Vor den Pyrenäen: von Toulouse nach Lourdes

2026 über 242 Kilometer Inspiration: #berndscamino 👣 2.867 km seit Berlin

Nächstes Jahr überquere ich auf #berndscamino die Pyrenäen nach Spanien. Aber erstmal genoss ich 242 Kilometer zwischen Toulouse und Lourdes – 11 Tage, 3.480 Höhenmeter, Hitze bis über 40 Grad und ein Frankreich, das sich zwischen Airbus-Fabrikationsgelände und Pilgermassen, zwischen laïcité und lebendigem Glauben, zwischen Einsamkeit und Gastfreundschaft selbst Erzählungen stellt. Ich hatte keine spektakulären Landschaften erwartet – und wurde wieder eines Besseren belehrt. Die Via Tolosana war für mich eine Übergangsetappe: körperliche und geistige Vorbereitung auf die Pyrenäen-Überquerung, wenn ich dann in zwei bis drei Wochen den direkten Weg nach Santiago de Compostela nehme. Zwischen Airbus, viel Einsamkeit und den Pilgermassen in Lourdes lag eine unglaubliche Spannung, die mir sehr viel brachte.


Anreise nach Toulouse – und ein Sonntagsstart mit Sopranistin

Die Anreise führte mich wieder über Paris – ohne Paris geht von Lourdes wie von Toulouse aus gar nichts. Nach dem obligatorischen ICE aus Berlin blieb Zeit für die Stadt, und der Tag begann perfekt spirituell: Heilige Messe mit einer grandiosen Sopranistin in einer der Toulouser Kirchen – ein erhabener Moment, der mich sofort in die richtige Pilgerstimmung versetzte.

Toulouse selbst war vibrierend wie erwartet: eine junge, selbstbewusste Stadt, geprägt von spanischem Einfluss, studentischem Leben und dem Stolz auf ihre Rolle als europäisches Zentrum für Luftfahrt und Innovation. Doch was mich wirklich überraschte, war der Weg durch die Vororte: besser als gedacht, besonders die heißen, fast surreal anmutenden Stunden über das Airbus-Fabrikationsgelände, wo ich mich wie ein Fremdkörper in einer industriellen Wüste fühlte – zwischen Hightech und Pilgertradition.

Mein Weg

Die Via Tolosana (auch Chemin d’Arles oder GR 653) ist der südlichste der vier historischen Jakobswege Frankreichs – im Mittelalter viel begangen, heute erstaunlich leer. Wer wie ich nach Lourdes will, zweigt bei Maubourguet auf den GR 101 ab, der durch die historische Provinz Bigorre zum Marienwallfahrtsort führt. Bei Oloron-Sainte-Marie trifft die Variante wieder auf die Hauptstrecke Richtung Somport.

Die Wege waren meist sehr schlecht gekennzeichnet – selbst für französische Verhältnisse ungewöhnlich. Pilgermuscheln gab es vereinzelt, aber kaum blau-gelbe Pilgerschilder. Ohne Komoot wäre ich mehr als einmal verloren gewesen. Dafür waren die Broschüren der kleinen Tourismusbüros eine Rettung: Die Übernachtungsangaben dort waren präzise und aktuell, und die Tipps der Einheimischen halfen weiter.

Der Weg nach Lourdes hat erstaunlich gute Herbergen vorzuweisen, mit enormer Liebe zum Detail und offensichtlich viel Unterstützung vom Département. Der Stolz der kleinen Orte auf die Pilger war überall spürbar – ob in den Bastiden, den Mairies oder den lokalen Kirchen, die oft geöffnet und einladend waren. Die Lebensmittelversorgung war erstaunlich gut, selbst in den kleinsten Dörfern. Und: Okzitanien ist busverkehrsmäßig augenscheinlich besser ausgestattet als andere Regionen.

Trotz großer Hitze (zeitweise über 40 Grad!) konnte ich mich relativ gut mit Wasser versorgen, musste aber zeitweilig 4–5 Liter mitschleppen. Ich habe definitiv zu viel Gepäck dabei gehabt – aber am Ende habe ich doch alles gebraucht, da die langen Zugfahrten und Paris mir alles abverlangten.


