There is only a European solution – BBC-Interview on refugee crisis

We need to see the bigger picture of a catastrophic situation. I recently gave some views on why a global refugee crisis has to be answered by Europe and not just by nation states. Ahead of the EU-Summit in Brussel I was interviewed by BBC World Service – this is my full interview on behalf of European Movement Germany. I gave credits to Relief & Reconciliation for Syria which I could visit last year in Lebanon. Also mentioned a great study of EM Germany’s member organisation Bertelsmann Stiftung Berlin, which shows that EU citizens are more open to help refugees than their governments.

The full BBC Interview:

Nur europĂ€isch lösbar – mein BBC-Interview zur FlĂŒchtlingskrise

Die FlĂŒchtlingskrise ist nur europĂ€isch lösbar. Da hilft es auch nicht, dass die meisten Nationalstaaten sich nur mit Grenzschließungen behelfen. Wie es weiter gehen wird und was zu unseren Innengrenzen passieren könnte bleibt einen Sprung ins Ungewisse, aber „protection of the Schengen borders outside Europe is the most important thing, and not to build up fences inside Europe“. Das wahre Problem ist die Katastrophe fĂŒr die Menschen in Syrien. GrenzzĂ€une werden die Menschen nicht aufhalten. Sie werden ihren Weg nach Norden finden. Dies wurde schon bei meinem Vorkrisenbesuch in FlĂŒchtlingslagern im Libanon deutlich.

Das Interview im vollen Wortlaut:

Intervening in domestic affairs? This must be a European standard

Taking part in the Pristina  panel on “The Future of the Euro-Atlantic Community in Uncertain Times: Where Are We Headed?” I made clear, that the Copenhagen EU accession criteria (democratic governance, human rights, functioning market economy) must be a model of conduct for all the existing EU members. Pluralistic and democratic competition on all policy levels is therefore a precondition for a united Europe.

HĂŒttemann: “Intervening in domestic affairs? This must be a European standard”

Neuer Slogan fĂŒr Phoenix: „Das ganze europĂ€ische Bild“

  • In der Außen- und Europapolitik bekommen wir nicht das ganze Bild. Mit fatalen Folgen.
  • Die Situation in den FlĂŒchtlingslagern wurde viel zu lange verschwiegen
  • EU-Gipfeltreffen sonnen sich in falscher Aufmerksamkeit
  • Wir bekommen noch immer nicht vermittelt, wie die EU funktioniert, auch wo sie nicht handeln darf

Um die Welt zu erklĂ€ren, mĂŒssen wir es uns einfach machen, ob es uns passt oder nicht. KĂŒrzlich gab ich ein Interview, das zwei simple AnlĂ€sse hatte. Eine unglaublich große FlĂŒchtlingsnot durch Krieg in Syrien und wieder einmal ein EU-Gipfel aus BrĂŒssel. Tenor: die FlĂŒchtlingsnot war einfach vorauszusehen, die EU-Gipfel werden einfach zu wichtig genommen.

ZunĂ€chst die FlĂŒchtlingskrise. Sie erscheintÂ ĂŒberraschend neu. Wirklich? Nein. Jeder hĂ€tte um die Lage der FlĂŒchtlinge wissen können, seit Jahren. Nur war die öffentliche Aufmerksamkeit kaum zu erregen. Verzweifelt wiesen Helfer in den Lagern auf die ZustĂ€nde hin. Kaum Echo in Deutschland, weder in der Politik noch in den Medien. Zum Jahreswechsel hatte ich die Möglichkeit, den Libanon zu bereisen. Fritz Bokern von Relief & Reconciliation for Syria zeigte mir FlĂŒchlingslager von Innen. Erste einfache Wahrheit: wahrscheinlich mittlerweile 2 Millionen FlĂŒchtlinge im Libanon erhalten immer weniger UnterstĂŒtzung. Zweite Wahrheit: kein Mensch hĂ€lt es in solchen Lagern ewig aus. Das Resultat ist eine oft tödliche Flucht in den Norden.

Zu dieser „unglaublich“ ĂŒberraschenden Situation gab es dann einen „EU-FlĂŒchtlingsgipfel“ (eigentlich informeller EuropĂ€ischer Rat). Scheinwerfer an: Mikrofone raus, am besten wenn die Staats- und Regierungschefs aus ihren Limousinen steigen.

Dabei wurde auf dem Gipfel eigentlich gar nichts Neues entschieden. Der „EuropĂ€ische Rat“ entscheidet strenggenommen nie, schon gar nicht der „Informelle ER“. Er ist kein Gesetzgebungsorgan der EU. Schon vorab haben die beiden Gesetzgebungskammern EuropĂ€isches Parlament und Rat der EU mehrheitlich (!) fĂŒr ein Quoten-System zur Verteilung der FlĂŒchtlinge gestimmt. Dieses Mehrheitsverfahren war durchaus neu. Der EU-Vertrag hat den Staatskanzleien Europas gezeigt, dass bei der Innenpolitik eben doch nicht mehr das Einstimmigkeitsprinzip besteht und dass die EU-Kommission die FĂ€den in der Hand halten kann, natĂŒrlich in enger Abstimmung mit (Minister-)Rat und Parlament. KompromissfĂ€hige Mehrheitsbeschaffung nennt man das.

Das Dumme ist nur: in Deutschland herrscht wacker die Meinung, dies medial kaum vermitteln zu können. Warum eigentlich, im komplizierten Land des Föderalismus und der kommunalen Selbstverwaltung? Vielleicht liegt es daran, dass dies von den Staatskanzleien so gewĂŒnscht wird. Immer noch möchte jeder Staats- und Regierungschef seiner Kamera seine Wahrheit sagen, seinen „Medien-Spin“ weben. So werden weiter 28 falsche Öffentlichkeiten gebildet. Ein deutsches Kabinettsmitglied des PrĂ€sidenten des EuropĂ€ischen Rates brachte es mir gegenĂŒber mal stolz auf den Punkt: „kein anderes EU-Organ schafft es auf Anhieb in die Tagesschau“. Das wird in Kanzleien ausgenutzt. Jeder Gipfel-Scheinwerfer wirft Schatten auf die Wahrheit.

