Zumindest werden das die meisten gar nicht merken. Wer mir auf Bluesky folgt, sieht meine Beiträge weiterhin. Man kann sie lesen, kommentieren und teilen wie bisher. Für meine Community hat sich praktisch nichts verändert. Und doch habe ich neues Territorium betreten. Europäisches. Mein Account @huettemann.eu wird künftig von W Social, einem europäischen Anbieter, gehostet. Ich habe also nicht das soziale Netzwerk mit dem „butterfly feeling“ verlassen. Ich habe den Anbieter innerhalb desselben offenen Netzwerks gewechselt. Vielleicht ist genau das die eigentliche Nachricht. Ich habe den Eindruck, viele haben noch gar nicht verstanden, was hier gerade wächst.
Die eigentliche Innovation heißt nicht W Social
Sie heißt AT-Protokoll.
Seit Wochen diskutiert nur eine kleine Blase kontrovers über Apps, Provider und Clients. Über W Social. Über Bluesky. Über mu von EuroSky. Dabei geht es eigentlich um etwas anderes.
Zum ersten Mal entsteht dank des offenen AT-Protokolls, das von Bluesky entwickelt wurde, ein soziales Netzwerk, in dem Nutzerinnen und Nutzer ihren Anbieter wechseln können, ohne ihre Identität, ihre Follower oder ihre Reichweite zu verlieren. Genau das ist bei meiner „Migration“ zu W Social passiert. Das ist kein Detail. Das ist ein Paradigmenwechsel.
Europa braucht mehr Gründer. Und mehr Mut.
Seit Jahren beklagen wir, dass Europa keine eigenen digitalen Plattformen hervorbringt. Wenn dann ein europäisches Start-up antritt, sollten wir nicht reflexartig nach Gründen suchen, warum es scheitern könnte. Start-ups bergen Risiken. Natürlich. Aber genau deshalb brauchen sie Vertrauen und die Chance, sich zu beweisen.
Ich glaube an eine starke europäische soziale Marktwirtschaft. Sie lebt vom Wettbewerb. Von neuen Ideen. Von mutigen Unternehmerinnen und Unternehmern. Gleichzeitig braucht die freie Welt starke gemeinnützige Projekte. Wikimedia, Signal oder EuroSky verfolgen andere Modelle und stehen vor anderen Herausforderungen. Viele der erfolgreichsten gemeinnützigen Digitalprojekte stammen übrigens ebenfalls aus den USA.
Europa sollte deshalb nicht die falsche Wahl zwischen Unternehmen und Gemeinnützigkeit treffen. Wir brauchen beides. Innovative Start-ups, die neue Märkte schaffen. Und starke gemeinnützige Organisationen, die digitale Gemeingüter entwickeln und schützen. Wettbewerb und Gemeinnützigkeit sind keine Gegensätze. Gemeinsam schaffen sie Vielfalt statt Monopole.
W Social hat bereits etwas Bemerkenswertes geschafft
Innerhalb weniger Wochen sind europäische Institutionen, Politikerinnen und Politiker sowie andere öffentliche Akteure auf einen europäischen Anbieter innerhalb des AT-Protokolls gewechselt. Darunter die Europäische Kommission, die Europäische Zentralbank (EZB), der Bürgermeister von London und viele weitere.
Das ist kein Erfolg gegen Bluesky. Es ist ein Erfolg für das offene Netzwerk. Denn diese Akteure bleiben weiterhin für Bluesky-Nutzer sichtbar. Vielleicht erklärt das auch die enorme mediale Aufmerksamkeit. ZDF. NDR. Table.Briefings. Und viele andere. So viel Aufmerksamkeit haben Mastodon oder EuroSky zum dezentralen Start nicht erhalten. Mastodon kann keine PR machen und EuroSky nur eingeschränkt.
Ich glaube allerdings nicht, dass diese Aufmerksamkeit allein der Kommunikation von W Social zu verdanken ist. Die europäischen Institutionen haben – ohne ihre Entscheidung wirklich transparent zu erläutern – einen pragmatischen Weg gewählt: Sie konnten ihre bestehende Reichweite erhalten und gleichzeitig das Hosting ihrer Accounts nach Europa verlagern.
Die eigentliche Geschichte ist jedoch eine andere. Wir denken noch immer in Plattformen. Tatsächlich erleben wir gerade den Übergang zu offenen sozialen Infrastrukturen. Wir diskutieren über Apps, obwohl die eigentliche Innovation eine Ebene darunter stattfindet.
Meine Kritik bleibt
Ich freue mich über europäische Innovation. Aber öffentliche Institutionen sollten Wettbewerb nicht unbeabsichtigt beeinflussen. Wenn die Europäische Kommission oder die Europäische Zentralbank einen einzelnen Anbieter so sichtbar hervorheben, dann sollten sie transparent erklären, warum.
Welche Strategie steckt dahinter? Welche Alternativen wurden geprüft? Wie wurde entschieden? Gerade öffentliche Institutionen sollten nicht nur europäische Innovation fördern. Sie sollten auch faire Wettbewerbsbedingungen sichern.
Zur Verifizierung
Ich persönlich habe kein grundsätzliches Problem damit, mich als realer Mensch zu verifizieren. Ob das Verfahren technisch und datenschutzrechtlich überzeugt, muss sich erst noch zeigen. Das wird auch die Praxis zeigen.
Das Schöne am AT-Protokoll ist aber: Niemand muss W Social nutzen. Wer keine Identitätsprüfung möchte, kann EuroSky, Bluesky oder einen anderen Anbieter wählen und bleibt trotzdem Teil desselben Netzwerks. Genau das ist offene Infrastruktur.
Mein Fazit
W Social hat sein Versprechen mir gegenüber eingehalten. Mein bestehender Account wurde vollständig übernommen. Mein Domain-Handle. Meine Beiträge. Meine Follower. Mein Netzwerk.
Für meine Community hat sich fast nichts verändert. Für mich dagegen schon. Ich vertraue mein digitales Zuhause künftig einem europäischen Anbieter an.
Vielleicht reden wir in ein paar Jahren gar nicht mehr darüber, ob jemand auf Bluesky, W Social oder EuroSky ist. Vielleicht reden wir einfach darüber, dass wir alle Teil desselben offenen Netzwerks eines freiheitlich demokratischen Europas sind, mit Anschluss an ein weltweites Netzwerk ohne Musk & Co.
Ich glaube, genau darin liegt die eigentliche Revolution.
Nachtrag: W Social setzt derzeit offenbar bewusst auf einen kontrollierten Beta-Start. Bis Ende des Jahres werden neue Accounts nur schrittweise freigeschaltet. Das bringt noch einige praktische Nachteile mit sich: Eigene Beiträge, Profile oder Starterpacks lassen sich derzeit kaum mit Menschen außerhalb von W Social teilen. Das ist etwas lästig, lässt sich aber über meinen weiterhin funktionierenden Bluesky-Account problemlos überbrücken. Mit der allgemeinen Öffnung Anfang 2027 dürfte diese Einschränkung verschwinden.
