Hochstift/Hochsauerland

Wanderlust in Westfalen! Den Jakobsweg in meiner Heimat lief ich bereits seit Höxter. Meine Etappe ins Sauerland begann in Paderborn und folgte einem erst 2017 neu beschilderten Weg Richtung Süden. Es ist ein mittelalterlicher Weg, der vom Landschaftsverband Westfalen/Lippe Heerweg/Römerweg (manchmal auch Frankfurter Weg oder auch Via Regia) genannt wird. Im sauerländischen Elspe stößt der Weg auf die Heidenstraße, die wiederum nach Köln führt. Auf meinem Weg habe ich eine wunderschöne Landschaft und wunderbare Menschen kennengelernt. Aber so richtig bekannt ist der Weg selbst für Einheimische nicht…

Der neu gekennzeichnete Jakobsweg nach Elspe führte mich von Paderborn über die Kapelle zur hilligen Seele, Atteln/Husen, Kloster Dalheim, Meerhof, Oesdorf, Essentho vom Hochstift Paderborn in den Hochsauerlandkreis nach Marsberg. Von dort ging es nach Giershagen, Padberg, Messinghausen, Gudenhagen, Olsberg, Bigge, Heringhausen (mit dem Umweg Ramsbeck) nach Remblinghausen, Herhagen, Reiste, Bremke, Eslohe nach Elspe und schließlich nach Grevenbrück. Nach 5 Wandertagen nahm ich wieder den Zug zurück nach Berlin. Meine Dankbarkeit bringe ich in der Hall of Fame zum Ausdruck.

mein Weg von Paderborn nach Grevenbrück in 5 Tagen zum Zoomen


Der Weg durch meine Heimat Paderborn nach Santiago de Compostela wurde mir durch einen neu gekennzeichneten Weg erleichtert. Erst 2017 wurden historische Fernstraßen im Hochstift und im Sauerland mit dem Pilgerzeichen des Europarats versehen. So konnte ich mir den Weg über den flachen Hellweg und durch das autogerechte Ruhrgebiet sparen. Aber die Route von Paderborn nach Marsberg ist alles andere als etabliert, eigentlich gibt es nur die Zeichen und kaum Verbindungen zu den Dorfgemeinschaften und Gemeinden. Und doch: auf Nachfrage haben mir viele Gemeinden Übernachtungen im Pfarrheim angeboten, so in Giershagen, Bigge und Eslohe. In Husen bekam ich ich unverhoffte verwandtschaftliche Hilfe.

Das Paradiesportal heute

Erster Tag: Vom Paradies nach Husen

Die Pilgerherberge in der Vorhalle des Paradiesportales am Paderborner Dom. Zeichnung von Gehrken 1815.

Jakob im Paradies

Paderborn existiert eigentlich nur wegen der Paderborner Hochfläche. Die karstige Landschaft saugt den vielen Regen der Region auf wie ein Schwamm und spuckt ihn wunderbar in Paderborn in Form der Paderquellen aus. Um diese Quellen herum entstand die mittelalterliche Stadt mit karolingischer Burg und Dom. Am Paradiesportal der Kathedrale befand sich schon sehr früh ein Pilgertreffpunkt und eine Pilgerherberge. Heute weist die Statue des Heiligen Jakobus d. Ä. auf diesen Ursprung hin, aber nur für die, die auch wissen, dass seine Muschel vor der Brust einen historischen Pilgerweg kennzeichnet. Dass das Paradiesportal Ausgangspunkt für zwei Wege über Köln nach Santiago ist, wird nicht deutlich. Im Diözesanmuseum Paderborn holte ich mir noch einen fehlenden Stempel ab (was mir nur nach vielen Nachfragen gelang). Die im Herbst 2018 gezeigte Ausstellung „Gothik“ stimmte mich wunderbar auf die Wanderung ein. Ich folgte anschließend nicht den wenig ausgeschilderten Jakobsmuscheln, sondern der Husener Straße, an der ich schließlich geboren wurde.

