von Eilsleben nach Räbke

Ostfalen… ich hatte mal meinen Deutschlehrer gefragt: „Herr Hunstig, wenn es ein Westfalen gibt, dann muss es doch auch ein Ostfalen geben, oder?“. Er wusste keine Antwort. Aber schon seit Magdeburg finde ich überall Ostfalen und ostfälisch auf Schildern. Identität der „Westelbier“. Das südliche Niedersachsen ist irgendwie auch so und nennt sich immer häufiger Ostfalen. Aber vor allem sind die Menschen hier Braunschweiger, was eigentlich heißt: keine Hannoveraner. Braunschweig, also. Eigentlich sollte ich hier noch gar nicht gelaufen sein, schließlich ist der Braunschweiger Jakobsweg nur zwischen Helmstedt und Braunschweig ausgeschildert. Der Rest ist irgendwie Landschaft wie überall.

Es ging los in Sachsen-Anhalt am Bahnhof von Eilsleben. Der Jakobsweg ist hier noch nicht ausgeschildert, so dass ich mich auf mein Komoot-Programm verlassen musste.

Am Anfang stand allerdings ein ungewöhnliches Spektakel von Jungen Rehkitzen. Ein klasse Start für eine Wanderung:

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Es ging weiter Richtung Westen durch die LPG-geprägten Landschaften der ehemaligen DDR und ich freute mich darauf, ohne Grenzen nur noch Reste des Eisernen Vorhanges sehen zu müssen. Vom Magdeburger Dompropst Reinhold Pfafferodt hatte ich das feine Detail erfahren, dass Marienborn nicht bloß ein Eisenbahn-Checkpoint des DDR-Grenzregimes war, sondern lange Zeit ein bedeutender Marienwallfahrtsort, selbst heute gelegentlich besucht von Pilgern. Davon ist freilich nicht viel geblieben, doch macht der kleine Ort durchaus Eindruck. Das ehemalige Kloster Marienborn war einmal. Aber die Anlage hat Charme und die Marienkapelle beeindruckt genauso wie die Orangerie:

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Erst danach kam der Abstecher zum gigantomanischen Grenzübergang Helmstedt-Marienborn. Ich konnte mich daran erinnern, dass wir nach dem Kirchentag im Juni 1989 in Berlin einen ganzen Reisebus in der Grenzanlage schoben, da ja schließlich alle PKW-Fahrer ihr Auto in der unendlichen Schlange des Grenzpostens schoben. Wir sangen vor den verdutzten Grenzern „Wir wollen Schieben für alle!“ Frieden wollten wir natürlich auch, aber Schieben passte nur wenige Wochen vor dem Mauerfall ganz gut (nur, dass wir nichts ahnend revolutionär etwas vorwegnahmen).

Nicht weit von der Anlage kam die niedersächsische Grenze. Es war nicht das Grüne Band Deutschlands, das ich erwartet habe. Zunächst führte der Weg mitten durch einen jungen Wald auf einer Grenzpostenpiste entlang der „B1“. An der Magdeburger Warte im Lappwald kam ich schließlich nach Niedersachsen.

Dann kam Luxus pur. An der Warte begann die Beschilderung des Braunschweigischen Jakobswegs. Der Jakobsweg ist hier sehr gut betreut vom evangelisch Theologischen Zentrum Braunschweig und vielen ehrenamtlichen Helfern aller Konfessionen und Einstellungen. Es gab schon einige Jakobswegschilder in Sachsen-Anhalt und sogar im Brandenbugischen. Doch von Helmstedt bis Braunschweig musste ich erstmals kein Navigationssystem nutzen. Es begann eine Art „Jakobsbahn“… der Weg führte durch den Naturpark Elm-Lappwald.

Zu Fuß ist die deutsch-deutsche Grenz durchaus erfahrbar. Das 40 Jahre im Zonenrandgebiet leidende Helmstedt hat sich noch immer nicht davon erholt. Es ist irgendwie noch weit entfernt vom Aufbruch in ostdeutschen Mittelstädten. Besser kommen die Dörfer weg. Erstmals grüßen die Menschen den Wanderer fast durchgängig. Dies mag nur eine Momentaufnahme sein. Aber beim Wandern merkt man sich jedes Detail.

Bisher kannte ich das braunschweigische Niedersachsen kaum. Immerhin scheint hier größerer Wert auf Unterschiede zu den „Hannöverschen“ gepflegt zu werden, als zur ehemaligen DDR.

In Helmstedt selbst beeindruckte das leider geschlossene St. Ludgeri-Kloster und das erstaunliche Juleum, an dem sogar Giordano Bruno lehrte. Wer einmal auf dem Compo de‘ Fiori in Rom stand, wird sich an Bruno erinnern. Werde ich an Helmstedt denken, wenn ich wieder auf dem Campo stehe…?

Dann ging es relativ schnell raus aus Helmstedt, es war ein irgendwie beklemmender kurzer Besuch einer Stadt im nicht weichen wollenden Zonenrandgebiet

Der erste lange Wandertag endete aber dafür in einem wunderbaren Dorf, im Mühlendorf Räbke. Ich hatte schon vorab nur gute Eindrücke, hatte mich doch Klaus Röhr bei der Unterkunftsuche unterstützt. Klaus Röhr ist ein überaus freundlicher anpackender Vorsitzender vom Förderverein Mühle Liesbach e.V.  Er vermittelte mir schon Wochen vorab eine Schlafstelle bei der Familie Jensen. Im Anschluss gab er mir eine Tour durch sein Dorf, mit vielen Details zur Mühlengeschichte, aber auch zur Bauernschaft und dem großen Anteil an Volkswagen-Pendlern im Ort. Und er berichtete gleich von meinem Besuch im Dorf: „In der Pilgerherberge Jensen erfolgte eine freundliche Aufnahme. Im Mühlengebäude haben Swantje und Thomas Jensen einen sehr geeignete Unterkunft geschaffen, die bereits mehrfach genutzt wurde. Nach einem gemeinsamen Frühstück mit den Herbergseltern und allen weiteren Familienangehörigen ging es in die Mühle Liesebach: Stempeleintrag in den Pass sowie Eintrag in das Gästebuch sowie natürlich eine Kurzbesichtigung standen hier auf dem Programm. Der Wegepate begleitete den Pilgerfreund noch bis zur Kirche St. Stephani und dann wurde er mit besten Wünschen auf den weiteren Weg geschickt. Nächstes Ziel sollte die Pilgerherberge Veltheim/Ohe sein, doch vorher waren Königslutter, der Elm und Lucklum zu erkunden. Bernd Hüttemann, viel Erfolg bei dieser Reise.“

In der Tat die „Herbergseltern“ und Försterfamilie Jensen samt Mühle und vielen Kids waren herrlich gastfreundlich. Immerhin war ich der erste Einzelgast in der wunderbaren Herberge. Alles sehr praktisch und komfortabel im alten Fachwerkhaus. Ich erinnere mich sehr gerne an viele Details aus dem Leben von „unterirdischen Föstern“, Schlüsseln im Erdbeerfeld und (z.T. hammerwerfenden) Basen und einem Vetter.

nächste Etappe von Räbke nach Veltheim (Ohe)