Tag 1: Toulouse – Pibrac (22,9 km)

Die 23 km durch die banlieue von Toulouse waren fast entspannt – dank der wunderbaren Wegeführung über Kanäle, Flussufer und Parklandschaften. Eine Oase in der Hitze, die zeigte, wie grün und lebendig die Vororte von Toulouse sein können. Irre heiß war es trotzdem: über 30 Grad, die Sonne brüllte.

Dann das absolute Highlight: Airbus-Gelände! Kein Museum (schade, nächstes Mal!), aber die Flugzeuge von außen zu sehen – inklusive einer Beluga. Ein beeindruckendes Zeichen für europäische Kooperation und Industriekraft. Ich stand da, schwitzend, mit meinem Pilgerstab in der Hand, und dachte: Hier wird Geschichte geschrieben – und ich laufe einfach so durch. Die Beluga XL transportiert übrigens tatsächlich Großkomponenten zwischen den europäischen Airbus-Standorten, Tragflächen aus Bremen und Broughton – meine Reflexion über europäische Kooperation war also ganz wörtlich zu nehmen.

Wassermanagement an einem Sonntag: eine echte Herausforderung. Ich trank fünf Liter Wasser – und wurde von einer einsamen Dönerbude auf halber Strecke gerettet. Die Dörfer sind typische Schlafdörfer für Toulouse-Pendler, aber am Sonntag joggt und wuselt es um mich herum: Familien, Kinder, Hunde – ein lebendiges Bild französischer Sonntagskultur. Hitze-Krise am Nachmittag: Alle Akkus leer, Datenverkehr abgestellt, Handy gekühlt – Überlebenskampf!

Am Abend tiefgründige Gespräche mit Jean Claude, einem lokalen Kenner der Region. Seine Sorge: „Wenn 2027 nur Le Pen oder Mélenchon übrig bleiben…“ – diese Ratlosigkeit ist greifbar. Wir sprachen über die politische Lage, die Zerrissenheit zwischen Stadt und Land, die Rolle der Kirche in einer säkularisierten Gesellschaft. Die erzkonservativen Cathos seien eine medial hochgejazzte und finanzierte Kleingruppe, während der Mainstream-Katholizismus hier still und bescheiden gelebt wird – alles in der laïcité.

Besonders faszinierte mich seine Erzählung über die Basilique Sainte-Germaine: Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen, weil der Staat die gegenüberliegende Église Sainte-Marie-Madeleine aus dem 13. Jahrhundert enteignet hatte. Historisch ist das Ganze noch spannender: Der Grundstein wurde 1901 gelegt, also vor dem Trennungsgesetz von 1905 – und vollendet wurde die Basilika erst 1967, den Basilika-Titel vergab Benedikt XVI. erst 2010. Ein Denkmal des Widerstands gegen die Säkularisierung, das sich über ein halbes Jahrhundert hinstreckte.

Übernachtet habe ich auf einem riesigen Holzbrett in einer familiären Herberge. Das Essen? Einfach, aber typisch okzitanisch: Bier statt Wein (ja, in Frankreich! – die Jahrgänge Ü50 müssen lernen, dass sich die Zeiten ändern), eine Käseplatte mit Rocamadour, Cantal und Comté, und dann Ente & Stopfgans – ein Festmahl, das an die Gascogne erinnerte.

 

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Tag 2: Pibrac – L’Isle-Jourdain (24,9 km)

Gleich nach dem Kaffee brachte mich Jean Claude morgens wieder zur Basilika – ein Service, den ich nicht erwartet hatte. Nach Pibrac wurde die Beschilderung kurz besser: Es gibt einen alten Weg mit gelbem und einen neuen Weg mit blauem Zeichen – ein Hinweis auf die lebendige Pilgertradition hier. Abseits des alten Weges liegt das schöne, alte Haus Saint-Germain – ein verstecktes Juwel und Ort der Stille.

