
Vielleicht ist Ostdeutschland gar nicht so ostdeutsch, wie wir darüber reden. Warum wählen Menschen autoritär? Wegen DDR-Erfahrung, Transformation, wirtschaftlicher Benachteiligung? Alles richtig – und doch greift mir die Ost-West-Erklärung zu kurz. Ein Ostberliner Handwerker, katholische Vereinsdemokratie, sowjetisch geprägte Aussiedlersiedlungen in Westdeutschland, meine Jugendbesuche im „DDR-Abenteuerland“, drei Jahre in der Slowakei – und ein wiedergefundener „Zitterbacke“ haben für mich mehr miteinander zu tun, als man zunächst denkt. Ausgangspunkt ist ein spannendes FAZ-Interview mit Magnus Brechtken. Mein eigentlicher Punkt aber ist ein anderer: Demokratie braucht mehr als demokratische Institutionen. Sie muss von einer eigenverantwortlichen pluralistischen Gesellschaft getragen werden.
Spannendes Interview mit Magnus Brechtken in der FAZ über Ostdeutschland und die AfD: „Viele Westdeutsche haben mittlerweile die Nase voll“. Das Erfahrungsgefälle zwischen Ost und West spürt man selbst in Berlin – und vermutlich auch bei den kommenden Wahlen. Eine kleine Alltagserfahrung bringt es für mich auf den Punkt: Sagt man einem Ostberliner Handwerker „Es war nicht alles schlecht“, nickt er häufig. Ergänzt man nach einer Kunstpause: „… nach der Wende“, kommt erst einmal ein verdutzter Blick. Das meine ich ausdrücklich ohne Wertung. Viele Menschen im Osten haben in ihrem Leben schlicht eine enorme Dichte gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und biografischer Umbrüche erlebt – und sind irgendwann auch durch mit der nächsten großen gesellschaftlichen Transformation.
Meine eigene westdeutsche Perspektive darauf ist übrigens alles andere als abstrakt. Ich war in den 1980ern gefühlt alle halbe Jahre im damals zerbröselnden Eisenach und habe neulich meinen „Zitterbacke“ wiedergefunden. Als westdeutscher Teenager war ich fasziniert und ziemlich besserwessihaft im „DDR-Abenteuerland“ unterwegs: drei Stunden Grenztruppen, Zwangsumtausch – und Plastiktüten gegen ein herrlich lustiges Jugendbuch getauscht.
Mein damaliger Eindruck beim Lesen: Selbst in solchen Geschichten schwang subtil mit, dass am Ende irgendwie der Westen schuld war. Darüber habe ich vor einigen Wochen schon auf Bluesky geschrieben.
Gerade deshalb fehlen mir im Interview ein paar Aspekte.
Da sind zunächst die Wanderungsbewegungen. Ein erheblicher Teil der in Ostdeutschland Geborenen lebt längst im Westen – darunter überdurchschnittlich viele Jüngere und Frauen und vermutlich auch liberalere Milieus. Das verändert beide Vergleichsgruppen. Schon in der Diskussion über „Zitterbacke“ war genau das mein Einwand: Wir reden über „die Ostdeutschen“, obwohl ein großer Teil von ihnen längst gar nicht mehr im Osten lebt.
Umgekehrt gibt es im Westen viele Menschen mit sowjetisch bzw. staatssozialistisch geprägtem Erfahrungshintergrund. Rund eine Million (Spät-)Aussiedler kamen aus der ehemaligen Sowjetunion, teilweise wurden sie räumlich stark konzentriert angesiedelt – das kenne ich auch aus meiner Heimat Paderborn. Auch dort finden sich heute Milieus und Siedlungen mit einer auffälligen Stärke der autoritären, rechtsextremen AfD.
Das passt schlecht zur bequemen Erklärung, Rechtsextremismus sei vor allem ein ostdeutsches Problem.
Hinzu kommen viel ältere kulturelle und historische Unterschiede. Große Teile Westdeutschlands waren lange stärker nach Westen orientiert. Und gerade katholische Kulturräume haben eine lange Erfahrung darin, dem preußischen Obrigkeitsstaat eigene Vereine, Verbände, Kirchen und gesellschaftliche Institutionen entgegenzustellen.
Bemerkenswert ist deshalb auch das Eichsfeld als katholisch geprägte Region im Osten, in der eigenständige gesellschaftliche Strukturen selbst unter den Bedingungen der DDR eine besondere Rolle spielten. Die entscheidenden Trennlinien beginnen eben nicht erst 1949 oder 1990.
Meine drei Jahre Arbeit in der Slowakei haben mir noch eine andere Perspektive gegeben. Auch dort wirken autoritäre und staatssozialistische Prägungen nach. Aber dort gibt es keine „Besser-Wessis“, denen man die eigene Lage zuschreiben könnte. Und zugleich liegt das Lohnniveau bis heute deutlich unter dem ostdeutschen. Die Transformationserfahrung allein erklärt also auch nicht alles.
Und vielleicht liegt hier ein blinder Fleck eines Teils der westdeutschen akademischen Debatte seit der Wiedervereinigung: Demokratie funktioniert auf Dauer nicht allein als staatliches Institutionengefüge. Und auch Beteiligungsverfahren, Förderprogramme und viel Geld ersetzen keine gesellschaftliche Verantwortungsdemokratie.
Dummerweise war Ende der 1980er-Jahre aber auch ein Teil der westdeutschen Eliten müde geworden von Korporatismus, Vereinsdemokratie und der manchmal quälenden Suche nach Kompromissen. Das Heil wurde nun eher in weniger Staat, Marktmechanismen und neuen professionellen Organisationsformen gesucht: gGmbH und Stiftung statt vermeintlicher „Vereinsmeierei“.
Nach 1990 traf das auf eine ganz andere Tradition: die sozialistische Vorstellung, dass letztlich Staat und „Volk“ demokratische Verantwortung organisieren und tragen. Zwei sehr unterschiedliche Entwicklungen konnten damit paradoxerweise zum gleichen Defizit beitragen: der Unterschätzung einer eigenständigen, organisierten und pluralistischen Gesellschaft zwischen Individuum und Staat.
Gerade in Regionen, die lange von autoritären Strukturen geprägt wurden – mit Menschen, die deren Träger, Mitläufer oder Opfer waren –, braucht Demokratie deshalb eigenständige Vereine, Verbände, Kirchen, Gewerkschaften, Unternehmen und Initiativen und vor allem Menschen, die selbst Verantwortung übernehmen. Menschen nur bei staatlichen Entscheidungen „mitzunehmen“, reicht nicht.
Demokratie muss vom Staat garantiert, aber von einer eigenverantwortlichen pluralistischen Gesellschaft getragen werden.
Vielleicht erklärt deshalb gerade die Mischung mehr als jede einfache Ost-West-Erzählung: historische Prägung, Religion und Vereinskultur, Transformationserfahrung, Wanderung, wirtschaftliche Entwicklung – und die Stärke einer eigenverantwortlichen pluralistischen Gesellschaft.
Die Himmelsrichtung allein erklärt erstaunlich wenig.