{"id":957,"date":"2014-06-10T12:09:54","date_gmt":"2014-06-10T10:09:54","guid":{"rendered":"http:\/\/huettemann.eu\/?p=957"},"modified":"2022-01-05T18:48:35","modified_gmt":"2022-01-05T18:48:35","slug":"schwarzes-loch-des-rats-oder-parlaments-super-nova","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/huettemann.eu\/de\/2014\/06\/schwarzes-loch-des-rats-oder-parlaments-super-nova\/","title":{"rendered":"&#8222;Schwarzes Loch&#8220; des Rats oder &#8222;Parlaments-Super Nova&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p><b style=\"line-height: 1.5em;\">Im Sommer 1989 durfte ich zum ersten Mal w\u00e4hlen. Es war die Europawahl. Nur zehn Jahre zuvor wurde das Europ\u00e4ische Parlament \u00fcberhaupt erstmals direkt vom B\u00fcrger gew\u00e4hlt. 1989, das war die letzte deutsche Wahl im Kalten Krieg. Aber trotz des Bedrohungsszenarios blieb mir nur ein schrecklich naiver <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=KaZD_uaXjBk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wahlkampfsong<\/a><\/b><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=KaZD_uaXjBk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><span style=\"text-decoration: underline;\">\u00a0<\/span><\/a><b style=\"line-height: 1.5em;\"><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=KaZD_uaXjBk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">in den Ohren: \u201eWir sind Europa\u201c<\/a>. 2014 sieht die Welt f\u00fcr die europ\u00e4ische Demokratie ganz anders aus. Man kann mit Fug und Recht behaupten: Die EU steht vor einem parlamentarischen Systemwandel &#8211; oder mit anderen Worten: der vermeintlich gescheiterte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vertrag_%C3%BCber_eine_Verfassung_f%C3%BCr_Europa\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Verfassungsvertrag<\/a>\u00a0wirkt, im Deckmantel <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vertrag_von_Lissabon\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">von Lissabon<\/a><\/b><b style=\"line-height: 1.5em;\">. Aber noch ist nicht alles in trockenen T\u00fcchern. Der aufbl\u00fchende Stern Europ\u00e4isches Parlament k\u00f6nnte auch zu einer Super Nova werden, wenn der Europ\u00e4ische Rat weiter ein Schwarzes Loch bleibt.\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Was sich in diesen Tagen in den digitalen und traditionellen Medien in Deutschland in Bezug auf Europa getan hat, ist mehr als beachtlich. Dass Europapolitik in diesen Jahren relevanter wurde. war offensichtlich. Dass eine Europawahl damit zusammenh\u00e4ngt hat nun auch diejenigen \u00fcberrascht, die sich eine Demokratisierung der EU-Debatte so gar nicht mehr vorstellen konnten.<\/p>\n<p>Sicher, die neue Qualit\u00e4t der europapolitischen Diskussion lag zun\u00e4chst ausgerechnet an der Finanz- und Wirtschafts- und Besch\u00e4ftigungskrise. Es mag auch an der neuen Bedrohung aus Russland &#8211; nicht nur f\u00fcr seine Nachbarn &#8211; liegen. Aber diesmal ist es mehr.<\/p>\n<p>Ich bin der Einladung der <a href=\"http:\/\/www.kas.de\/wf\/de\/21.5\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Konrad-Adenauer-Stiftung<\/strong><\/a> gefolgt, einen kleinen Rundumschlag zu Ablauf, Ergebnis und Bedeutung der Europawahl zu geben. Ich werde mich auf einige Aspekte konzentrieren, denn Interpretationen m\u00fcssen so pluralistisch sein wie die Demokratie selbst. Ich freue mich daher auf dieses Fachgespr\u00e4ch, um Neues hinzuzulernen.