Dann der Forêt Domaniale de Bouconne – ein absolutes Highlight. Naherholungsgebiet für die Menschen aus Toulouse, durchzogen von langen Schneisen für Waldarbeiter, unterwegs wird der Wald zu einem Mischwald umgebaut. Abseits des Weges entdeckte ich die Stèle François Verdier alias „Forain“ – ein Denkmal, das mich tief berührte. Verdier war von de Gaulle ernannter regionaler Chef der Résistance-Bewegungen für Midi-Pyrénées, wurde im Dezember 1943 von der Gestapo verhaftet, sechs Wochen lang gefoltert – und am 27. Januar 1944 an dieser Stelle im Wald hingerichtet. Sein Schweigen unter der Folter rettete vielen das Leben. Seit 1945 versammeln sich Menschen jedes Jahr am 27. Januar an der Stele. Ich stand da, in der Stille des Waldes, und dachte an die Opfer des Widerstands – und an die Bedeutung von Freiheit und Widerstandskraft.

In L’Isle-Jourdain angekommen merkt man sofort: Hier beginnt wieder das typisch französische Frankreich, fernab vom Ausnahme-Toulouse. Die Stadt wirkt alt, aber nicht pittoresk – ein Ort, der sein eigenes Leben lebt. Doch die Kirche ist offen und wunderschön: Pilger können sich eine Muschel nehmen, einen Wunsch darauf schreiben und sie ablegen. Der heilige Jakobus, umgeben von unzähligen Pilgermuscheln – wie eine Weihnachtskrippe im Sommer.

Die Pilgerherberge (10 Plätze, unkompliziert und unbürokratisch: bis 18 Uhr anmelden, 15 €, Stempel holen) teilte ich mit einem Schweizer Paar aus Interlaken und einem jungen Kirchenmusiker aus Flensburg. Am Montag war in der Stadt alles zu – was auch seinen Charme hat. Ich saß am Freizeitsee, schrieb Tagebuch und fand im Carrefour alles, was ich brauchte. Am Abend diskutierten wir über die Invasion deutscher Discounter in Frankreich, die sogar Schwarzbrot und Lebkuchen im Sommer anbieten – Globalisierung bis in die entlegendsten Ecken Okzitaniens.

 

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Tag 3: L’Isle-Jourdain – Gimont (21 km)

Mit Patrick aus Flensburg, Kristina aus Schweden und ihrem Schweizer Mann Thomas aus Interlaken gab es morgens den unvermeidlichen Pilgerschwatz – unter anderem darüber, wie anstrengend flache Landschaften sein können. Die Strecke war einigermaßen gut ausgeschildert, Hügel, trockene Felder, stahlblauer Himmel.

In Monferran-Savès gab es Kaffee und Stempel umsonst für Pilger im Proxy-Supermarkt – pilgerfreundlich bis ins Detail. In Giscaro traf ich auf eine offene Kirche mit einer lebendigen Association, ganz ohne étatisme – der Glaube ist hier lebendig, auch wenn er nicht laut gezeigt wird.

Gimont ist wieder eine Bastide – eine Schachbrettstadt. Diese planmäßigen mittelalterlichen Städte Okzitaniens sind ein Faszinosum: Gimont wurde am 25. Januar 1265 per Vertrag zwischen der Zisterzienserabtei Planselve und dem Grafen von Toulouse gegründet, so etwas wie eine Public-Private-Partnership des Mittelalters. Die Abtei stellte das Land, der Graf die Anschubfinanzierung – und die Stadt wurde so erfolgreich, dass es im 14. Jahrhundert drei Kirchen gab. Meine Übernachtung war ein kleines Palais direkt neben der Église Notre-Dame-de-l’Assomption (Baubeginn 1292) – allein, aber mit top Preis-Leistung.

