Heimelige erste Schritte in Westfalen

Heimelige erste Schritte in Westfalen

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Chessesmarianee! Ich laufe im gebirgichten Westfalen durch meine Heimatregion. Wetter und Menschen haben mich nicht im Stich gelassen.  Sonne, Regen, Freundlichkeit wechselten sich im Hochstift bis Paderborn ab. Während ich von Berlin bis zum Kloster Corvey noch viele Wege improvisieren musste, ist der Jakobsweg nun bis Santiago de Compostela ausgeschildert. 642 km von geschätzten 3,000 sind geschafft. 

meine gesamte bisherige Tour von Berlin nach Santiago de Compostela hier

Von Höxter aus machte ich mich auf in eine ganz besondere Region. Jenseits der Weser, im nun „gebirgichten Westfalen“ habe ich meine gesamte Kindheit verbracht. Das westliche Weserbergland, das Eggegebirge und die Paderborner Hochfläche, sind das was ich als „meine Heimat“ kennengelernt habe. Dazu gehören die wasserreichen Haufendörfer in tiefen Tälern und die wasserarmen flachen Höhen.  Meine Erdkundelehrer haben mir früh von Wasserscheiden und Steigungsregen erzählt. Und meine Tour brachte genau das: bei heißestem Sonnenschein und mit 3 Liter Trinkwasser lief ich über Berg und Tal bis in die kleine Stadt Brakel. Am nächsten Tag folgte andauernder Fisselregen im Nethetal bis Bad Driburg. Wiederum tags darauf auf dem Eggegebirgskamm musste ich strömendem Plädderregen trotzen. Auf der Paderborner Hochfläche folgten windige Haufenwolken.

Data © OpenStreetMap contributors

In Westfalen gibt es erstmals auf meinem Weg von Berlin ein einigermaßen gut ausgeschildertes Jakobswegesystem, mit vielen Stempelstellen und Unterkünften, doch wich ich leicht vom Hauptweg ab.

Das Kloster Corvey hatte ich schon auf meiner letzten Etappe bewundert. Um das Kloster Brede in Brakel in einem Tagesmarsch komfortabel erreichen zu können, übernachtete ich am Vorabend in der Altstadt von Höxter. Ich genoss die ganz besondere Gastfreundschaft einer leidenschaftlichen Pilgerin. Karin Steinberg bot mir eine zu Recht empfohlene simple Pilgerunterkunft. Viele Gespräche kreisten um Wege und Lebenswege.

In der Abteikirche Corvey und in St. Kilian hatte ich mich ja bereits bestempeln lassen. Die fehlende St. Nikolaikirche blieb mir am Wochenende leider verschlossen. Aber dafür wurde ich am Sonntagmorgen durch die St.-Michaels-Kapelle auf dem Heiligenberg entschädigt. Der Aufstieg in das Hochstift allein war ein Erlebnis. Tolles sonniges Wetter, saftige Wiesen und eine menge Kühe.

Auf dem Berg angekommen, könnte ich an der Heiligen Messe teilnehmen, die just an diesem Tag nach erfolgter Prozession zur Krautweihe vor der Kapelle stattfand.

St. Michaels-Kapelle ist auch der Ort, wo seit etwa dem 15. Jahrhundert die Mutter des heiligen Jakobus, Maria Salome, verehrt wird. Es gibt wohl nur wenige weitere Maria Salome-Verehrungen in Europa: in der Camargue in Les Samtes Maries de la Mer, im italienischen Veroli und… in Santiago de Compostela.

Vor den meist älteren Teilnehmenden wurde ich namentlich als Pilger erwähnt. Das war mir durchaus ein wenig peinlich, aber gleichwohl ein tolles Erlebnis: eine sonnige Messe in einem Bergwald. Als ich den Weg bergabwärts nach Ovenhausen lief, zeigte sich das Dorf von noch größerer Gastfreundschaft! Mitglieder der Blaskapelle Ovenhausen begleiteten mich in das Dorf. Mit Trompeten und Posaunen unterm Arm erklärten sie mir, dass es nur einen Pilgerstempel gebe und zwar in der Bäckerei, die freilich bereits geschlossen sei. Die Lösung bestand in einem Deal: ich sollte in ein gemeinsames Bier einwilligen, wenn sie dem Bäcker Wiegers eine Kiste außerhalb der Öffnungszeiten entlocken könnten. Im Gegenzug zu dieser harten Aufgabe sollte ich meinen Stempel erhalten. Als die Musiker-Vorhut beim Bäcker um die Kiste Bier bat und einen (sonst seltenen) Pilger zum abstempeln ankündigten, erwiderte der Becker nur ungläubig: „Stempel gibt es bei Euch für den A…“ Entsprechend erstaunt schaute er mich an, als ich mit Rucksack auftauchte.
Viele glauben ja, die Westfalen hätten keinen Humor, aber ich weiß es besser. Westfälischer Humor gehört der engsten Gemeinschaft. Nicht jeder hat das Glück, ihn zu verstehen.

