von Woltwiesche nach Kloster Marienrode

Zunächst hatte ich geplant, von Woltwiesche direkt nach Marienrode zu pilgern. Aber die
freundlichen Benediktinerinnen meinten, ich sollte vor 17 Uhr im Kloster Marienrode sein. Deshalb machte ich doch noch einen Zwischenstopp. Und zwar in einem Gasthof in Wöhle. Der Gasthof am Rande des Dorfes war dann eine Zeitreise in die Siebziger. Sehr spooky und sicher ein Ort für einen spannendtollen Schwedenkrimi-Plot. Der Gastwirt konnte sich kaum artikulieren. Aber was ich verstand war, dass mein Zimmer keinen Schlüssel hätte. Kinderspiel, log ich laut vor mich hin, wer braucht schon einen Schlüssel? 20 EUR cash und die Versicherung, dass ich früh um 6 Uhr herausmüsste. Oh, bitte kein Frühstück! Mit Taschenlampe aus Wöhle raus also gen Hildesheim.

Zunächst tauchte der seltsam deplatziert wirkende Wallfahrtsort Ottbergen aus der niedersächsischen Landschaft auf. Das Franziskanerkloster und die katholische Pfarrkirche St. Nikolaus wirkten abweisend. Aber vielleicht war es einfach zu früh am Tage. Das Dorf ist ein typisches Vorstadtdorf, breite Wege und Gehsteige führen zu breiten Vorgärten, die von breiten Wohnzimmerfenstern beschattet werden. Manch einer wird hier das Leben nur im überdimensionierten Haus mit Garten, im Auto und am Arbeitsplatz verbringen. Bis an die Weser werde ich noch viele solcher Dörfer durchschreiten. Dann kam der Kreuzberg außerhalb des Dorfes. Die Wallfahrt auf diesen Berg begann schon im 17. Jahrhundert. Aber die Kreuzwegstationen sind offensichtlich sehr vom Kulturkampf der Katholiken dieser Gegend geprägt und lassen auch eine politische Rolle in der Nazidiktatur  erahnen. Ein Ort des 19./20. Jahrhunderts. Selbst eine Lourdes-Grotte fehlt hier nicht.

Was folgte ist ein toller Bergrücken Richtung Hildesheim, der Vorholz. Einziges Manko: Seit dem Spukgasthof gab es noch keine Gelegenheit zum Kaffee. Eigentlich ist jede Autobahn auf einer Wanderung ärgerlich. Aber die Raststätte Hildesheimer Börde brachte dann doch das angemessene Frühstück.

Der Vorholz ist ein idealer Einstieg nach Hildesheim: vom grünen Rücken in die Stadt. Ich sage es gleich: Hildesheim ist eine Art niedersächsisches Paderborn. Der Kriegszerstörung folgte der autogerechte Aufbau und nun die langsame, teils historisierende, Rückbesinnung auf den mittelalterlichen Kern.

Aber irgendwie hat es Hildesheim zum UNESCO-Weltkulturerbe geschafft. Dazu gehört der Dom St. Mariä Himmelfahrt, mein erster katholischer Dom seit Beginn meiner Wanderung. Tausend Jahre alter Rosenstock echt hin oder her, aber auch er gehört zum Aufbaumythos. Die Museums-Cafete im Domfoyer bemerkte meinen Pilgerrucksack und gab mir gleich einen Gratis-Latte. Den bekommen allerdings alle, die einfach nicht zahlen können/wollen. Beruhigend, Aufmerksamkei aber keine Bevorzugung. Aber ich musste noch weiter, Knochenhaueramtshaus und die fulminante St. Michaelis-Kirche. Die mittelalterliche Holzdecke macht Freude und… Nackenschmerzen. Lag es nur an  einer touristenarmen Jahreszeit? Ich war allein im Weltkulturerbe.

Aber ich musste weiter. In Hildesheim stieß ich auf die „Via Scandinavica“, der Jakobsweg, der von Fehmarn nach Süden führt. So ausgeschildert geht es über den Moritzberg Richtung Lerchenberg, mit viel Fernsicht vom Panoramaweg. Aber langsam kann ich mein Ziel nicht mehr erwarten: das erste echte noch im ursprünglichen Sinne genutzte Kloster auf meinem Weg, nach über 400 Kilometern! Das Kloster Marienrode wird von 15 Benediktinerinnen im Glauben belebt. Im Exerzitien- und Gästehaus bekam ich eine Unterkunft, längst kein Pilgerzimmer, sondern ein wahres Hotelzimmer mit Blick auf das Klostergelände. Am Abend nahm ich am Komplet teil. Einen geselligen Austausch über Gott und die Welt gab es Dank Sr. Maria Elisabeth und Verwandschaft im Anschluss, Klosterwein eingeschlossen.

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nächste Etappe von Kloster Marienrode nach Alfeld