Abends trank ich mein Bier in der Brasserie unter der pittoresken Markthalle aus dem 14. Jahrhundert – die Balken original. Ich fühlte mich wie ein Teil der Community. Unterwegs war mir aufgefallen: Fast alle Sonnenblumenfelder sind verbrannt – der Klimawandel ist hier deutlich sichtbar. Dafür grüßten mich alle aus Traktoren und Mähdreschern heraus, sogar Motorradfahrer hielten an, um zu fragen, ob ich Hilfe brauche. Freundliches Okzitanien. ❤️

 

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Tag 4: Gimont – Auch (30 km)

Der Tag begann mit der Chapelle Notre-Dame-de-Cahuzac, wo ich in einer offenen Kapelle einen seltenen Pilgerstempel bekam – eine absolute Besonderheit in Frankreich, wo viele Kirchen verschlossen sind. Die Wallfahrtskapelle (1515–1524) verdankt ihre Entstehung übrigens der wundersamen Auffindung einer Marienstatue durch einen Schäfer – eine der ältesten Wallfahrtsstätten der Gascogne.

Die Landschaft: Weiden, mehr Kuhwirtschaft als sonst, dazwischen kleine Châteaux – privat, meist in schlechtem Zustand. Die Menschen waren wieder sehr freundlich. Aber alle, die ich traf, lebten vom Staat. Mittelstand? Fehlanzeige! In Lussan war ich begeistert von der Mairie – eine der schönsten der Reise. Stempel, Wasser, Ritual. In Montégut rettete mich eine öffentliche Toilette, und das wieder private Schloss dort liegt unglaublich schön in der Landschaft. Wer bildet diesen armen „Adel“ in der république?

Der Weg nach Auch war anstrengend: schreckliche, steinige, schlecht ausgeschilderte Abschnitte, dazu die Hitze. Aber der Anblick von Auch entschädigte für alles: Die Stadt liegt hoch auf einem Berg, die Basilique-Cathédrale Sainte-Marie thront majestätisch darüber. Die Pilgerherberge war super einfach organisiert (zwischen 15 und 17 Uhr ankommen, Code für die Haustür), ich hatte einen großen Raum für mich allein – und einen herrlichen Blick auf die Kathedrale. Abends traf ich meine Schweizer Freunde wieder, einen französischen Pilger und einen Holländer. Bei der Hitze gönnte ich mir nur ein Bier.

 

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Tag 5: Auch – Barran (17 km)

Heute nur eine kurze Strecke, aber wieder sehr heiß. Der Weg führte durch Hügelland und viel Wald wie den Bois d’Auch. Die Asphaltstraßen nervten – aber dann: die Pyrenäen im Blick! Seit Schengen sehe ich nun das erste Mal das Ende von Frankreich. Ich war fast überwältigt von dieser schnellen Begegnung mit einem Gebirge, das ich als Baby im Auto meiner Eltern sah.

Barran liegt malerisch vor der Gebirgskette – ein Postkartenmotiv. Die Bastide (gegründet um 1279) hat mit der Église Saint-Jean-Baptiste eine Besonderheit: einen charakteristischen verdrehten Kirchturm, so etwas habe ich bisher nur in Delbrück bei Paderborn gesehen. Die lokale Tradition will, dass der Wind die Spitze verdreht hat – die Forschung geht heute aber davon aus, dass sie absichtlich so gebaut wurde. Die Kirche wurde übrigens 1569 von protestantischen Truppen verwüstet und seither immer wieder umgebaut; der Turm ist seit 1944 Monument historique.

Die Mairie bot mir ein Pilgerzimmer in einem der mittelalterlichen Bauernhäuser der Bastide an – gastfreundlich bis zur Selbstverständlichkeit. Irgendwann stand Andreas aus Darmstadt in der Tür, ein unglaublich sympathischer Mann aus der Bauverwaltung. Wir sprachen viel zu viel über Job, Führung, Arbeitszeit und Work-Life-Balance, kochten super gemeinsam und sehr gesund. Ich bewundere, dass er bis nach Santiago durchgeht – von Toulouse aus, mit seinem wenigen Französisch. Ich konnte ihm beibringen, dass für junge Menschen in Frankreich Bier inzwischen wichtiger ist als Wein. Das Frankreich von heute ist nicht mehr das der 80er und 90er Jahre – und das ist auch gut so.