Ganz besonders freute ich mich über die Bekanntschaft und Gespräche mit dem Kreisheimatpfleger Hans-Werner Gorzolka, der bei Messe und anschließendem Umtrunk dabei war.

Ovenhausen war auch aus einem anderen Grunde bemerkenswert. Es steht für den Verlust der Dorfjuden im Hochstift. Aus Ovenhausen stammt Soistmann Berend, der in der Judenbuche von Annette von Droste-Hülshoff ermordet wurde. Sein Haus ist mittlerweile Teil des Westfälischen Freilichtmuseums. An seiner Stelle steht ein „Carport“.

Landjudenschaft“ ist ein selten behandeltes Thema. Auch in ambivalent toleranten katholischen Landschaften rottete die Schoah die Menschen jüdischen Glaubens aus, so auch in diesem Dorf.

Die heutige wunderbare dörfische Gemeinschaft erklärte mir sehr selbstverständlich, dass man die jüngsten Geflüchteten (es waren über 20) viel besser integriert hätte, wenn es „die große Politik“ nur erlaubt hätte. Dorfgemeinschaft und Vereinswesen scheint mir zumindest hier wieder mehr geachtet zu sein. Auf meinen ersten 600 km seit Berlin habe ich jedenfalls noch nicht solch eine Gemeinschaft kennengelernt.

Ich musste leider weiter. Ziel war nun das Bökendorfer Pilgerkreuz mit seiner alternativen Stempelstelle. In das eiserne Kreuz kann man Steine schmeißen, um es über die Jahre aufzufüllen.

Ich leistete mir nach einer Rast einen kurzen Abstecher zum nahen Bökerhof, wo der Stiefonkel der Droste-Hülshoff August von Haxthausen ihr von der Judenbuche erzählte. Mein Ausflug über die Kreisstraße war eher ernüchternd. Ich hatte mir einen besseren Besuch zum schönen Gutshof erhofft. Irgendwie hatte ich überlesen, dass das Museum zum „Bökendorfer Kreis“ 2010 schon geschlossen hat. Ursprünglich hatte ich zunächst vor, das nächstgelegene „Dorf B“ der Judenbuche zu besuchen. Aber ich musste weiter, um das Kloster zu erreichen. Durch ein recht schlecht ausgeschildertes Gebiet, erreichte ich den Stadtrand von Brakel. In der Waldschänke beschenkte man mich fürstlich mit Bonbons, da es auf meine Frage kein Eis am Stil gab. Auf wie alt wird ein Pilger geschätzt?  🙂
Im Kloster Brede kam ich dann doch noch früher als erwartet an, um bei den Armen Schulschwestern einzukehren. Hier sollte ich auch den Stempel der St. Michael-Kirche erhalten.

Schwester Ignatia wartete schon auf mich und sollte eine mir eine liebevolle Gastfreundschaft erweisen. Abendbrot und Frühstück mit selbstgebackenen Pilger-Keksen und ein Marien-Anhänger und ein schönes Zimmer wurde mir für nur wenig Geld von dieser freundlichen Nonne angeboten. Und doch war dieser schöne Ort ein Ort der Wehmut. Als Schwester Ignatia in den Schul-Orden eintrat, waren es noch über 100 Mitschwestern. Heute sind es nur noch 20, wovon nur fünf noch rüstig genug sind, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Den Schulalltag des Gymnasiums meistern sie schon längst nicht mehr. Aber die Gastfreundschaft ist einmalig. Auch zwei Geflüchtete profitieren. Sie belegen das Pilgerzimmer, was ironischerweise ein Upgrade für mich bedeutete. Schwester Ignatia ist selbst Geflüchtete aus Schlesien. Am Morgen ließ sie mir von einer Mitschwester etwas für die Politiker in Berlin ausrichten: „Sagen Sie Herrn Seehofer, dass er besser auf ein Boot ins Mittelmeer steigen soll…“