<\/p>\n<p>Meine Punkte: Die <b>Wahlbeteiligung<\/b> ist erstmals leicht gestiegen, in Deutschland sogar signifikant. Der <b>Rechtspopulismus<\/b> hat zugenommen, aber nicht fl\u00e4chendeckend, nicht signifikant. Durch die klare Stellung der meisten Fraktionen hinter Spitzenkandidat Juncker erobert das Europ\u00e4ische Parlament gewaltiges Terrain. Ob sich dies allerdings in einer <b>besseren Kommunikation<\/b> des Parlaments mit den nationalen \u00d6ffentlichkeiten niederschl\u00e4gt, ist angesichts der ungleichen <b>Rahmenbedingungen und der mangelhaften Ressourcen<\/b> des Parlaments noch fraglich.<\/p>\n<p>Die aktuellen Zahlen zu den Ergebnissen aber auch die seit Juni fast t\u00e4glich \u00e4ndernden Fraktionsbildungen lassen sich leicht auf den <a href=\"http:\/\/www.ergebnisse-wahlen2014.eu\/de\/election-results-2014.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Seiten des Europ\u00e4ischen Parlaments nachlesen<\/a>.<\/p>\n<p><b>Wahlbeteiligung \u2013 Abw\u00e4rtstrend gestoppt<\/b><\/p>\n<p>Die geringe <b>Wahlbeteiligung<\/b> von europaweit 43,9 % bleibt auf den ersten Blick ein Problem, aber sie ist nicht das Problem. Zumal es erstmals nach einer langen Talfahrt wieder eine Zunahme gab. Problematisch sind eher katastrophale Werte, wie in der Slowakei (13%). Aber auch hier gibt es Licht. Die Slowaken geben der EU generell die h\u00f6chsten Zustimmungsraten. Ein \u00e4hnlich paradoxes Bild bietet sich in Polen \u2013 hohe Zufriedenheit mit Europa bei geringer Wahlbeteiligung.<\/p>\n<p>In Deutschland ist dieWahlbeteiligung gewachsen, allerdings gibt\u00a0 es weiterhin eine gro\u00dfe Gleichg\u00fcltigkeit zu Europa: So ist es 40 % egal, wer Kommissions-Pr\u00e4sident ist (siehe ZDF-Politbarometer). Gleichzeitig zeigt die ARD, dass das deutsche Wahlvolk qualitativ hinter dem Europ\u00e4ischen Parlament und nicht hinter dem Europ\u00e4ischen Rat steht (vgl. Infratest-DIMAP)<\/p>\n<p>\u201eDie Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.\u201c Art. 11 GG. Bei der Europawahl ist ihnen das aber nur halb so wichtig wie bei den Bundestagswahlen. Au\u00dfer der Linkspartei haben die Bundestagsparteien nach <a href=\"http:\/\/www.wahl.de\/blog\/140515\/kampagnen-kandidaten-kosten-plakate-programme-europawahl\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wahl.de<\/a> nur die H\u00e4lfte ihrer durch die Europawahl eingenommenen Steuereinahmen tats\u00e4chlich in den Wahlkampf gesteckt (vgl.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/europawahl\/geringe-kampagnen-etats-parteien-verdienen-praechtig-am-europa-wahlkampf-12902464.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">FAZ: Parteien verdienen pr\u00e4chtig<\/a>).<\/p>\n<p>Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Abschaffung der 5%-H\u00fcrde ist gerade in der Begr\u00fcndung von Karlsruhe \u00e4rgerlich, da es das Europaparlament schon lange die Vollj\u00e4hrigkeit abspricht. Doch wird sich im neuen Europaparlament die Lage entspannen, da viele neue Abgeordnete kleiner Parteien sich bestehenden Fraktionen anschlie\u00dfen werden (z.B. Freie W\u00e4hler und Piraten).