Paderborn ist in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen. Das Universitätsgelände geht mittlerweile nahtlos in einen Golfplatz und einen Sportflugplatz über. Schnurgerade führt der nun ausgeschilderte Jakobsweg in das schöne Naherholungsgebiet „Haxter Grund“. Irgendwann erreichte ich die überaus lohnenswerte Kapelle zur hilligen Seele, die ohne Menschenseele offen für Wanderer ist. Neben der offenen Kirche stand ein Bauwagen mit Bioeiern, die man nur gegen Bezahlung nach gusto einfach mitnehmen konnte, natürlich sinnlos für Pilger ohne Eierkocher aber dennoch sehr nett. Offene Gotteshäuser sind auch in katholischen Gegenden nicht mehr selbstverständlich, um so erfreulicher war dieses Kleinod. Warum es hier keinen Pilgerstempel gab? Bitte nicht fragen…

Nach der Hilligen Seele wird es immer sauerländischer, sprich „gebirgichter“. Der Weg ist an vielen Stellen verwirrend ausgeschildert, aber ich wollte eh per Komoot über St. Achatius in Atteln durch das malerische Altenautal laufen, als Abstecher zur Taufkirche vieler meiner Vorfahren. Aber das Gotteshaus war enttäuschenderweise verschlossen. Und so machte ich mich rasch auf zum Dorf meiner Großeltern: Husen. Die alte Pfarrkirche St. Maria Magdalena ist bei weitem nicht so alt wie das 975 Jahre alte Husen selbst. Aber dennoch ist das Dorf stolz auf seine Vergangenheit an einem alten Handelsweg. Ich bin wiederum stolz, dass ich auch aus diesem kleinen Ort stamme. Und die Gastfreundschaft meines Großvetters Hans-Bernd Janzen, Ortsvorsteher und Stv. Landrat, werde ich „nie verchässen“! Wir haben abgemacht, dass ich den fehlenden Pilgerstempel in Husen spenden werde!

Zweiter Tag: Es geht ins Sauerland!

Irgendwo zwischen Husen und Dalheim steht ein Stahlpilger.

Das „Kloster“ Dalheim und sein famoses Museum für Klosterkultur kenne ich gut. Da ich 33 Kilometer Strecke machen musste, hielt ich mich nicht lange auf. Doch immerhin bekam ich einen improvisierten Stempel im Klostermuseum, das erstaunlicherweise nicht direkt auf dem Weg lag. In Meerhof kam ich in das heutige Sauerland, das historisch noch gemeinsam mit Marsberg zum Hochstift Paderborn gehörte. Auch in den nun folgenden relativ reich ausgestatteten Dörfern des kargen Sintfelds bekam ich keinen Hinweis auf den Jakobsweg, geschweige denn einen Stempel. Die Kirche in Oesdorf war geöffnet, die in Essentho nicht. Aber gemessen an den Dörfern, die ich bis zur Weser durchlaufen habe, gibt es hier noch Leben: Läden, Bäcker, Vereine, Volksbanken und Sparkassen.

Auf Marsberg war ich sehr gespannt. „Stadtbergen“ liegt außerordentlich schön. Niedermarsberg macht einen sehr touristisch aufstrebenden Eindruck, der Aufstieg zum „Kloster“ Obermarsberg ist geradezu alpin. Die Stempel beider Pfarreien bekam ich nur, weil das Pfarramt im Tal zufällig geöffnet war. Die ehemalige Propstei Obermarsberg ist ein Juwel für Pilger, die Stiftskirche ist so beeindruckend wie ihre Lage. Aber auch hier gab es keinen Hinweis für Pilger. Immerhin: die Bedeutung des alten Handels- und Pilgerwegs hält die Familie Böttcher hoch. Das Wappen des Pilgerstempels vor dem Haus richtet sich nach dem Hauswappen vom barocken Stiftspropst Ferdinand von Metternich. Kein Wunder, die Böttchers sind schon mehrfach den Weg in Spanien gewandert. Ich wünsche dem Haus viele Besucher!

Nach Obermarsberg ging der Weg über wunderbar romantische Kuh-Wiesen in das gastfreundliche Giershagen. Kirchenvorstand Manfred Göbel vermittelte mir eine Übernachtung im Pfarrheim St. Fabian und Sebastian. Es sollte weit mehr als eine Übernachtung werden!

Als ich im Pfarrheim ankam tagte gerade der Vorstand. Die Familie Jäger bot mir nicht nur ein leckeres Abendessen sondern gleich auch ein Frühstück an, das mich für den weiteren Weg stärkte.

Dritter Tag: das Sauerland ist wunderschön

Giershagen zeigt sich von seiner besten Seite, wenn man es Richtung Padberg talabwärts verlässt, zumal bei spätsommerlichem Wetter mit Morgennebel. Ein besonderer Höhepunkt ist die Wüstung Klushagen, deren alte (mal wieder verschlossene) Kirche samt Friedhof eine hohe Bedeutung erfahren lässt.