[Leider gehört zur Wahrheit auch, dass die EU in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik so fast gar nichts entscheiden kann. Sie kann Syrien nicht helfen, solange selbst Malta hat ein Vetorecht hat…:

]

Zugegeben: bessere Entscheidungsmechanismen bringen natĂŒrlich nicht per se eine bessere Politik. Doch wĂŒrde es sich lohnen, den demokratischen Wettstreit endlich so darzustellen, wie er ist. Das wĂŒrde Vertrauen schaffen. Eine große Chance bot die  „Spitzenkandidaten-Diskussion“ um den Kandidaten Juncker. Ich habe sie im letzten Jahr hier ein wenig aufgebröselt. Im Kern ging es schon damals um eine neue EU-Demokratie. Denn der EuropĂ€ische Rat darf nur in der Personalpolitik etwas entscheiden: den Vorschlag fĂŒr einen KommissionsprĂ€sidenten. Diese einzige Entscheidungsvollmacht des „EU-Gipfels“ ist sogar mehrheitlich möglich.

Dieser Mechanismus wurde genauso wenig beachtet, wie nun die Entscheidung zu den FlĂŒchtlingsquoten. Die einstmals vom Kanzleramt propagierte „Unionsmethode“ wird zunehmend von der „Gemeinschaftsmethode“ des Parlaments und der Kommission eingeholt. Doch scheint es die Öffentlichkeit noch immer nicht verinnerlicht zu haben. Zwei besonders dreiste Versuche eines nationalen Medien-Spins: Englands Premier David Cameron leugnete 2014 bei der Entscheidung zum Spitzenkandidaten Mehrheitsentscheidungen genauso, wie nun sein slowakischer Kollege Robert Fico bei der Quoten-Frage.

Aber Deutschland ist das Bild leider nicht viel besser, trotz bester QualitĂ€tsmedien. Der eigentlich fantastische Sender Phoenix hat einen tollen Slogan „Das ganze Bild“: Ein Bild, das leider an den Grenzen Deutschlands aufhört. Das Plenum des EuropĂ€ischen Parlaments darf im ganzen Bild kaum vorkommen. JĂŒngstes Beispiel: die Rede zur Lage der EU von KommissionsprĂ€sident Juncker in Straßburg wurde von keinem öffentlich-rechtlichem Rundfunk live ĂŒbertragen (siehe: #SOTEU). Alles eh nur Elitensender? Mag sein. Aber wenn sich selbst die Eliten nicht „Das ganze europĂ€ische Bild“ machen…

„Die Lage wird tĂ€glich schlimmer“ Syrische FlĂŒchtlinge im Libanon

  • 1,5 Mio FlĂŒchtlinge im fragilen Libanon
  • 250.000 in der reichen EuropĂ€ischen Union
  • Wenig europĂ€ische Hilfe fĂŒr die Menschen im Libanon
  • Es kann noch schlimmer werden, wenn der Libanon kippt!

Jahreswende 14/15. Über eine Woche lang durfte ich Fritz Bokern von Relief & Reconciliation for Syria (R&R) im Libanon bei seiner Arbeit in syrischen FlĂŒchtlingscamps begleiten. Es waren beeindruckende Tage. Meine Berichte nannte ich:  Syrischer FlĂŒchtlingsstrom trifft Libanons Parallelwelten und Mein bedrĂŒckendes libanesisches Daumenkino
 Ich traf viele tolle Menschen aller Religionen und Regionen, die um das Zusammemleben ringen in einer bedrĂŒckenden Region, die von Europa im Stich gelassen wird.

Heute morgen hörte ich Fritz‘ Interview im Deutschlandfunk zur jetzigen Lage. NatĂŒrlich bekomme ich ĂŒber meine deutsche Gruppe von R&R und Fritz mit, wie es um die FlĂŒchtlinge im Libanon steht. Aber als ich Fritz‘ Beschreibung von meinem Lieblingssender beim FrĂŒhstĂŒck hörte, dann wurde mir anders.

Es hat sich seit Januar nichts getan, im Gegenteil: „Mehr schlecht als recht natĂŒrlich und die Lage wird tĂ€glich schlimmer. Das ist ja das, was am meisten mich bedrĂŒckt auch vor Ort hier, dass sich die Lage nach ĂŒber vier Jahren der FlĂŒchtlingskrise nicht verbessert, sondern weiterhin verschlimmert“, so Fritz Bokern.

Vielleicht wachen wir in der Diskussion um nur 250.000 syrische FlĂŒchtlinge in der EU auf. Aber angesichts von Fritz‘ DLF-Interview, gemischt mit meinen bescheidenden EindrĂŒcken aus dem Libanon wird mir heute wieder anders. Möglicherweise stehen uns wirkliche „Probleme“ angesichts von Millionen von FlĂŒchtlingen in Wartestellung erst noch bevor. Nein, ganz sicher. Aber was sind schon unsere Probleme angesichts des Leids im angeblich fernen Nahen Osten…

The case for common rules for EU democracy

The initiative of the Parliamentary Committee on Constitutional Affairs to reform the outdated European electoral law is a positive move. A reform of the European electoral system and the rules governing the European parties is necessary to strengthen the link between the European parties and the European public, my contribution to EurActiv

The case for common rules for EU democracy

Die Kneipe der EuropÀischen Union

Ein politisch-psychologischer Gedankencocktail

Der Mensch in seiner Mannigfaltigkeit ist ebenso unergrĂŒndbar wie seine Umwelt. Die verwinkelten Gassen seiner Psyche finden ihr Spiegelbild in der Dynamik von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Doch was passiert, wenn der Mensch sein Spiegelbild nicht mehr erkennt? Wenn seine Umwelt sich verĂ€ndert und er den Wandel nicht begreifen kann? Die EuropĂ€isierung in all ihren Facetten stellt fĂŒr das Individuum in all seinen BedĂŒrfnissen einen tiefgreifenden Wandel dar. Der einfache BĂŒrger muss nun verstehen lernen. Er muss ein VerstĂ€ndnis entwickeln fĂŒr Konzepte, die nationalstaatliche Denk- und Handlungsmuster aufbrechen, die Demokratie neu gestalten und eine neue supranationale Ebene konstruieren. Doch wer entwickelt ein VerstĂ€ndnis fĂŒr den BĂŒrger?