<\/p>\n<p><b>Anti-Europ\u00e4er \u2013 ein differenziertes Bild<\/b><\/p>\n<p>Aber richten wir den Blick au\u00dferhalb Deutschlands: Frankreich und das Vereinigte K\u00f6nigreich sind das Problem, nicht die Krisenl\u00e4nder. Nat\u00fcrlich kann man sich dar\u00fcber streiten, welches populistische Spiel Grillos Movimento Cinque Stelle spielt. Der Komiker wei\u00df es wahrscheinlich selber nicht. Die Basis jedenfalls tendiert eher zu den Gr\u00fcnen und denkt sogar euro-f\u00f6deralistisch. Ein anderer \u201eClown\u201c erlebt in Italien gerade wie anti-europ\u00e4ischer und anti-deutscher Wahlkampf nach hinten losgeht. Aber vor allem Spanien zeigt ganz deutlich, dass die einfache Rechnung \u201eSpardiktakt gleich Anti-EU-Parteien\u201c nicht aufgeht. Es sind eindeutig innenpolitische Gr\u00fcnde, warum in einem Land zugelassen wird, dass antieurop\u00e4ische Stimmung verf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Insgesamt sind dezidiert europakritische Parteien gar nicht so stark gewachsen. Eine Z\u00e4hlweise der <a href=\"http:\/\/www.europeanmovement.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Europ\u00e4ischen Bewegung international<\/a> kommt auf &#8222;nur&#8220; 4 %. Wenn z.B. in Gro\u00dfbritannien UKIP 11 % gewinnt, dann steht dem ein Verlust der British National Party von 5 % gegen\u00fcber. Das antieurop\u00e4ische Potenzial ist also unter dem Strich weniger stark als angenommen.<\/p>\n<p>Es wird sich dar\u00fcber hinaus zeigen, ob es \u00fcberhaupt gelingt, EU-kritische und Anti-EU-Allianzen nachhaltig zu schmieden. Wie sich britische Konservative und deutsche AfD in einer Fraktion zum EU-US-Handelsabkommen TTIP vertragen, ist dabei noch die kleinste Frage. Noch spannender d\u00fcrfte es sein, wie der Antisemitismus von Front National mit UKIP vereinbar ist. Es ist auch nach fr\u00fcheren Erfahrungen davon auszugehen, dass es eine Zersplitterung geben wird. Es wird noch viele Schaubilder, wie das nachfolgende brauchen, um die Fraktionsbildung einigerma\u00dfen abzubilden.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\">\n<p lang=\"en\" dir=\"ltr\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/Berlaymonster?ref_src=twsrc%5Etfw\">@Berlaymonster<\/a> @BBCChrisMorris She has already poached Lega Nord. We look at the other permutations here <a href=\"http:\/\/t.co\/8sI2utzo3M\">pic.twitter.com\/8sI2utzo3M<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Pawel Swidlicki (@pswidlicki) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/pswidlicki\/status\/471675711569551360?ref_src=twsrc%5Etfw\">May 28, 2014<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p>Bleibt immer noch die Frage, warum es vor allem in Frankreich einen so starken Zulauf zum Front National gegeben hat.<\/p>\n<p>Bekannteste Beobachtung: Frankreich leidet an seiner mangelnden F\u00e4higkeit, wirtschaftliche Reformen voranzubringen. Aber es gibt noch ein anderes Element, was viel zu selten Thema ist. Dies gilt auch f\u00fcr Gro\u00dfbritannien, das zwar wirtschaftlich Bestwerte erzielt, aber dies vor allem auf neue Finanz- und Immobilienblasen gr\u00fcndet. Auffallend ist, dass beide L\u00e4nder einen enormen Zentralismus aufweisen, der nicht nur territorial sondern auch (zivil-)gesellschaftlich wirkt, denn beide L\u00e4nder haben einen relativ geringen Organisations- bzw. Wirkungsgrad von gesellschaftlichen Gruppen. Es wird auch aus deutscher Parteiensicht oftmals vergessen, dass Mitteleuropa, Nordeuropa und aber auch Spanien und Italien in puncto gesellschaftlicher Pluralismus Europas Atomm\u00e4chten weit voraus sind.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\">\n<p lang=\"en\" dir=\"ltr\">Tale of 2 Cities: London &amp; Paris are globalised capitals divided from their anti-establishment countries <a href=\"https:\/\/twitter.com\/hashtag\/EP2014?