Das „Sauerlandfeeling“ stellt sich nun im Wald so richtig ein. Aber auch die Orte zwischen und auf den Hügeln erliefen sich wunderbar. Neben Natur und katholischer Kulturlandschaft gibt es am Wegesrand zunehmend Relikte und Stollen des Bergbaus, der hier im Mittelalter begann und sich nach Norden in das Ruhrgebiet verzog. Der Weg führt durch das idyllisch gelegene Padberg mit seiner überdimensionalen neobarocken Kirche nebst einer älteren und liebevoll renovierten Fachwerkssynagoge in dass malerische wie frühindustriell geprägte Messinghausen. Über Gudenhagen ging es schnurstracks nach Olsberg und Bigge. Hier wollte ich eigentlich in der Kath. Gemeinde St. Martin im Pfarrheim übernachten. Aber es lag an mir, dass ich mich nicht rechtzeitig beim Pfarrer rückversichert hatte und so konnte ich ihn nur viel zu spät erreichen. Da war ich schon auf dem Weg nach Geverlinghausen zu seinem neoromantischem Industriellenschloss. Dass es mit Bigge nicht geklappt hatte, war keine Katastrophe, da ich am Folgetag eine sehr lange Strecke vor mir hatte. Das kleine Landhotel, was mich improvisiert gastfreundlich aufnahm, entschädigte mich. Der Besitzer Julian Becker hatte erst kürzlich den Gasthof nach vielen Jahren in China erworben. Spannenderweise war Julian viele Jahre in Brüssel im Europäischen Parlament tätig. Wir hatten uns viel zu erzählen, wie gut es manchen tut, mal von Europa Abstand zu nehmen. Gut, dass man (mit oder ohne Europa) am Ende eben doch in der westfälischen Provinz landet…

Vierter Tag: der Gewaltmarsch mit Umweg

Bergarbeiterdorf Ramsbeck

Diese Etappe sollte es in sich haben, denn ich wollte unbedingt bis 17:30 Uhr in der St. Peter und Paul-Kirche in Eslohe an der heiligen Messe teilnehmen und noch dazu über Heringhausen einen Umweg über das Dorf meiner Ururgroßmutter Frederike Wünnenberg (Ramsbeck) laufen. Mein Umweg hieß mich früh aufzustehen. Mein famoser Gastwirt ließ mir eine Lunchpaket an der Treppe und so ging es um 04:30 Uhr mit Frühstück im Gepäck los. Mit Kopflampe ging es in den Wald. Ich machte gut Strecke in eine Gegend hinein, die kontrastreich für Industrialisierung und alte religiöse Tradition steht. Meine Ururgroßmutter wurde 1850 in Ramsbeck geboren, mitten in die Boomzeit des Blei- und Zink-Bergwerksdorfes. Noch heute spürt man in Ramsbeck eine Art „Zinkgräberstimmung“, höchstwahrscheinlich hat etwas zwischen blanker Not und dieser Stimmung meinen Urururgroßvater Anton Wünnenberg in dieses Bergarbeitertal gezogen. Frederike selbst heiratete meinen Ururgroßvater 1873 im nördlichen ruhrgebietlichen Eickel. Die westfälischen Familien schwankten zwischen zwei Welten: Landwirtschaft und Bergbau, so auch meine Familie. Und auch ich spürte zu Fuß zwei Welten. Das zeigte sich beim steilen Aufstieg von Ramsbeck Richtung Westen. Das ländliche Westfalen hatte mich zurück. Noch abseits des Pilgerweges im romantischen Dorf Blüggelscheidt öffnete mir ein Dorfbewohner die St.-Sebastian-Kapelle. Jeden Satz endete er mit einem „woll“, so dass ich fast nachhaken wollte, ob er Holländer sei, die heutzutage das Sauerland vielfach bevölkern. Er später erfuhr ich, dass das „Woll“-Westfälische wohl zu dieser Gegend gehört.

Weihnachsbaumbarriere im Sauerland

Kurz danach war ich wieder auf dem Jakobsweg. Im Herbst 2018 wurde der ausgeschilderte Weg immer wieder durch abgezäunte Weihnachtsbaumkulturen unterbrochen. Ich hatte viel Mühe, die westfälischen Weihnachtsbäume zu umgehen.