Zweifelsohne spielt die Zivilgesellschaft eine große Rolle auf dem Pfad zu mehr VerstĂ€ndnis fĂŒr den BĂŒrger, aber auch fĂŒr die EuropĂ€isierung. Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass die Zivilgesellschaft einen evidenten Beitrag zur Befriedigung der psychologischen GrundbedĂŒrfnisse leistet. Aus dieser These resultiert die Frage, wie dieser Beitrag zur Befriedigung der psychologischen GrundbedĂŒrfnisse in der RealitĂ€t aussieht. Um der Fragestellung gerecht zu werden, stelle ich im ersten Schritt die vier psychologischen GrundbedĂŒrfnisse vor. Anschließend schlage ich die BrĂŒcke zwischen dem theoretischen Konstrukt der Psychologie und den manifesten Indikatoren der EuropĂ€isierung. Im Anschluss werden die gewonnenen Erkenntnisse resĂŒmiert und die Fragestellung beantwortet.

 

Stellen Sie sich vor. Sie sitzen in einer Kneipe und der Barkeeper stellt Ihnen einen Cocktail hin. Das Glas symbolisiert die Politik. Der Cocktail wiederrum symbolisiert die Wirtschaft. FĂŒr den Mann von Welt viel zu schwach und mit Leichtigkeit genießbar. FĂŒr den Ottonormalverbraucher ungenießbar und deutlich zu stark. Also was tun? VerstĂ€ndnis fĂŒr den BĂŒrger haben und den Cocktail neu mixen oder drauf bestehen, dass er getrunken wird?

Der Homo Sapiens in seiner unerschöpflichen DiversitĂ€t wird nun auf unterschiedlichste Weise reagieren. Der eine nippt ganz zĂ€rtlich am Cocktail. Der andere wird lautstark, beschwert sich ĂŒber die unzumutbare Substanz. Ein anderer bittet höflich um eine Alternative und hinterfragt die ganze Situation. Kurz und knapp, kein Mensch verhĂ€lt sich wie sein gegenĂŒber. Potentielle Ursachen fĂŒr unterschiedliches Verhalten finden wir in der Psychologie. So wird der Mensch im Alltag durch seine Erfahrungen, Denk- und Handlungsmuster, Emotionen und Gene gelenkt.

Die Wirtschaft profitiert schon lange von diesem Wissen und konzipiert ihre FĂŒhrungsstile nach Wirtschaftlichkeit. Die Devise lautet, je zufriedener der Mitarbeiter, desto gewinnbringender. Eine wissenschaftliche Grundlage bietet die Neuropsychologie. In erster Linie, die vier psychologischen GrundbedĂŒrfnisse in ihrer UniversalitĂ€t und InterdisziplinaritĂ€t. Diese Merkmale sind Garant fĂŒr eine hohe KonstruktvaliditĂ€t und erlauben eine Anwendung auf jedes gesellschaftliches PhĂ€nomen. Sie bilden die theoretische Grundlage meiner Untersuchung.

Bindung. Unmittelbar nach der Geburt baut der Mensch, mittels des Bindungshormons Oxytocin, eine enge Beziehung zu seinen ersten Bezugspersonen auf. Das BedĂŒrfnis nach Bindung ergibt sich aus dem Verlangen nach Schutz, NĂ€he und Vertrauen. Im Verlauf seines Lebens knĂŒpft der Mensch weitere soziale Bindungen. Die Basis fĂŒr ein stabiles Umfeld bildet ein intensiver sozialer Austausch. Je intensiver der positive soziale Austausch, desto grĂ¶ĂŸer ist das Vertrauen in die Bezugspersonen. (Vgl. Peters 2013, S.73)

Selbstwert und Schutz. Der Mensch konstruiert wĂ€hrend seines Lebens ein Selbstbild. Dieses Bild entspringt subjektiver Selbstwahrnehmung und Erfahrungen. Sensibel reagiert der Mensch auf Situationen, die sein SelbstwertgefĂŒhl steigern oder schwĂ€chen. In diesem Sinne tragen nicht nur monetĂ€re Anreize zu einer Steigerung oder SchwĂ€chung des SelbstwertgefĂŒhls bei. Partizipation, Mitsprache, Gesetze und Programme können ebenfalls als Belohnung oder Sanktion perzipiert werden. Dieser Prozess wird ĂŒber das Stresshormon Cortisol gesteuert. Wird ein Mensch belohnt, wird das Hormon freigesetzt und eine Steigerung des Wohlbefindens tritt ein. (Ebd. S. 76)

Lust und Unlust. Dem einen schmeckt der Cocktail, dem anderen nicht. Dementsprechend verspĂŒrt der eine mehr Lust beim Verzehr des Cocktails, als der andere. Das GrundbedĂŒrfnis des Lustempfindens ist das subjektivste BedĂŒrfnis. Anhand zahlreicher persönlicher Erfahrungen bewertet das Individuum unbewusst bestimmte Situationen. Die VerknĂŒpfung von Emotion und Körper ist in diesem Fall besonders offenkundig. Sorgt fĂŒr Individuum Anton ein Bibliotheksbesuch fĂŒr einen wahrhaften Dopamin-Rausch, empfindet Individuum Berta dahingegen beklemmende Unlust. (Ebd. S.77)

Orientierung und Kontrolle. Das GrundbedĂŒrfnis der Orientierung und Kontrolle fĂ€chert sich auf in drei Bereiche. Der Mensch möchte seine Umwelt erklĂ€ren. Aus der ErklĂ€rung heraus entsteht VerstĂ€ndnis. Betrachten wir die Wissenschaft finden wir dieses BedĂŒrfnis wieder. Anhand von Experimenten, Beobachtungen und Erfahrungen klassifizieren wir unsere Umwelt und gewinnen Erkenntnisse. Neben dem BedĂŒrfnis nach VerstĂ€ndnis und ErklĂ€rung spielt eine dritte Komponente eine wesentliche Rolle. Der Drang nach Beeinflussung und Autonomie. Der Mensch ist ein freiheitsliebendes Geschöpf und möchte seine Umwelt mitgestalten und bestimmen. Wird eine Person in dieser Kompetenz eingeschrĂ€nkt, resultiert PassivitĂ€t und Widerstand. (Ebd. S.74)