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw\">#EP2014<\/a> <a href=\"http:\/\/t.co\/COxfdDWbXZ\">pic.twitter.com\/COxfdDWbXZ<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Simon Hix (@simonjhix) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/simonjhix\/status\/471326455298027520?ref_src=twsrc%5Etfw\">May 27, 2014<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p><b>&#8222;The\/Le Spitzenkandidat&#8220; (Financial Times\/Le Monde)<\/b><\/p>\n<p>Dies dr\u00fcckt sich auch in der Debatte zum Spitzenkandidaten aus. Was sich in Deutschland erst langsam entwickelte, wurde zum beherrschenden Thema gesellschaftlicher Gruppen und \u2013 das ist erfreulich \u2013 der Medien.<\/p>\n<p>Beredtes Beispiel ist die Auseinandersetzung um die Spitzenkandidaten und die verfassungsrechtliche Interpretation des Art. 17 Abs, 7 \u00a7 1 EUV: \u201eDer Europ\u00e4ische Rat ist verpflichtet, das Ergebnis der Wahlen zu ber\u00fccksichtigen.\u201c. Nach Auffassung zumindest <a href=\"http:\/\/www.verfassungsblog.de\/der-europaeische-rat-ist-verpflichtet-juncker-vorzuschlagen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">einiger Verfassungsrechtler<\/a> ist der Europ\u00e4ische Rat verpflichtet, den vom Europ\u00e4ischen Parlament vorgeschlagenen Kandidaten mit qualifizierter Mehrheit zu w\u00e4hlen. Die Tatsache, dass nicht nur die alte Gro\u00dfe Koalition aus S&amp;D und EVP hinter Jean-Claude Juncker steht, sondern auch Gr\u00fcne und Liberale (selbst Alexis Tsipras von der eurokritischen SYRIZA hat Zustimmung signalisiert) zeigt, dass das Parlament es ernst meint im Machtkampf mit dem Europ\u00e4ischen Rat.<\/p>\n<p>Meine These ist, dass der Europ\u00e4ische Rat kalt von der \u00f6ffentlichen Meinung, zumal in Deutschland, erwischt wurde. Und dabei wurde auch ein System erwischt, das sich vor einigen Jahren selbst als \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gemeinschaftsmethode#Debatte_.C3.BCber_eine_.E2.80.9Eneue_Unionsmethode.E2.80.9C\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Unionsmethode<\/a>\u201c umschrieben hat. Die Bedeutung der in der Krise gest\u00e4rkten intergouvernementalen Kooperation als System war nur wenigen bekannt.<\/p>\n<p>Aber ein Schritt zur\u00fcck. Der neue Kanzleramtsminister Peter Altmaier brachte das, was da gerade geschieht, nach meiner Meinung auf den Punkt:<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\">\n<p lang=\"en\" dir=\"ltr\">The vote of the presidents of almost all EP-groups in favour of <a href=\"https:\/\/twitter.com\/JunckerEU?ref_src=twsrc%5Etfw\">@JunckerEU<\/a> is the beginning of a democratic (r)evolution: History in making!<\/p>\n<p>&mdash; Peter Altmaier (@peteraltmaier) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/peteraltmaier\/status\/471369896925081600?ref_src=twsrc%5Etfw\">May 27, 2014<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p>Sprachenliebhaber Altmaier wusste, welches Publikum er erreichen wollte!<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend fand etwas statt, was nur mit einer Fehleinsch\u00e4tzung einiger Berater in den Kanzleien der europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dte zu tun haben kann. Der Europ\u00e4ische Rat \u00fcbersch\u00e4tzte sich und seinen eigenen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Spin-Doctor\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">medialen Spin<\/a> \u2013 allen voran die Financial Times .