 

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Tag 6: Barran – Montesquiou (15 km)

Sehr spät losgegangen, um in Ruhe Mittagessen zuzubereiten und Wäsche zu waschen. Bei 34 Grad halfen die vielen Wegbäume und Wäldchen. Unterwegs lag L’Isle-de-Noé mit seinem wunderschönen Schloss und Park – perfekt auf meiner Route. Und hier lag eine der überraschendsten Entdeckungen der ganzen Reise: Graf Louis-Pantaléon de Noé ließ 1776 den Sklaven Toussaint Louverture frei – jenen Toussaint Louverture, der später zum Helden der haitianischen Revolution und zum Wegbereiter der Sklavereiabschaffung werden sollte. Die Allée Toussaint Louverture im Schlosspark erinnert an ihn; jedes Jahr am 10. Mai findet dort eine der wenigen Abolitions-Gedenkfeiern im ganzen Gers statt. Ein Stück karibischer Geschichte mitten in Okzitanien.

Der Weg war staubtrocken, über zahlreiche Hügel, vorbei an einer beeindruckenden Gänsefarm. Douce France hat eben seine Grenzen. Montesquiou überraschte mich positiv: wieder eine Bastide, malerisch auf einem Vorsprung. Übrigens stammt die Mutter von d’Artagnan, Françoise de Montesquiou, von hier – der historische Musketier Charles de Batz de Castelmore ging in den 1630ern unter dem Namen seiner Mutter nach Paris. Garantiert ist er durch das Stadttor von Montesquiou geritten.

Toller Empfang von Anne und George, die seit Jahrzehnten neben dem Stadttor wohnen. Mein Fachwerkhaus aus dem 15. Jahrhundert gegenüber der Wehrmauer aus dem 12. Jahrhundert diente sicher auch ihrer großen Familie. George, ein weltoffener Elektroingenieur aus Lille, und Anne, eine sprachbegabte ehemalige Notariatsangestellte, boten ein leckeres Abendessen. Die Diskussionen reichten von KI über die relative Stärke Okzitaniens bis zu den Greueln des Ersten Weltkriegs an der Marne. Viel Platz, tolle Gespräche, gutes Essen und Wein. Ein Abend, der in Erinnerung bleibt.

 

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Tag 7: Montesquiou – Marciac (23 km)

Nach schönem Morgenplausch mit Anne und George und diesigem Himmel ging es durch das Stadttor hinab in die Hügellandschaft – es sollte der schönste Weg dieses Jahres werden. Die Route führte durch absurd kleine Orte mit Mairies für unter hundert Menschen. Die Bürgermeister hier sind eine Art Sheriffs, die die Republik in der letzten Hütte repräsentieren. Entsprechend waren die Kirchen meist geschlossen – früher wurden die Pfarreien durch Paris von den Mairies ersetzt, ein historischer Prozess, der bis heute nachwirkt.

Pouylebon liegt wunderbar auf einem bewaldeten Hügel mit einem wunderbaren Kirchhof samt Burgtor um die Église Sainte-Anne. Besonders schön war die Église Saint-Christaud, in einer Mikrogemeinde mit 64 Einwohnern – romanisch, aus dem 11. Jahrhundert, erbaut aus Toulouser Ziegelsteinen. Sie ist nur im Juli und August geöffnet; der Tourismus bestimmt hier die Öffnungszeiten der Gotteshäuser.

Im Weiler Saint-Antoine traf ich Andreas, der seine Etappe abbrechen musste, und den ersten Dänen auf dem Weg. Wir vereinbarten, zusammen im Campingplatz zu kochen. Weiter über Monlezun – wieder so ein Kleinstort, quasi eine Kirche mit einer Mairie und einer öffentlichen Toilette. Bis Marciac waren fast nur noch vom Klimawandel verdurstete Sonnenblumenfelder zu sehen.