Dann aber kam ich in eine Region, die sehr sehr stark in der Tradition der Pilgerwege steht. Da ist vor allem Remblinghausen St. Jakobus d.Ä., das schon mit seiner Nothelferkapelle auf eine alte Jakobspilgertradition hinweist. Kirche und Ort zeigten viel Offenheit für Pilger. Menschen habe ich allerdings zur Mittagszeit nicht getroffen. Aber immerhin: es war eine herrlich barock ausgestattete Kirche mit einer Jakobusstatue, die an die vielen früheren Pilger erinnerte. Zudem wirkte der paderbornische Barockkünstler Anton Joseph Stratmann in der Kirche.

Jakob in Remblinghausen

Den folgenden Ort Herhagen ließ ich schnell hinter mir, um nach Reiste zu gelangen. Die imposante St. Pankratius-Kirche war zwar geöffnet, bot aber keinen Stempel. Unerhört! Immerhin konnte ich mit einer Küsterin länger über den Jakobsweg sprechen. Auch das (aus meiner Sicht) Straßendorf Bremke ließ ich hinter mir, schließlich musste ich es rechtzeitig über den Berg nach Eslohe schaffen. Die Gemeinde St. Peter und Paul liegt zwar abseits des Jakobsweges, doch fand ich dort Unterkunft. Denn Gemeinde und Ort lohnten ungemein. Pünktlich zur Messe öffnete sich mir das Pfarrheim. Die Messe war imposant gut besucht. Der humoristisch strenge Pfarrer zog alle Register zum Erntedank. Im Anschluss wurde mir im Gespräch ein Frühstück im Nachbardorf angeboten. Ich verbrachte die Nacht im Jugendheim neben dem Billiardtisch, nicht ohne um zuvor köstlich in der Esloher Domschänke mit dem Gastwirte Werner Schulte und Gästen über Westfalen und Schnapps zu klönen. Lecker war es.

Fünfter Tag: hinter Elspe muss es dann gut sein

Ich bin dann doch früher aus dem Pfarrheim in Eslohe aufgebrochen. Eine tolle Gastfreundschaft wartete auf mich. Im Esselbachtal erwartete mich Familie Winkelmeyer im kleinen Örtchen Bremscheid zum Frühstück. Einfach so! Anschließend brachte mich der Tischlermeister zur angrenzenden Kapelle, wo Josef Bürger uns die kleine Jakobskapelle aufschloss. Er hatte viele Geschichten zu erzählen.

Bei schlechterem Wetter ging es weiter Richtung Elspe. Die kleinen Ortschaften fielen, wie schon die Strecken zuvor, durch viele heimelige Hofkapellen auf. Kurz vor der Elsper St. Jakobus-Kirche führte der „neue“ Pilgerweg aus Paderborn auf die Heidenstraße, die mich noch bis nach Köln führen soll. Elspe Gemeinde beeindruckt mit viel nach außen getragenem Jakobus-Marketing. Doch zu meiner größten Überraschung war am Sonntagnachmittag die Kirche geschlossen. Die zahlreichen an der Infotafel angegebenen Stempelst

St. Jakobs-Kirche Elspe

ellen waren geschlossen, so dass ich nach einigen Telefonaten einen halben Kilometer zurücklaufen musste, um bei einer Pension am Ortseingang den „wichtigsten“ Stempel meines Weges zu erhalten. Ich hatte anscheinend nicht genug Strecke hinter mir. In Elspe waren auch alle ordentliche Gasthöfe geschlossen, so dass mir Richtung Grevenbrück nur noch der Drive-In-McDonalds blieb. Das war mir aber auch egal. Kultur und Natur hatte ich inzwischen genug erlebt und so legte ich mir auch die Elspe-Karl-May-Festspiele au den Weg, bevor ich meinen Burger im amerikanischen Spezialitätenrestaurant verschlang. Der Weg zum Bahnhof Grevenbrück war dann nicht mehr weit. Der Ersatzverkehr brachte mich nach Hagen und der ICE schließlich nach Berlin. Die nächste Etappe wird nach Köln gehen. Ein wenig Sauerland kann ich mir somit noch gönnen. Es war herrlich schön anstrengend! 970 km seit Berlin hinter mir!

Links:

frühere Etappe Hochstift Paderborn

nächste Etappe Westliches Sauerland