Inwiefern hĂ€ngen nun die psychologischen GrundbedĂŒrfnisse mit der EuropĂ€isierung und der europĂ€ischen Integration zusammen? Wo ist die Verbindung zur Zivilgesellschaft? Die Topmanager der Wirtschaft sind sich einig. Die psychologischen GrundbedĂŒrfnisse mĂŒssen berĂŒcksichtigt werden. Anderenfalls entsteht PassivitĂ€t, die Mitarbeiter sind unmotiviert und im schlimmsten Fall verfallen sie in tiefe Depressionen und anderen Multisystemerkrankungen. Der TK-Depressionsatlas 2015 verzeichnet eine beĂ€ngstigende Zunahme von Depressionen und den daran gekoppelten Antidepressiva-Konsum (Depressionsatlas 2015). Diverse psychologische Studien untersuchen die Langzeitfolgen von unserem Alltag auf Lebensdauer, Krankheitsbilder und Zufriedenheit. Die gewonnenen Erkenntnisse sind fĂŒr die Wirtschaft und die Politik von Nutzen. Gewiss der Umweltfaktor Politik bildet, gemessen an Zeit- und Energieaufwand, fĂŒr einen Großteil unserer Gesellschaft einen kleineren Anteil ab. Dennoch beeinflusst die Politik im Wechselspiel mit Wirtschaft und Gesellschaft unseren Alltag.

In einer zunehmend komplexer werdenden Welt sollten wir der Tatsache ins Auge blicken, dass zahlreiche UmwelteinflĂŒsse unsere Psyche beeinflussen. So existieren zahlreiche Korrelationen zwischen der Gesellschaft und den Regierungs- Wirtschafts- und Sozialsystemen. Genau wie in der Wirtschaft strebt das Individuum in der politisch-gesellschaftlichen SphĂ€re nach der Befriedigung seiner GrundbedĂŒrfnisse. Wird das Individuum enttĂ€uscht, entsteht Widerstand und PassivitĂ€t. Jean-Claude Juncker beschreibt es in einem Interview als Entfernung, interpretierbar als Distanzierung, der BĂŒrgerinnen und BĂŒrger von Europa und fĂŒgt noch hinzu, dass wer das nicht erkennt blind und taub sei (Arte 2015).

Das Problem ist klar. Das Projekt EuropĂ€ische Union leidet. Die Tatsache, dass bei der letzten Europawahl lediglich 43,09 Prozent europaweit zur Wahlurne spazierten, die zahlreichen europafeindlichen und populistischen Parteien einen starken Aufwind erleben, das Demokratiedefizit institutioneller und gesellschaftlicher Art so vor sich hindĂŒmpelt und Europa sich in der Ukraine-Russland-Krise gespalten prĂ€sentiert, unterstreicht diese plakative, bewusst provokative Annahme.

Also benötigt unsere Psyche einen Lichtblick oder vielmehr ein Lichtstrahler. Wie wĂ€re es mit einer europĂ€ischen Zivilgesellschaft, gestĂ€rkt durch den Artikel 11 EUV? Erstmalig wird den BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern und der Zivilgesellschaft die Möglichkeit zugesichert, ihre Ansichten in allen Bereichen des Handelns der EU öffentlich bekanntzugeben und auszutauschen. DarĂŒber hinaus legt der Artikel GĂŒtekriterien fĂŒr einen offenen, transparenten und regelmĂ€ĂŸigen Dialog fest. Der partizipatorische Charakter und die Chance sich ĂŒber diverse Mechanismen und Instrumente in den politischen Entscheidungsprozess einzuklinken, wurde somit primĂ€rrechtlich verankert.

Nun stellt sich die Frage, wer oder was ist die Zivilgesellschaft? Doch wie so oft, liegt die scientific community mit sich im Clinch. Zumindest besteht ein Minimalkonsens, dass die Zivilgesellschaft eine Pufferzone zwischen Wirtschaft und Politik darstellt. Zu ihr gehören VerbĂ€nde, Sportvereine, UniversitĂ€ten, Nichtregierungsorganisationen und viele mehr, die ein weites Spektrum von Arbeit, Wirtschaft, Gesellschaft, Bildung bis Kultur abdecken. FĂŒr uns steht nicht die exakte Definition im Vordergrund, sondern vielmehr die Funktionen einer Zivilgesellschaft.

Eine zentrale Funktion ist der Schutz des privaten und gesellschaftlichen Raums. Ebenso wichtig ist die Beobachtung und Kontrolle der staatlichen Macht und die Forderung nach Rechenschaft und Verantwortlichkeit gegenĂŒber dem Volk. Außerdem werden in der Zivilgesellschaft soziales Kapital und Interessen gebĂŒndelt und den Menschen Partizipations- und Einbringungsmöglichkeiten geboten. Sie sprengt gesellschaftliche cleavages auf und trĂ€gt zur Lösung gesellschaftlicher Spannungen, gesellschaftlicher Inklusion, Vertrauen, Toleranz, Kooperation und Demokratisierung bei. (Vgl. Keane/Merkel S.449f)

An dieser Stelle lohnt sich eine Rekapitulation der psychologischen GrundbedĂŒrfnisse. Denn wer diesen Zusammenhang nicht erkennt, wandelt blind und taub durch unsere Umwelt. Das GrundbedĂŒrfnis Bindung finden wir in der Partizipation, gesellschaftlichen Inklusion und BĂŒndelung von sozialem Kapital. Das GrundbedĂŒrfnis nach Orientierung und Kontrolle in der Rechenschaftspflicht und Verantwortlichkeit gegenĂŒber dem Volk, das GrundbedĂŒrfnis seinen Selbstwert zu steigern in den Einbringungs- und Durchsetzungsmöglichkeiten seiner Interessen. Ohne Zweifel besteht eine Korrelation zwischen den psychologischen GrundbedĂŒrfnissen und der Zivilgesellschaft.

Nichtsdestoweniger, das Problem der Distanzierung bleibt. Viele BĂŒrgerinnen und BĂŒrger verstehen die EuropĂ€ische Union nicht. Allerdings sind ein fundiertes VerstĂ€ndnis und das GefĂŒhl autonom zu sein, von horrender Bedeutung fĂŒr eine AnnĂ€herung und Akzeptanz. Die aufgezeigte Korrelation, zwischen Zivilgesellschaft und Politik, spielt hier eine tragende Rolle. Folgende Illustrationen verdeutlichen das Potential der Zivilgesellschaft die Kneipe der EuropĂ€ischen Union fĂŒr Kenner und fĂŒr BĂŒrgerinnen und BĂŒrger zu öffnen und attraktiv zu machen.