Im beschaulichen Brakel habe ich den offiziellen Pilgerweg verlassen, um über das Nethe-Tal durch Dörfer meiner Vorfahren zu laufen. Es sollte ein grüner fisseliger regnerischer Tag durch ein wunderschönes Tal werden. Rehder hat eine beachtliche Barockkirche von Johann Conrad Schlaun und ein Schloss, was noch heute im Besitz derer von Mengersen ist, einem alten paderbörnischen Adelsgeschlecht. Park und Mühlenanlagen bilden eine wunderbare Einheit. Gemeinsam mit Siddessen ist Rheder der Ort, wo meine Großonkel und Tanten lebten. Im anschließenden Kloster Gehrden ließen viele meiner Vorfahren ihre Kinder taufen. Das Hotel Schloss Gehrden belegte meinen Eindruck, dass die Gegend des Hochstifts sich allmählich wirtschaftlich entwickelt. Der Weg führte mich anschließend zur alten fürstbischöflichen Amtsburg Dringenberg. Leider ist das Museum nur an bestimmten Tagen geöffnet. Aber die Burg macht auch so Eindruck, auch dadurch, dass hier große Teile der höheren Rechtsprechung im Hochstift erfolgte. Nach vielen „gebirgichten“ Wäldern erreichte ich rechtzeitig die Pfarrkirche St. Peter und Paul in Bad Driburg (mit Stempelstelle). Anschließend ging es in die überfreundliche Jugendherberge. Die Herbergsmutter machte mir meine Rückkehr in Jugendzeiten überaus angenehm. Ich hatte anschließend sogar genug Fußkraft, um den Gräflichen Park zu bewundern.

Am nächsten Tag geht es bei Plädderregen 200 Meter hoch auf die Iburg. Eine einzige junge Wanderin begegnete mir im Regenwald. Die Sicht auf Bad Driburg war in der Wolkensuppe entsprechend schlecht und die Fundamente der altsächsischen Burg gaben mir wenig Verweillust.

Mein Regenradar zeigte mir, dass nach dem Eggeregen auf der Paderborner Hochfläche Sonnenschein folgen sollte. Aber auch an der Grenze zum Landkreis Paderborn, ging es nass weiter. Der Regen spülte mich geradezu in eine der Bäckereien von Schwaney, wo ich überreichlich mit Keksen zum Pott Kaffee beschenkt wurde.

Die Stempelstelle in St. Johannes Baptist erreichte ich anschließend trockenen Fußes. Und die „Paderborn Highlands“ sollten mich trockenfönen. Der Weg nach Dahl führte auf einen schönen Höhengrad oberhalb des Ellerbaches. Ein herrlich typischer wie windiger Ausblick auf die Paderborner Hochfläche mit ihren enormen Windkraftanlagen.

Und ganz unvermittelt führt der Weg in den ersten Vorort von Paderborn: das noch sehr ländliche Dahl mit seiner Pfarrkirche St. Margaretha und dem unvermeidlichen Stempel. Was folgte waren Gebiete, die ich schon als Kind mit dem Fahrrad gemacht habe, einschließlich der Haxter Warte. Meine Heimatstadt ist seit den 60er Jahren enorm gewachsen. Auch meine Taufkirche Maria zur Höhe wurde erst 1968 fertiggestellt. Meine Taufkirche liegt nur wenige Meter vom ausgeschilderten Jakobsweg, also lag ein Abstecher nah, inklusive Führung vom Diakon, samt Stempel.

Bisher habe ich viele mir gänzlich unbekannte mittelalterliche Städte besucht. Die Paderborner Geschichte kenne ich, meinem alten Geschichtslehrer Dr. Friedrich Gerhard Hohmann sei Dank, recht gut. Es war mithin seltsam einfach, mich hier als Wanderer zu bewegen. Ich konzentrierte mich auf Stätten mit Pilgertradition. Allen voran die Busdorfkirche mit ihrem phänomenalen Kreuzgang und natürlich der Hohe Dom mit seinem Paradiesportal, dessen Vorhalle vermutlich als Schlaf- und Speiseraum für die Jakobuspilger im Mittelalter diente.  Schon im Kunstunterricht am Theodorianum musste ich das Portal beschreiben. In der Kathedrale, in der ich viele Male als Chorknabe sang, konnte ich mich nach über 90 km geistig sammeln. Die Pilgertradition des Domes habe ich erst heute begriffen.  Stempel gab es im Dom und im Meinwerk-Institut. Das Diözesanmuseum ist temporär geschlossen.

Die nächste Etappe im Hochstift: von Paderborn nach Marsberg

Es geht als nächstes weiter nach Süden über den neu erschlossenen Jakobsweg von Paderborn nach Elspe über Husen und Kloster Dalheim nach Marsberg, wo ich wahrscheinlich in Husen oder in der Nähe vom Kloster Dalheim übernachten werde. Die Gemeinden liegen Pastoralverbund Lichtenau.

Links:

frühere Etappe von Amelungsborn nach Kloster Corvey… 

nächste Etappe Hochsauerland