Marciac lebt vom großen Jazzfestival im Spätsommer – seit 1978, als ein Lyriklehrer und ein paar Jazzfans um den amerikanischen Trompeter Bill Coleman herum das erste Konzert organisierten. Heute kommen rund 200.000 Besucher in drei Wochen; Wynton Marsalis ist seit 1991 fast jedes Jahr dabei und hat eigens eine „Marciac Suite“ geschrieben. Ich kam knapp nach Festivalende – und spürte die musikalische Geschichte trotzdem überall. Andreas und ich genossen den Pool am Camping du Lac; die Besitzer Renata und Bruno erzählten, wie voll es im August wird.

 

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Tag 8: Marciac – Maubourguet (20 km)

Der Morgen begann entspannt. Vor der heiligen Messe in der Église Notre-Dame de l’Assomption – sie war recht voll – kritisierte ein Kulturmensch in der coolen Galerie nebenan etwas irritiert les chrétiens, die an einen nicht existierenden Gott glauben. Ein Moment der Spannung, der zeigte, wie unterschiedlich die Welten hier auf engstem Raum nebeneinander leben.

Die Tierwelt eines Campingplatzes ist nicht mein Ding: Abends schwammen wir mit Fröschen im Pool, und harmlose Grillen liebten den Waschraum. Nachmittags ging es über Auriébat weiter, eine Mikrogemeinde, herzlich auf einem Berg gelegen, die den Sonnenuntergang einleitete. In Maubourguet kam ich zur Dunkelheit an. Das Tourismusbüro hat ein super Angebot für Pilger: Schlüssel für das Pilgerchalet im Schlüsselsafe – unkompliziert und pilgerfreundlich. Dort erwartete mich Noé, der auf dem Einrad in die Pyrenäen fährt – ein Abenteuer, das mich bewundernd den Kopf schütteln ließ.

 

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Tag 9: Maubourguet – Saint-Lézer (21 km)

Maubourguet ist ein erstaunlich gut ausgestatteter Ort – obwohl Montag war, waren viele Geschäfte auf, auch die sehenswerte Église de l’Assomption war geöffnet. Nach witzigem Abschied von Noé ging es auf die letzten Meter des Chemin d’Arles. Wenige Kilometer später wollte ich den Weg nach Lourdes nehmen – doch enttäuscht musste ich feststellen: Es gab keinen Hinweis an der Kreuzung. Auf dem neuen GR 101 kam ich kaum durch das Unterholz. Ohne Komoot hätte ich den Weg nicht gefunden. Entsprechend verlassen war die Gegend, inklusive Geisterchâteau an der rue des Pyrénées. In Labatut-Figuières gab es an der eher traurigen Église Saint-Martin immerhin Wasser am Friedhof – jedes Detail zählt.

Dann aber wurde ich von einer der besten Pilgerherbergen seit Berlin verwöhnt: Bürgermeister Étienne Tissedre hat aus einem alten Kloster eine tolle Unterkunft geschaffen – super modern und denkmalgerecht zugleich, mit einer Riesenküche, ausgestattet mit allen Vorräten. Ich hatte das Kloster inklusive Kirche ganz für mich allein. Und das Haus hat Geschichte: Saint-Lézer ist Standort des Castrum Bigorra, einer gallorömischen Festung über dem Adourtal – Besiedlung seit der Bronzezeit, im 6. Jahrhundert wurde hier sogar Münze geprägt, und bis ins frühe Mittelalter war der Ort die Hauptstadt der Grafschaft Bigorre. Das Kloster war ein Cluny-Priorat. Wer hier übernachtet, schläft buchstäblich in 3.000 Jahren Geschichte.

Étienne ließ es sich nicht nehmen, mich zu besuchen und das ganze Dorf zu zeigen. Er ist einer dieser typischen stolzen Ortsvorsteher, die einfach anpacken und ein ganzes Dorf motivieren. Ein Vorbild für Bürgerengagement. Merci beaucoup, Étienne! 🙏

 

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Tag 10: Saint-Lézer – Azereix (23 km)

In der tollen Herberge genoss ich Kaffee beim Sonnenaufgang, als zwei Ratsmitglieder mich besuchten – ein netter Plausch über Region, Politik und Pilgern. Dann Kassensturz: Unsicher, ob ich noch bis Lourdes an einen Geldautomaten komme. Lebensmittel gab es nur im Safe, bar zu bezahlen. Ich nahm Thunfisch und Cassoulet mit – die Proteinvorräte gingen zur Neige.