Im Zuge der Datenerhebung fĂŒr den Eurobarometer 2014 wurden in sechs LĂ€ndern Interviews durchgefĂŒhrt. FĂŒr einen DĂ€nen liegt das Hauptproblem in der Art und Weise, wie Informationen ĂŒbermittelt werden (Eurobarometer 2014). Die Quintessenz, Informationen mĂŒssen verstĂ€ndlich und einfach zugĂ€nglich sein. Denn versteht der BĂŒrger was in seiner Umwelt passiert, gibt ihm das ein GefĂŒhl von Orientierung und Kontrolle und steigert sein Lustempfinden und SelbstwertgefĂŒhl. Anschließend sollte den BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern die Option der Beeinflussung eigerĂ€umt werden. In der Wirtschaft scheitern ungefĂ€hr 70 Prozent der Innovationsprozesse, weil das Personal nicht aktiv in die Entscheidungsprozesse eingebunden wurde (Peters 2015, S.128). Das Personal hatte somit weder Informationen noch Möglichkeiten der Beeinflussung. Warum sollte das bei Entscheidungen im politischen Prozess anders sein? Die Zivilgesellschaft erfĂŒllt deshalb eine SchlĂŒsselrolle. Sie trĂ€gt zur AufklĂ€rung der Gesellschaft bei und bietet die Möglichkeit aktiv zu werden und sich einzubringen.

Neben der aktiven Teilnahme und dem grundlegenden VerstĂ€ndnis ist das Vertrauen und die Bindung ein weiterer EiswĂŒrfel im Cocktail der EuropĂ€ischen Union. In einer Rede zur Bedeutung von BĂŒrgerbeteiligung im politischen Prozess der GeneralsekretĂ€rin, Bundesministerium fĂŒr Inneres, Cornelia Rogall-Grothe stellt sie die Relevanz der Einbeziehung von bĂŒrgerlichen Argumenten heraus (Rogall-Grothe 2011). Ihr zufolge ist es wichtig die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger zu informieren und anzuhören und darĂŒber hinaus, die Argumente in den politischen Entscheidungsprozess zu integrieren (Ebd.). Auch hier kann die Zivilgesellschaft, gestĂ€rkt durch den Artikel 11 EUV, einen Beitrag leisten. Das zeigen verschiedene Netzwerke, die sich fĂŒr mehr bĂŒrgerliches Engagement einsetzen. Im Bericht des Fachworkshops des Bundesnetzwerks BĂŒrgerschaftliches Engagement wird in einer Tabelle aufgezeigt, wie man am besten seine Interessen ĂŒber verschiedene Mechanismen in den politischen Entscheidungszyklus einbringt (BBE). So existiert eine wahre Vielfalt an Beteiligungsmöglichkeiten, von transparenter und wechselseitiger Information, ĂŒber Dialoge und Beratungen, bis hin zu Partnerschaften. Jede, der genannten Beteiligungsmöglichkeiten, leistet einen Beitrag zur Befriedigung der psychologischen GrundbedĂŒrfnisse.

 

SpĂ€testens jetzt ist klar, die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger möchten sich beteiligen. Es reicht ihnen nicht ein Sandkorn im Sandkasten der Massenparteien und Gewerkschaften zu sein. Die Beteiligungsformen verĂ€ndern sich und eine Studie der Bertelsmann Stiftung unterstreicht, dass der Gang zur Urne fĂŒr zweidrittel der deutschen BĂŒrgerinnen und BĂŒrger nicht mehr ausreichend ist (Vehrkamp 2014). Sie möchten mitentscheiden und gestalten. Das ist in der Psyche der Menschen verankert.

Ich habe anfangs die These aufgestellt, dass die Zivilgesellschaft einen Beitrag zur Befriedigung der psychologischen GrundbedĂŒrfnisse leistet. Im Anschluss an meine Untersuchungen, setze ich einen drauf und behaupte, dass die Zivilgesellschaft aus den psychologischen GrundbedĂŒrfnissen resultiert. Die Psyche eines Menschen ist auf eine starke Zivilgesellschaft und partizipatorische Elemente ausgelegt. Wir wollen uns binden, kooperieren und unsere Umwelt autonom beeinflussen. Eine intakte Zivilgesellschaft bietet jedem Individuum diese Chance. Ein jeder von uns hat die Chance ĂŒber Vereine, VerbĂ€nde, Nichtregierungsorganisationen und andere Formen seine Gedanken in den Cocktail einzubringen. Wir haben die Möglichkeit das Glas der Politik zu formen, den Cocktail neu zu mixen und das SahnehĂ€ubchen oben drauf zu setzen.

Trotz allem dĂŒrfen wir nicht vergessen, welche Verantwortung mit der Chance einhergeht. Wie gezeigt, die Zivilgesellschaft ist Ausdruck der psychologischen GrundbedĂŒrfnisse. Es muss dabei bleiben, dass die Zivilgesellschaft sich der Befriedigung der GrundbedĂŒrfnisse, der BĂŒrgerinnen und BĂŒrger verschreibt und nicht zu einem elitĂ€ren Machtinstrument verkommt. DarĂŒber hinaus sollte es ihr Anspruch sein, sich besonders den Bevölkerungsteilen zu widmen, die sozialbenachteiligt sind und resigniert haben, denn schlussendlich sitzen wir alle in der gleichen Kneipe.

 

 

Quellenverzeichnis

Frey, Dieter/Schmalzried, Lisa (2013): Philosophie der FĂŒhrung. Gute FĂŒhrung lernen von Kant, Aristoteles, Popper & Co.. Heidelberg: Springer Verlag.

Keane, John und Wolfgang Merkel (2015): Zivilgesellschaft, in: Raj Kollmorgen, Wolfgang Merkel, Hans-JĂŒrgen Wagener (Hrsg.): Handbuch Transformationsforschung. Wiesbaden: Springer VS: 443-454.

Peters, Theo/Ghadiri, Argang (2011): Neuroleadership. Grundlagen, Konzepte, Beispiele. Erkenntnisse der Neurowissenschaften fĂŒr die MitarbeiterfĂŒhrung. Wiesbaden: Gabler Verlag.

Vehrkamp, Robert (2014): Einwurf. Zukunft der Demokratie. Bertelsmann Stiftung.

 

Internetquellen

Arte (2015): 100 Tage Jean-Claude Juncker. Unter: http://www.arte.tv/guide/de/056741-000/100-tage-jean-claude-juncker (zuletzt abgerufen: 25.02.2015).