<\/p>\n<p>Wieder ein Schritt zur\u00fcck: Sp\u00e4testens seit dem Scheitern des Verfassungsvertrages war man an einer transparenten und partizipativen Gestaltung von europ\u00e4ischen Entscheidungsprozessen nicht mehr interessiert, teils aus Schock \u00fcber das von links und rechts aufgepeitschten Referendumsvolk in Frankreich und den Niederlanden, teils aber auch aus reiner egoistischer Machttektonik. Auf dem ersten Europ\u00e4ischen Rat nach Einf\u00fchrung des Lissabon-Vertrags l\u00e4chelten sich die Staats- und Regierungschefs an, dass sie von nun an von ihren Au\u00dfenministern (meist kleinerer Koalitionspartner) in Ruhe gelassen wurden. Auf meine Frage, ob denn nun &#8222;EBD De-Briefings&#8220; vom Bundeskanzleramt statt von Ausw\u00e4rtigem Amt gestaltet werden, antwortete mir 2009 der damalige Kanzlerberater Uwe Corsepius: \u201eNein, Kommunikation bleibt beim Ausw\u00e4rtigen Amt, sonst haben sie ja sonst nichts mehr zu tun.\u201c Die Staatskanzleien wurden zu einem Schwarzen Loch. Nur die Energie in ihrem Umfeld lie\u00df auf ein Kraftfeld schlie\u00dfen, das von nun an keine Lichtstrahlen mehr aussandte.<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Bewegung Deutschland, Rainer Wend, hat nach der Bundestagswahl im Januar in seinem <a href=\"http:\/\/www.netzwerk-ebd.de\/news\/eu-in-brief-zur-europakoordinierung-von-dr-rainer-wend-die-schere-in-europas-kopf\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Essay \u201eDie Schere in Europas Kopf\u201c<\/a> auf diese Missst\u00e4nde aufmerksam gemacht. Nur in wenigen Wirtschaftszeitungen (Capital, Managermagazin) aber keinesfalls in der Politikwissenschaft traute man sich, das &#8222;Schwarze Loch&#8220;, das durch den jetzigen Rats-Generalsekret\u00e4r Corsepius erfundene und von EU-Ratspr\u00e4sident van Rompuy bis heute als \u201eUnionsmethode\u201c nur zu gern genutzte System aufzudecken und zu problematisieren. Unionsmethode bedeutete nicht nur eine Erg\u00e4nzung zur Gemeinschaftsmethode, d.h. dass Mitgliedsstaaten ein Gegengewicht zu den supranationalen Organen Europ\u00e4isches Parlament und Europ\u00e4ische Kommission aufstellen. Unionsmethode bedeutet eine Entkopplung vom parlamentarischen, pluralistischen und medialen Diskurs. Dies betrifft Gro\u00dfthemen wie jetzt die Diskussion um die Spitzenkandidaten, aber auch die Verhandlungen zum Mehrj\u00e4hrigen Finanzrahmen, mit allen Auswirkungen auf die politische Handlungsf\u00e4higkeit und Glaubw\u00fcrdigkeit der EU.<\/p>\n<p>Durch die pluralistische \u00f6ffentliche Meinung in Deutschland (gemeinsam mit den Nordischen L\u00e4ndern und Irland eine Vorzeigeregion der Pressefreiheit in der EU) und vor allem durch das Zusammenhalten der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Mehrheit im Europaparlament gerieten der Europ\u00e4ische Rat und der britische Wahlverlierer David Cameron in eine nicht gekannte Defensive.<\/p>\n<p>Deutlich wurde das in der <a href=\"http:\/\/tvnewsroom.consilium.europa.eu\/event\/informal-dinner-of-heads-of-state-and-government-may-2014\/national-briefing-germany-part-2-qa23\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Pressekonferenz nach dem informellen Abendessen des Europ\u00e4ischen Rates<\/a> am 27. Mai. Viele Spekulationen gab es, ob Angela Merkel wirklich hinter dem EVP-Kandidaten Jean-Claude Juncker stehe. \u00dcberraschend massiv gerieten die Nachfragen deutscher Leitmedien, allen voran der in Sachfragen der EU nicht unkritische <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/europawahl\/startseite\/eu410.