Das Wetter war erstmals ohne Sonne – besser zum Laufen. Der Weg selbst: so lala, recht schlecht ausgeschildert über unaufregende Waldhöhenrücken. Einzige „Abwechslung“: die „Abbaye“ de Tarasteix – eine katholische Horrorstätte. Ursprünglich 1857 als Eremitage des Karmelitenbruders Hermann Cohen gegründet, wurde sie von einem Priester besetzt, der von seinem Bistum abgesetzt war und den Ort eigenmächtig zur „Abtei“ umtaufte – nie kanonisch anerkannt. Er wurde 2025 zu acht Jahren Haft wegen Vergewaltigung Minderjähriger verurteilt. Das graue Wetter passte zu dieser furchtbaren Stätte. Ich ging rasch raus in die Natur – und wurde von einem deutschen Schäferhund verfolgt, der aggressiv hinter mir her kläffte.

Der Umweg über Ibos für Geldautomat und Lebensmittel war zwecklos: kaum etwas offen, der Supermarkt weit außerhalb. Dann nach vielen Vorortgebieten kam ich nach Azereix – ein ganz ansehnlicher Ort mit Waschhaus, Mairie und geschlossener Kirche aus dem 15. Jahrhundert. Vororte von Tarbes, Flughafen für die Pilgermassen in der Nähe. Meine Herberge war wunderbar fast skandinavisch eingerichtet, das Gîte ganz für mich allein. Erstmals kaum Internet im Dorf – ich ließ es rustikal angehen. Nur noch einen Wandertag, dann werde ich wahrscheinlich von Lourdes-Pilgern überrannt. Lourdes zieht jährlich 4–6 Millionen Pilger an – ein Gedanke, der mich gespannt und ein wenig ängstlich machte.

 

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Tag 11: Azereix – Lourdes (25 km)

Vor Lourdes wurde es immer schöner, ja wohlhabender. Der Weg wurde besser, Sonnenschein, alles grün – ich befand mich auf einmal im Allgäu. Und dann: die Pyrenäen klar und deutlich vor mir, schönstes „Alpenwetter“. Auch die Tierwelt wurde abwechslungsreich. Unterwegs am Militärübungsplatz Camp de Ger fast von einer Streife überfahren – ein Moment der Gefahr.

Dann die Erlösung: In Bartrès gab es schon die erste Pilgerstätte, eine Waschstelle der Saint Bernadette. Und die Verbindung ist historisch echt: Bernadette Soubirous wurde als Säugling zu einer Amme nach Bartrès gegeben. Die 14-Jährige, der 1858 an der Grotte von Massabielle die Muttergottes erschien, hat als Kind in diesem Dorf gelebt. Meine erste Kirche nach Lourdes hinein war die Église Catholique Ukrainienne 🇺🇦 – ein Zeichen der Internationalität.

In Lourdes wirkt alles wie ein Kurort an der Mosel, der bessere Zeiten erlebt hat. Das Ausmaß an Kitsch und schlechtem Geschmack bei Pilgerdevotionalien ist schon fast wieder kultig. Zuerst ging ich direkt zur Basilique Notre-Dame-du-Rosaire, machte das obligatorische Abschlussfoto von #berndscamino 2026 und war fasziniert von den unglaublich internationalen Menschen aus allen Ländern. Kranke Menschen suchten Hoffnung auf Linderung und Heilung oder Trost. Die Stimmung war gut und freundlich – ein Kontrast zu meinen vielen Vorurteilen über Lourdes.