Bundesnetzwerk BĂŒrgerschaftliches Engagement (2012): Partizipative Demokratie in Europa. Chancen fĂŒr BĂŒrgerbeteiligung nach dem Lissabon-Vertrag. Unter: http://www.b-b-e.de/fileadmin/inhalte/PDF/publikationen/Partizipative_Demokratie_in_Europa.pdf (zuletzt abgerufen: 25.02.2015).

Depressionsatlas (2015): Unter http://www.tk.de/tk/themen/050-publikationen/depressionsatlas-2015/696240 (zuletzt abgerufen: 26.02.2015).

Eurobarometer 82: Die öffentliche Meinung in der EuropÀischen Union. Unter: http://ec.europa.eu/public_opinion/archives/eb/eb82/eb82_first_de.pdf (zuletzt abgerufen: 25.02.2015).

Europa hat gewĂ€hlt (2014). Landeszentrale fĂŒr politische Bildung. Baden-WĂŒrttemberg. Unter: http://www.europawahl-bw.de (zuletzt abgerufen: 25.02.2015).

Rogall-Grothe, Cornelia (2011): Die Bedeutung von BĂŒrgerbeteiligung im politischen Prozess. Unter: http://www.protokoll-inland.de/SharedDocs/Reden/DE/2011/05/strg_mohnpreis.html (zuletzt abgerufen: 25.02.2015).

 

Mein bedrĂŒckendes libanesisches Daumenkino…

Nein, ich kenne Beirut immer noch nicht richtig. Von Disney-Land- bis zu zerschossenen GebĂ€uden. Da gibt es einfach alles. Auch lange BĂ€rte! BĂ€rte, die ich nie erreichen werde. Ob atheistischer Hipster oder strengglĂ€ubiger Schiit… der Internationalinski fĂŒhlt sich wohl in dieser Mischung aus Coolness und „hey, das sieht gefĂ€hrlich aus“… ich bin nicht frei davon. Soweit, so cool. Beirut halt.

Ich bin sehr froh, dass ich mich zunĂ€chst nicht auf die spannende libanesische Metropole konzentrierte, sondern gleich die HĂ€lfte dieses Landes in 12 Tagen mit einem historisch-politischem Kopf durchqueren konnte. Friedrich Bokern zeigte mir das Land in einer ganzen Breite und Tiefe.  Es half mir, dass Fritz aus der gleichen katholisch-westfĂ€lischen Provinz „wechkommt“. Weltoffenheit zum Fremden mischte sich mit punktueller Erdung in der Tradition.

In 12 Tagen kann man die libanesische Welt nicht wirklich voll erfassen. Aber mit einigem Abstand kommen mir die Tage wie ein Daumenkino vor, dessen BlĂ€tter sich nur im Schnelldurchgang zusammenfĂŒgen. Über das alles beherrschende konfessionelle Gegen-, Neben- und Miteinander in der libanesischen Geschichte (auf Englisch) und die syrische FlĂŒchtlingsproblematik im Distrikt Akkar habe ich schon ein wenig geschrieben. Heute soll es aber vor allem um die Erfahrungen eines Libanon-Reisenden gehen, um das Wort Tourist zu vermeiden.

Vorab etwas, was alle Tage zusammenhielt. „Bumper“ nannte es mein ansonsten Ă€ußerst gelehrter „Fahrer“ ein wenig englisch inkorrekt. Aber die Straßenhuckel dienen dazu, den völlig ungeregelten Verkehr zu maßregeln. Es gibt von den Buckeln so viele, dass sogar auf Zeit- oder Entfernungsangaben verzichtet werden kann. Man zĂ€hlt einfach die Huckel. Nach 15 Huckeln ist man da… Da man sich gerade bei Stromausfall die Huckel besser merken sollte, vergibt man ihnen auch Namen: der „Army camp bumper“…

Das fĂŒhrt gleich zur anderen libanesischen Konstante. Der Stromausfall. 60 % des Stroms kommt nur aus Kraftwerken. 40% aus Generatoren. Es gibt zwar auch „wild cuts“ aber allgemein verlĂ€uft das Stromsparen im Libanon recht regelmĂ€ĂŸig. FĂŒr Beirut gibt es Applications, die genau anzeigen, wann im welchen Viertel der Strom ausfĂ€llt. Wer das Geld hat, hat einen Generator, der sich im Fall der FĂ€lle einschaltet. Das Ganze hat auch eine politische Dimension. Das Land ist zu 40% gegen israelische Luftangriffe gefeit, zumindest was die Stromversorgung angeht. Auf dem Lande finden sich ĂŒbrigens gigantische Generatoren, die ein ganzes Dorf versorgen.

Ganz ohne Strom funktionieren dabei aber auch die Kontrollpunkte der libanesischen Armee. Sie sorgen nur am Anfang fĂŒr ein mulmiges GefĂŒhl. Irgendwann ist man dann froh, dass es diese Kontrollpunkte gibt. Oder vielleicht doch wieder nicht. Wo es Kontrollpunkte gibt, beginnt wieder ein neues Gebiet, mit neuen Herausforderungen.

Der 5. Januar war fĂŒr mich der beeindruckendste Tag. Vom warmen Mittelmeer in Sidon (da wo die phönizische Europa von Zeus angeblich entfĂŒhrt wurde) bis zum ebenso antiken wie schiitischen Baalbek taten sich immer neue Welten auf. Christliche Dörfer im Sonnenschein neben Hisbollah-Trainingsland, das unglaubliche Drusenland, Schneesturm im Zedernwald und jesuitische Recyclingstelle auf dem Weg zur syrischen Grenze. Warum dachte ich nur so oft an den Herrn der Ringe?

Die Drusen leben hauptsĂ€chlich in den abruzzenĂ€hnlichen Libanon-Bergen des Chuf. Sie bilden derzeit das ZĂŒnglein an der Waage im konfessionellen Streit, aktuell auch um das unbesetzte PrĂ€sidentenamt. Die Drusen bilden eine abgeschottete aber einflussreiche Religionsgemeinschaft. Sie schaffen es, sich sowohl in Syrien, im Libanon als auch in Israel relativ neutral zu halten.