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rolf-Dieter Krause vom WDR (&#8222;Merkels Spiel ist ungew\u00f6hlich dumm&#8220;) <\/a>aber auch \u00f6sterreichische Korrespondenten wie <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000001689817\/Nach-Merkel-Festlegung-beginnt-nuneine-Schlammschlacht-gegen-Juncker?ref=article\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Thomas Mayer von Der Standard<\/a>. Sie alle hinterfragten vor Kameras und digital sehr kritisch, das \u201eSchwarze Loch\u201c, das zuvor sehr lobenswert \u00f6ffentlich gemacht wurde im Buch \u201eEuropas Strippenzieher\u201c von SZ-Korrespondentin Kerstin Gammelin und ORF-Korrespondent Raimund L\u00f6w (Europas Strippenzieher. Wer in Br\u00fcssel wirklich regiert. Berlin 2014). F\u00fcr mich ist die Fokussierung auf die Kanzlerin hier zu einfach. Wir haben ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Polity\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Polity<\/a>-Problem, kein Personal-Problem, das nun von der Kanzlerin im Sinne ihres europ\u00e4isch gesinnten Ministers gel\u00f6st wird. Die starken deutschen Parteien und die erstarkenden europ\u00e4ischen Parteien bilden ein Netz f\u00fcr eine neue pragmatische Demokratie. Und Angela Merkel kann sich neuerdings in Deutschland auf eine differenzierte proeurop\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit verlassen.<\/p>\n<p>Besonders deutlich wird der Aufstand deutscher Medien im deutsch-britischen Vergleich. Die\u00a0auch von der schottischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung kritisierte \u201eWestminster Bubble\u201c der von Medien und Eliten\u00a0konnte in der Frage des Spitzenkandidaten mit der deutschen medialen und der europ\u00e4ischen parlamentarischen Diskussion nicht mehr mithalten. Bisher hatte man sich darauf verlassen, dass die deutschen Leitartikler die Wahlergebnisse auch nicht ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>https:\/\/twitter.com\/StuartWilksHeeg\/status\/473402898597310464\/<\/p>\n<p>Lesenswert ist hier eine Studie der <a href=\"http:\/\/blogs.lse.ac.uk\/europpblog\/2014\/06\/09\/media-coverage-in-germany-and-the-uk-shows-why-both-countries-have-radically-different-views-over-who-should-be-the-next-commission-president\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">medialen Wirkung zu den Spitzenkandidaten an der LSE<\/a>\u00a0von <i><\/i><a href=\"http:\/\/blogs.lse.ac.uk\/europpblog\/2014\/06\/09\/media-coverage-in-germany-and-the-uk-shows-why-both-countries-have-radically-different-views-over-who-should-be-the-next-commission-president\/#Author\">Simon Hix<\/a><i> &amp;\u00a0<\/i><a href=\"http:\/\/blogs.lse.ac.uk\/europpblog\/2014\/06\/09\/media-coverage-in-germany-and-the-uk-shows-why-both-countries-have-radically-different-views-over-who-should-be-the-next-commission-president\/#Author\">Stuart Wilks-Heeg<\/a>.<\/p>\n<p>Die Propagandisten der Unionsmethode, ob im \u00c9lys\u00e9e, im Kanzleramt oder in der Downing-Street werden dem Druck nicht standhalten k\u00f6nnen, wenn das Europ\u00e4ische Parlament seine Personalie Juncker \u2013 und davon ist auszugehen\u00a0\u2013 durchsetzt. Es wird in der Folge nicht bescheidener werden, zumal es seine gest\u00e4rkten Kompetenzen bei wichtigen inhaltlichen Fragen wie TTIP oder \u00dcberf\u00fchrung des Fiskalpakts in die gemeinschaftlichen Vertr\u00e4ge ausspielen wird oder das \u201eGrillen der EU-Kommissare\u201c vor Einsetzung auskosten wird.