\u00e4isch-nationale Zusammenh\u00e4nge hinzuweisen.<\/p>\n<p>Da liegt eine gro\u00dfe St\u00e4rke des Films. Er ist ein Hingucker f\u00fcr Zuschauer. Aber das intensive Ausleuchten von EU-Akteuren, die jenseits der EU-Gipfeltreffen in Br\u00fcssel wirken, ist auch seine Schw\u00e4che. Ausgedr\u00fcckt durch die musikalische Untermalung des Films, \u00e4hnlich den Schauerfilmen wie \u201eDas Omen\u201c ist die stumme Schlussfolgerung auch etwas naiv. Politiker treffen Entscheider, Entscheider suchen Vermittler zu Politikern. Wer h\u00e4tt\u2019s gedacht. Eine Kultur, die grenz\u00fcberschreitende Grossprojekte der Industrie oder der Politik auch an Kirchturmpolitik und am St.-Floriansprinzip scheitern l\u00e4sst, braucht sich keine Demokratiedefizite vorwerfen lassen. Die ICE-Bahnh\u00f6fe Limburg und Montabaur passen sich &#8222;eindrucksvoll&#8220; in transeurop\u00e4ische Netze ein. Der wichtige Punkt der Transparenz geht durch solche Werturteile etwas verloren. Und: das viele Licht wird so sehr auf einzelne stereotype Aspekte konzentriert, dass man vergisst, dass mangelnde Transparenz kein Br\u00fcsseler, sondern ein generelles Problem ist.<\/p>\n Licht in das dunkle Br\u00fcssel bringen: Dieter Plehwe (LobbyControl), Ulrike Winkelmann (taz, Moderation), Friedrich Moser (blueandgreen) im AkudKino am 7. September 2012.\n<p>Und hier kommt die im Anschluss an die Preview gegebene Diskussion mit LobbyControler <a href=\"http:\/\/www.wzb.eu\/en\/persons\/dieter-plehwe\">Dieter Plehwe<\/a> und Friedrich Moser ins Spiel, erfrischend neutral moderiert von taz-Innenchefin Ulrike Winkelmann. Die Frage, ob die Transparenzregeln in Br\u00fcssel nicht doch st\u00e4rker sind als die in Wien oder Berlin, wurde von Plehwe und Moser eindeutig bejaht. Macher Friedrich Moser wies deshalb darauf hin, dass der Film in einem Arte-Themenabend ausgestrahlt wird, eingebettet in eine allgemeine Darstellung von Lobbyismus. Ganz \u00fcberzeugend ist das nicht, denn viele werden nur diesen Film sehen. Ich empfehle als Doppelpack den WDR-Film &#8222;Wir sind drin &#8211; Konzernlobbyisten im Zentrum der Macht&#8220;\u00a0. Das ist dann das bunte nationale Kontrastprogramm zum d\u00fcsteren Br\u00fcsselbild, das\u00a0 &#8222;The Brus$els Business&#8220; bietet. Und ich w\u00fcrde mich freuen, wenn Moser ein Remake von &#8222;Wir sind drin&#8220; drehen w\u00fcrde, in einem grauen d\u00fcsteren kalten verschneiten Berlin, mit Fahrten durch die Leipziger Stra\u00dfe mit unsympatischen Koffertr\u00e4gern im Plattenbau-Hilton. Das w\u00fcrde vielen Nichtdeutschen stereotyp gefallen.<\/p>\n<p>Und \u00fcberhaupt: macht Schluss mit dem ewig gestrigen Lobbybild. Unsere Gesellschaft ist viel zu vielf\u00e4ltig, dass sie nur Wirtschaftslobby die Macht \u00fcberl\u00e4sst. Anders als im Film erw\u00e4hnt ist Lobbyismus nicht in Firstclasshotels entstanden, sondern in der Mutter aller Parlamente, in der barocken Lobby des britischen Parlamentes. Lobbyismus ist in der Demokratie explodiert. Bei K\u00f6nigs war er gar nicht n\u00f6tig!<\/p>\n<p>Dennoch: der Film macht mit Recht deutlich, dass die Kommission auf zuviel externe Expertise angewiesen ist. Was er nicht sagt: weil sie f\u00fcr ihre Arbeit zu wenig eigene Experten\/Beamte einsetzen kann. Die Nettozahlerdebatte l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Br\u00fcssel ist parlamentarischer und damit dezentraler geworden. Auch die NGO-Lobby nutzt die EU-Gesetzgebung f\u00fcr ihre Interessen, mit wenig Geld aber mit Fantasie und Kreativit\u00e4t. Beispiele aus dem Bundeswehrverband und der Bundeszentrale Verbraucherschutz habe ich einmal f\u00fcr die Universit\u00e4t Tartu in einem Artikel mit Thomas Traguth aufgeschrieben:\u00a0 <a href=\"http:\/\/dspace.utlib.ee\/dspace\/handle\/10062\/10287\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Europeanisation. The impact of Europe. What you see is what you do not get<\/a>.<\/p>\n<p>Man sollte &#8222;<a href=\"http:\/\/www.thebrusselsbusiness.eu\/\"><strong>The Brus$els Business<\/strong><\/a>&#8220; unbedingt sehen. Vor allem aber sollte man das l\u00f6bliche angek\u00fcndigte Angebot annehmen und kritisch im Internet dazu debattieren. Moser hat mich \u00fcberzeugt, dass der Film nationalistischen \u00f6sterreichischen Populisten nicht gef\u00e4llt. Aber das sollte selbstverst\u00e4ndlich sein.<\/p>\n<p>Der Film soll in naher Zukunft im \u00f6ffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt werden (u.a. Arte).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dramatische Bilder, pomp\u00f6se Musik, Br\u00fcssel aus Googlemapssicht oder per Limosine in grauen Stra\u00dfenschluchten. Wenn man den Film gesehen hat, wei\u00df man nicht mehr so genau, ob er schwarz-wei\u00df oder bunt war. &#8222;The Brus$els Business&#8220; macht Eindruck und bewirkt Kopfsch\u00fctteln. Aber nicht immer da, wo es sich der Wiener Regisseur Friedrich Moser vielleicht w\u00fcnscht. 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