Der Nationalbaum des Libanon ist eindeutig die Zeder. Einst bedeckte er das ganze Land, fiel aber vor allem dem phönizischen und römischen Flottenbau zum Opfer. Im Chouf-Cedar Reservat halten sich noch viele beeindruckende Exemplare. Im Januar allerdings bizarr schön schneebedeckt.

Das sich anschließende Bekaa-Tal ist das Brasilien des Libanon. WĂ€hrend im nördlichen Akkar die Auswanderer-Familienbande nach Australien vorherrscht, wendet sich das Bekaa-Tal ganz konfessionsĂŒbergreifend nach Brasilien. Es soll sogar Dörfer geben, die portugiesisch sprechen.  Zwischen den ĂŒblichen oft nicht oder nur halb fertiggestellten BetonfamilienhĂ€usern befindet sich zum Beispiel ein „Jesuitenreservat“ Deir Taanayel mit Streichelzoo, Recyclingplatz, Krippe und Kirche, Besucher aller Konfessionen eingeschlossen.

Im und um das 10.000 Jahre alte Baalbek herum herrscht heute die Hisbollah. Im Libanon-Krieg war es sogar das Hauptquartier. Besser keine Fotos machen. Das letzte Mal, dass ich ein Ă€hnlich kontrolliertes GefĂŒhl hatte, war in der DDR. Und selbst in der didaktisch sehr gut erschlossenen römischen Tempelanlage fĂŒhlt man sich an die 80er im damals realexistierenden Sozialismus erinnert. Es gibt kaum Touristen und es wird Propaganda verkauft. Römische FalschmĂŒnzen okay, aber gelbe Hisbollah-T-Shirts? Irritierend: gerade in diesem radikal-schiitischen Gebiet wird man als Enkel der antisemitischen deutschen Barbarei nett behandelt. Zudem war der Kaiser in Baalbek und ließ weiterbuddeln. Deutsche Firmen und Botschaft finanzierten massiv die sehenswerte Ausstellung. Hier besser nur noch Fotos machen. Derweil herrscht in den Bergen oben links der „Islamische Staat“.

Aber wieder zurĂŒck in den Rest der erstaunlichen Bekaa-Ebene.

Abends dann Besuch bei einer Großfamilie (alle Familien sind hier groß aus deutscher Sicht) eines reichen sunnitischen Grenzoffiziers in der NĂ€he von Mashaa, kurz bevor der Beirut-Damaskus Highway auf Syrien trifft. Beklemmendes Zonenrandgebiet. Hier herrscht der Schmuggel. Sogar mit einer Standleitung fĂŒr Dieselöl nach Syrien.

In den auch hier mit „Anti-Libanon“ bezeichneten Bergen herrscht die Freie Syrische Armee.

Und dann ist da noch das armenische Dorf Anjar. 6 FlĂŒchtlingsdörfer, die bei den ethnischen SĂ€uberungen durch die JungtĂŒrken hierher geflĂŒchtet sind und systematisch angesiedelt wurden. Alteingesessene FlĂŒchtlinge mit armenischen Straßenschildern. Ihre unglaubliche Vorgeschichte wurde von Franz Werfel in Die vierzig Tage des Musa Dagh beschrieben. Danke, Fritz, fĂŒr den Literaturtip!

Apropos FlĂŒchtlinge. NatĂŒrlich befinden sich zwischen all den bemerkenswerte Orten weitere ZeltstĂ€dte fĂŒr syrische FlĂŒchtlinge, grĂ¶ĂŸer und breiter noch als im Akkar, aber wohl in der Dichte weniger dramatisch als im nördlichen Distrikt. Der FlĂŒchtlingssituation im Akkar gilt mein folgender Bericht.

Kontrastprogramm Bekaa. Schaurig schöner Ort.

 

Lobbyismus in der partizipativen EU-Demokratie

2 Jahre gab es keine Übersicht zu Lobbyismus im Jahrbuch der EuropĂ€ischen Integration. Nun durfte ich in der neuesten Ausgabe des seit 1980 erscheinenden Standardwerks diese LĂŒcke stopfen. Alles fein sĂ€uberlich auf Papier gedruckt, fĂŒr Blogs leider nicht geeignet.

Ein paar AuszĂŒge mag der Verlag verzeihen: „Lobbyismus ist integraler Bestandteil jedes politischen Systems, so auch des Mehrebenensystems EU. Mit Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon ist er Teil der konstitutionellen Ordnung. In den letzten Jahren musste sich Lobbyismus einer erweiterten Gesetzgebung bei vergrĂ¶ĂŸerter Akteurslandschaft und Parlamentarisierung, aber auch neuen Instrumenten wie dem Transparenz-Register und Verhaltenskodizes stellen. Um alle Aspekte des Lobbyismus erfassen zu können, wird der Begriff hier neutral verwendet. Nur so kann gesellschaftliche bzw. nichtprofitorientierte und wirtschaftliche bzw. profitorientierte Einflussnahme auf staatliche bzw. institutionelle Akteure gewichtet und bewertet werden.“

Ich hatte zwei zusĂ€tzliche Seiten, um in das Thema, das in der Europawissenschaft noch immer recht stiefmĂŒtterlich behandelt wird, ausfĂŒhrlicher einzufĂŒhren.

EU-Lobbyismus ist nur im gesellschaftlichen Kontext der Nationalstaaten zu verstehen. Pluralismus, Korporatismus, Etatismus und politische Netzwerke bieten oft vernachlĂ€ssigte Orientierungsmodelle auch im Mehrebenensystem. Die oft berechtigte Kritik an EU-Lobbyismus greift mit der simplen Sicht auf BrĂŒssel zu kurz. Nationale „Heimatfronten“ haben einen großen Einfluss. Sie funktionieren höchst unterschiedlich, bestimmen aber die Entscheidungsfindung in der BrĂŒsseler Arena auch kulturell mit.

Die neue konstitutionelle Ordnung des Lissabon-Vertrages ging mit dem Postulat fĂŒr eine bĂŒrgernahe EU einher. Die erste erfolgreiche BĂŒrgerinitiative (Right to Water) und selbst die erste SubsidiaritĂ€tsrĂŒge (Monti-II) sind aber Erfolge von lobbistisch tĂ€tigen Gruppen und nicht von „einfachen BĂŒrgern“.