<\/p>\n<p><b>Ein Europ\u00e4isches Parlament 2.0 aus Berliner Sicht?<\/b><\/p>\n<p>Mit viel Enthusiasmus werden nun neue Fraktionen gebildet. Es wird auch nach der Sommerpause nicht das letzte Wort gesprochen sein. Viele Versuche und Wechsel werden unternommen. Spannend ist die Positionierung der rechtsextremen und rechtspopulistischen Gruppen. Spannend sind aber auch Aspekte, dass z.B. die italienischen Sozialdemokraten erstmals die gr\u00f6\u00dfte Gruppe in der S&amp;D bilden und dass der CSU-Abgeordnete Manfred Weber neuer EVP-Chef ist. Letzterer wird neben Martin Schulz eine wichtige Rolle dabei spielen, das Europ\u00e4ische Parlament in Berlin besser zu etablieren.<\/p>\n<p>Noch zeigen aber die k\u00fcnstlichen nationalen medialen Landschaften, dass das Europaparlament nicht fl\u00e4chendeckend gut kommunizieren kann. Drei gro\u00dfe Themenkomplexe bilden sich dabei auch aus Sicht der Europ\u00e4ischen Bewegung Deutschland, deren <a href=\"http:\/\/www.netzwerk-ebd.de\/news\/letzte-sitzung-vor-den-neuwahlen-ebd-vorstand-fordert-staats-und-regierungschefs-auf-juncker-zu-no\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">politischen Forderungen 2014\/15<\/a> ganz auf mehr \u00d6ffentlichkeit und Partizipation in einem parlamentarischen Mehrebenensystem der EU setzen:<\/p>\n<p><b>TTIP, das EU-US-Freihandelsabkommen,<\/b> hat die Gem\u00fcter in der \u00f6ffentlichen Debatte insbesondere in Deutschland und \u00d6sterreich sehr bewegt. Nicht nur die linke Seite, auch der ARD-Deutschlandtrend hat eine gro\u00dfe Skepsis feststellen k\u00f6nnen, gerade auch bei der AfD-W\u00e4hlerschaft. Wie eine Allianz zwischen AfD und Tories in einer m\u00f6glichen gemeinsamen EP-Fraktion bei gleichzeitiger Zusammenarbeit von Downing Street und Kanzleramt funktionieren soll, entzieht sich der Phantasie. Das Europ\u00e4ische Parlament wird sich in die Verhandlungen aktiv einbinden.<\/p>\n<p>Das Europ\u00e4ische Parlament muss sich verst\u00e4rkt in die europapolitische Debatte in den Mitgliedsstaaten einbringen. Die Informationsb\u00fcros des Europ\u00e4ischen Parlaments m\u00fcssen sich nicht so sehr als B\u00fcrgerinformationsstellen, sondern als echte Mittler der \u201eB\u00fcrgerkammer EP\u201c in die nationalen \u00d6ffentlichkeiten hinein etablieren. Berichterstatter m\u00fcssen fl\u00e4chendeckend in den nationalen Dialog treten, damit Interessengruppen \u00fcber die nationale Bande ihre W\u00fcnsche und Bedenken transparent artikulieren k\u00f6nnen. Von noch gr\u00f6\u00dferer Bedeutung ist hier die \u201eTrilog\u201c-Falle, in die das Europ\u00e4ische Parlament geraten ist. Inzwischen verzichtet es in 83 Prozent der Gesetzgebungsf\u00e4lle auf eine zweite Lesung. Sprach der Generalsekret\u00e4r des EP noch mit Einf\u00fchrung des Lissabon-Vertrages 2009 von einem Zweikammersystem, so ist bis zur Spitzenkandidatendebatte davon in Deutschland nicht viel \u00fcbriggeblieben. Auch m\u00fcssen die Kommunikationsstr\u00e4nge zwischen dem Bundestag und dem Europ\u00e4ischen Parlament durch inhaltliche Debatten gest\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p>Von den wichtigsten repr\u00e4sentativen Mitgliedsorganisationen der EBD wird die \u201eeurop\u00e4ische Schnellgesetzgebung\u201c im Trilog-Verfahren sehr kritisch gesehen. In einem in diesen Tagen