Im Jakobsweg-Pilgerbüro erklärte mir eine ältere Dame die alternative Pyrenäen-Route – die führt übrigens als GR 78 wieder Richtung Oloron, genau die Richtung meiner Etappe 2028. Um 21 Uhr ließ ich mich von der beeindruckenden Prozession treiben. #beingCatholic

Elf Tage, 242 km seit Toulouse. ✅👣 Und in wenigen Wochen kommt der Papst: Leo XIV. besucht Lourdes am 26./27. September – der erste Papstbesuch seit Benedikt XVI. 2008.

 

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Epilog: Lourdes, Paris und die Frage nach dem katholischen Erdoğan

Lourdes ist ein eigener Kosmos – surreal nach 240 km fast allein durch die Natur Okzitaniens. Irritation, Verwunderung und Bewunderung wechselten sich ab. Wie international synchron Katholik:innen über alle Sprachgrenzen hinweg agieren, ist einmalig und macht fast stolz. Und in wenigen Wochen kommt ein Papst, der den Autokraten der Welt die Stirn bietet – in Lourdes wird er auch Überlebende sexuellen Missbrauchs treffen.

Zwei Züge brauche ich von Lourdes nach Berlin – ohne Paris geht da nichts. Für den Zwischenstopp hatte ich etwas Besonderes gefunden: Ich übernachtete in der Sacré-Cœur. Dafür muss man sich mitten in der Nacht zur Andacht einfinden – die ewige Anbetung dort dauert seit dem 1. August 1885 ununterbrochen an, Tag und Nacht, seit über 140 Jahren. Man soll für Frankreich und die Welt beten – passend zu einer Kirche, die sich schon im 19. Jahrhundert ganz unkatholisch-national gerierte. Das Sacré-Cœur wurde nach der Niederlage von 1870/71 als nationales Sühnegelübde geplant, auch gegen die Pariser Kommune gerichtet. Paradox: Die strenge laïcité der 3. Republik hat heute den gegenteiligen Effekt – die Cathos geben sich enorm kultur-nationalistisch. Nach außen liberal, traf ich auf eine Mitarbeiterin, die sich nach einem Plausch auf Französisch plötzlich als Putin-Freundin, Selensky-Feindin, Corona-Leugnerin und Anti-Migrations-Aktivistin führte. Der Gipfel: Macron sei der Anführer der Satanisten. Oh mein Gott – bitte lass den Papst den menschenfreundlichen Heiligen Geist nach Frankreich bringen.

Davon abgesehen: eine sehr angenehme Mischung von Menschen aus der ganzen Welt. Ich lernte, dass es Katholik:innen in Malaysia gibt, und quatschte viel mit Monique aus Australien. Ein sehr gutes Phasing-Out – inklusive des ersten Teils des sehenswerten de-Gaulle-Epos im Fernsehen. Manchmal arg Slapstick, aber eine bewundernswerte Leistung eines der wenigen dickköpfigen Nationalkonservativen, die dennoch offen für Demokratie und Europa blieben. Ich traf noch Oliver von der Bischofskonferenz, machte in der Pariser Sonne ein Interview für RFI zum Aufstieg der Faschisten in Sachsen-Anhalt – und nahm in zwei Wochen Laufen mit vielen Kilos nur einmal die Metro.

Enorm körperlich fit geworden im 10. Jahr von #berndscamino.


  • 2.867 km seit Berlin auf meinem Weg nach Santiago geschafft – das ganze Frankreich fast durchquert
  • Trotz Hitze bis über 40 Grad und schlecht ausgeschilderten Wegen: die beste Pilgerinfrastruktur Frankreichs
  • Drei Privatunterkünfte bei Familien, eine Nacht im Kloster von Saint-Lézer, eine im Pilgerchalet mit Schlüsselsafe
  • Zwischen Airbus-Beluga und Lichterprozession: Okzitanien ist ein Land der Kontraste
  • Meine Etappen bei Komoot und mein Weg auf Instagram #berndscamino

Möge der Heilige Geist uns mehr Liebe und Nachsicht schenken.
Que l’Esprit Saint nous donne plus d’amour et de clémence.

Bernd

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