„Die neuen Spielregeln des Lissabon-Vertrags werden langsam sichtbar bzw. beginnen zu wirken. Kodizes und Register machen deutlich, wie komplex das AbwĂ€gen von Interessen durch Abgeordnete und Beamte im Verbund mit Lobbyismus in der Öffentlichkeit geworden ist. Dabei ist eine allgemeine anerkannte Interpretation des Art. 11 EUV als Lobby- und Transparenz-Artikel noch nicht festzustellen. Im Gegenteil: Die Inflation von informellen Trilogen schuf jĂŒngst selbst fĂŒr professionelle Lobbyisten weniger Transparenz. Aber die nun parlamentarisch getragene Kommission Juncker kann zu einer verbesserten Governance auch in Bezug auf Lobbyismus und Partizipation fĂŒhren.“

  • Lobbyismus in der partizipativen Demokratie, in: Werner Weidenfeld / Wolfgang Wessels (Hg.), Jahrbuch der EuropĂ€ischen Integration 2014, Nomos-Verlag, Baden-Baden 2014, S. 383-388.

Syrischer FlĂŒchtlingsstrom trifft Libanons Parallelwelten

Wie Blasen im Schaum leben die religiösen Gemeinschaften nebeneinander hier im Norden des Libanon. Die komplexe Geschichte und Politik des Landes, die ich hier auf Englisch beschrieben habe, wird offenbar. Auch in der Silvesternacht machte die maronitische Familie deutlich, dass jenseits der Orangenhaine die Sunniten wohnen. Gemeinsam war den Bewohnern der Nacht die BegrĂŒĂŸung des Neuen Jahres mit dem ohrenbetĂ€ubenden Maschinengewehr. In dieser Gegend muss jeder genau wissen wo er bleibt. Parallelblasen.

Eine wichtige gemischte Institution ist die libanesische Armee. Sie bezeichnet die Grenzen der Blasen vor und beschĂŒtzt das Freitagsgebet genauso wie den Kirchgang mit massiver PrĂ€senz. Korridore weisen den Weg zwischen den Blasen. Wirkliche Probleme herrschen in Tripoli, der alten Stadt am Meer. Einmal im Monat gibt es zwischen Sunniten und Alawiten Schusswechsel. Immerhin mit abnehmender Tendenz. Die alte Kreuzfahrerfestung bleibt Bastion zwischen beiden Konfessionen. UnglĂ€ubige Hoffnung tut sich aber auch hier auf. Weiße Friedensflaggen auf dem muslimischen Lichterplatz und WeihnachtsbĂ€ume mit Halbmond sind gute Zeichen.

In dieser Gegend sind die christlich GlĂ€ubigen von den Moslems in die Berge verdrĂ€ngt worden. Die Erben der Kreuzfahrerherrschaft bilden noch starke Gemeinschaften. So im Dorf Bqerzala, wo der örtliche maronitische Pfarrer gleichzeitig ein Richteramt ausfĂŒllt, da in der konfessionellen Demokratie des Libanons Teile der Justiz an die religiösen Gemeinschaften ausgelagert sind.

Die Dörfer bilden deshalb Parallelwelten, Blasen halt. Aber der Handel bleibt durchaus gemischt und die (ĂŒbrigens 60% privaten) Schulen sind ebenfalls durchlĂ€ssig. Nur in muslimischen Schulen klappt das nicht ganz. Manche Dörfer, wie zum Beispiel Qantara sind vollkommen gemischt. Aber auch hier berichten Einwohner genau, in welchem Viertel des Dorfes welche HĂ€user zu welcher Konfession gehören. Doch vor dem mehrheitlich muslimisch gefĂŒhrten Gemeindehaus steht ein Marienbildnis. Klar, wird Maria eh von Moslems und Katholiken verehrt.

Die humanitĂ€re Katastrophe in Syrien hat nun aber zwischen diesen Blasen eine nicht ungefĂ€hrliche Situation geschaffen. In und zwischen den Blasen leben FlĂŒchtlinge, die teilweise mit ihren Familien in UNHCR-Zelten auf dem Grund der Olivenbauern leben. Hier gibt es einen Bezug. Sunnitische Syrer waren schon immer Wanderarbeiter im reicheren Libanon. Die Preise fĂŒr die Lohnkosten sinken, zur Freude vor allem der maronitischen Bauern, zum Leidwesen der oft landarbeitenden sunnitischen Libanesen. Aber viele der FlĂŒchtlinge leben in verlassenen HĂ€usern und Garagen und zahlen sogar von ihrem Ersparten eine Miete.

Die meisten leben aber zunehmend in FlĂŒchtlingslagern mit 50-500 Personen. Allen Menschen ist der Schrecken des Krieges gemeinsam. Die meisten haben enge Familienmitglieder verloren.

Ich habe mich immer gefragt, wie ein Land mit einem fragilen gesellschaftlichen Schaum, auf diese Ă€ußeren Massen einstellen kann, ohne selbst zusammen zu fallen. Denn immerhin treiben doch 0,6 % Muslime in Dresden 17.000 MitbĂŒrger auf die Straße.

Aber vielleicht lĂ€sst die eigene Not besser mit FlĂŒchtlingen umgehen. Der vergangene BĂŒrgerkrieg und die gefĂ€hrliche Lage in dieser Grenzregionen ließ die wohlhabenderen Maroniten hier selbst zu FlĂŒchtigen werden. In den letzten 50 Jahren sind in Bqerzarla die meisten vor allem nach Australien ausgewandert. Die Auswanderer bleiben dem Land und den ZurĂŒckgebliebenen mit Zuwendungen treu. Gleichzeitig sind sie die Übersee-Familien die Lebensversicherung, wenn die Lage doch eskalieren sollte.

Auch diese Versicherung entspannt wohl die ZurĂŒckgebliebenen, die auch im festen Glauben verhaftet, damit Energie fĂŒr die anderen FlĂŒchtlinge ĂŒbrig haben. Im positiven Überraschen zu dieser Lage liegt aber noch Skepsis. Wird die Situation nicht doch noch kippen, etwa wenn Ersparnisse aufgebraucht sind?

Derweil hat heute hat der Dompropst von Köln beschlossen, dass die großartige Kathedrale ihr Licht ausschaltet, wenn am Montag Mitmenschen gegen die Islamisierung des Rheinlandes demonstrieren… eine wichtige Reaktion auf falsche Ängste…

Mehr ĂŒber libanesische Parallelwelten in meinem Reisebericht zum Daumenkino Libanon.