ver\u00f6ffentlichten EBD-Bericht werden die wichtigsten Kritikpunkte aufgelistet. Der <a href=\"http:\/\/www.netzwerk-ebd.de\/news\/letzte-sitzung-vor-den-neuwahlen-ebd-vorstand-fordert-staats-und-regierungschefs-auf-juncker-zu-no\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">EBD-Vorstand<\/a> hat letzte Woche gefordert, dass Dokumente, Teilnehmende und Positionen der beteiligten Institutionen in jeder Phase des Gesetzgebungsverfahrens \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich gemacht werden sollen:<b> \u201e<\/b>Durch die erh\u00f6hte Transparenz wird sowohl den repr\u00e4sentativen Verb\u00e4nden, der organisierten Zivilgesellschaft, als auch den Mitgliedern des Parlaments eine gr\u00f6\u00dfere M\u00f6glichkeit zur Partizipation und zur Einbringung von Expertise geboten. Gleichzeitig wird die Legitimit\u00e4t der Verfahren gest\u00e4rkt.\u201c<\/p>\n<p>Ob das Europ\u00e4ische Parlament hierf\u00fcr ger\u00fcstet ist? Das mag bezweifelt werden. Schlie\u00dflich ist es in der Gesetzgebungskompetenz mit dem Deutschen Bundestag gleichgestellt, nicht aber in der Ausstattung wie etwa einem leistungsf\u00e4higen Wissenschaftlichen Dienst. Demokratie kostet Geld. Die EU wird auch hier kurz gehalten.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich bleibt noch ein anderer gro\u00dfer Ausblick auf die Zukunft des Parlamentarismus in Europa. Wie eine \u00dcberf\u00fchrung des Fiskalpaktes in die bestehenden EU-Vertr\u00e4ge ohne ein ordentliches Vertrags\u00e4nderungsverfahren funktionieren soll, bleibt mir schleierhaft. Ein wenig mehr Mut zu Reformen und effiziente Kommunikation sind n\u00f6tig, wenn Europa\u00a0von mehr als nur Amtstuben und einigen wenigen Politikern getragen werden soll.<\/p>\n<p>Aber vielleicht ist mein frommer Wunsch so fromm wie das CDU-Europa-Wahlprogramm. Das fordert n\u00e4mlich zumindest eine Vertrags\u00e4nderung ganz klar: Der Gottesbezug soll in den EU-Vertr\u00e4gen verankert werden.<\/p>\n<p>Die Spitzenkandidatendebatte hat unbestreitbar eine neue Dynamik in die Europapolitik gebracht. Ganze Ministerien und \u00c4mter wurden kalt von der Pro-Spitzenkandidatenstimmung in Deutschland erwischt. Ob es zum Mut reicht, an die immer noch geltenden gro\u00dfen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gipfel_von_Laeken_2001\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Reformfragen von Laeken 2001<\/a> anzukn\u00fcpfen, bleibt die Frage. \u00a0Hierzu braucht es den Willen zur breiten Diskussion mit politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kr\u00e4ften. Aber vielleicht hilft das Scheitern von Camerons Medien-Spin, endlich der Vielfalt zu vertrauen.<\/p>\n<p><em>Mein Beitrag zum europapolitischen Fachgespr\u00e4ch mit Vertreterinnen aus Wissenschaft, Bundesregierung und Thinktanks mit meist christdemokratischen Hintergrund\u00a0der Konrad-Adenauer-Stiftung in Cadenabbia: \u201eWelche EU-Integration nach der Europawahl?\u201c am 10. Juni 2014, <a href=\"http:\/\/www.kas.de\/villalacollina\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Konrad-Adenauer-Stiftung, Cadenabbia<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Sommer 1989 durfte ich zum ersten Mal w\u00e4hlen. Es war die Europawahl. Nur zehn Jahre zuvor wurde das Europ\u00e4ische Parlament \u00fcberhaupt erstmals direkt vom B\u00fcrger gew\u00e4hlt. 1989, das war die letzte deutsche Wahl im Kalten Krieg. 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