Pilgern ausgerechnet von Berlin aus 2016/17

Das Kloster Jerichow im Rückblick Januar 2017, gleich geht es über die Elbe

Schritt für Schritt mit einem Ziel. Alles miteinander verbunden, aber doch auf fremdem Terrain. Irgendwann war ich neugierig, wie wohl all diese Schritte von Berlin bis an das westliche Ende Europas sich anfühlen, zehntausende Schritte bis an Spaniens Atlantikküste. Mein #finiseuropae begann ich 2016 improvisiert. Kleine Schritte, kleine Etappen auf einem Weg, der zu Beginn doch recht wenig mit dem bekannten Jakobsweg in Spanien zu tun hat. Mein Beginn war ein Aufbruch aus einer Großstadt. Berlin. [update in Coronazeiten 1. Juni 2020]

Pilger-Steckbrief: 189 km, 37,38 Stunden, 620 Höhenmeter
Jeder Schritt und Fotos dieser Strecke in Komoot
alle Berichte zu meinem Jakobsweg-Projekt
tolle Menschen am Wege
Meine Pilgerstempel

Ich wusste es nicht.

Mitten in Berlin gibt es markierte Wanderwege. Im August 2016 ging es auf dem Nord-Süd-Wanderweg in Berlin-Mitte los. Natürlich hat das alles nichts mit Pilgerwegen zu tun. Aber in Berlin begannen schon erstaunliche Einblicke auf eine unbekannte Welt, in Hinterhöfe, (un-)belebte Ecken und freie Natur. Der Senat hat sich viel Mühe gemacht, irgendwelche Schleichpfade zwischen Kleingärten und Gleisanlagen als Wanderwege auszuzeichnen. Aber gerade deshalb werden beim Pilgern in Berlin selbst Gewerbegebiete, Autobahnen und Gleisanlagen Berlins interessant. Es gibt ja sonst nichts zu sehen. Ein Highlight des ersten Tages: Berlins größte Photovoltaik-Anlage.
An dieser Stelle muss gesagt werden, woran ich mich bei meinem Projekt festhalte. Empfehlenswert ist Jakobswege in Europa. Einzelne Wege füge ich via komoot nach und nach in das Handy-Navi ein. Für Berlin heißt das, dass ich dem Vorschlag gefolgt bin, auf der „Via Imperii“ Richtung Stahnsdorf nach Süden zu wandern. Der Name ist natürlich mitten in Berlin mehr als übertrieben.


Spannender ist, dass irgendwann an der Stadtgrenze vom alten Westberlin dieser „Pilgerweg“ auf den Mauerweg mündet, was selbstverständlich auch nie ein Pilgerweg war. Aber immerhin hat hier am ehemaligen Todesstreifen jemand eine erste Jakobsmuschel-Wegmarke an eine Laterne geklebt.

Wie überall „an der alten Mauer“ ist die Natur wie neu geboren. Auch die anschließenden ersten Schritte im Brandenburgischen führen durch eine erstaunlich abwechslungsreiche Vorstadtlandschaft. Die ersten Kirchen lassen es sich blicken, natürlich stets verschlossen, es wird noch viele Kilometer brauchen, bis offene Kirchen selbstverständlich werden. Nach Stahnsdorf kommt das erste Mal ein besinnliches Pilgergefühl auf. Auf dem Weg nach Potsdam, führt der Weg durch den zweitgrößten Friedhof Deutschlands. Es wirkt wie ein riesiger vergessener Père Lachaise mitten in der Taiga. In Babelsberg mit der S-Bahn zurück nach Berlin.

Meine Durchquerung des Berliner Großstadtdschungels mit anschließender Friedhofslandschaft hat mich motiviert gemacht, nur 10 Tage später von Babelsberg aus Potsdam zu durchqueren: aus der S-Bahn ausgestiegen liegen die Villenviertel von Babelsberg in der prallen Sonne. Man kann gar nicht glauben, dass sie Winterschlaf in DDR-Zeit überlebten, gleich vor der Mauer nach Westberlin. Im schönsten Sonnenschein erreichte ich am Teltow-Kanal entlang den Park des Babelsberger Schlosses und die Havel. Von weitem zeigt sich die Glienicker Brücke. Das Symbol zur Überwindung des Trennenden lag auf der anderen Seite des Wassers.

Potsdams Altstadt habe ich kaum durchquert. Der Weg führt an einem Stadtschloss vorbei, das sich zu der Zeit im modernen Aufbau befand. Schöne Natur, breite Betonschneisen, bemühte Rekonstruktion und Villenviertel. Das ist das Bild, was Potsdam am Jakobsweg bietet. Schön, verstörend, spannend. Die letzten Meter auf dieser Etappe führen am Templiner See vorbei durch Wald zur Baumgartenbrücke, wo ich den Bus zurück nach Berlin nehmen sollte. An der Brücke saß eine Familie fett im Gras und spielte wohl Pokémon Go, der Hit des Jahres 2016. Familienspielhölle mitten in der Natur.

Pilgern ist keine Gutwetterveranstaltung. Ich hatte mir von Anfang an vorgenommen, mich nicht so sehr von Wetterberichten beeinflussen zu lassen. Entscheidender war stets die freie Zeit, die einem Berufstätigen in seinem privaten Umfeld zur Verfügung steht. Zugverbindungen heraussuchen, Urlaubsfenster erkämpfen, familiäre Absprachen treffen. Es ist schön und macht Freude und gehört zu meinem großen Plan mit vielen kleinen Projektetappen. Im Oktober 2016 ging es durch den brandenburgischen Regen in mein erstes Pilgerkloster: Lehnin. Es ging zunächst auf Fontanes Spuren von der Baumgartenbrücke am Schwielower See vorbei und durch den Lenné-Park von Petzow in ein ausgedehntes Waldgebiet, das hinter Kammerode begann. Es wurde eine langweilige Monokultur, die nur durch Stromtrassen und Autobahn belebt wurde. Irgendwann wurde der Regen so stark, dass ich mich illegalerweise auf meinen ersten Hochstand verkroch. Bei dem Wetter wäre eh kein Jäger gekommen. Irgendwie hatte es etwas Erhabenes in der grünnassen Eintönigkeit irgendwelche Energieriegel zu mampfen. Immerhin sah ich dank des Regens auf dem Weg nach Lehnin meinen ersten Wildfrosch. Dann kamm das Dorf am Kloster Lehnin. Ich betrat eine weitläufige wie beeindruckende Klosterlandschaft und brauchte einige Zeit, um den zuvor vereinbarten Schlüsselort hinter meinem Schlaftrakt zu finden. Es wär der erste Ort auf meinem Weg, der sich auf Pilger eingestellt hat. Es gibt sogar einen Pilgerrundpfad, der nach „meinem Heiligen“ Bernhard von Clairveaux benannt ist. Nachdem ich den kleinen Kasten an der Außenwand für den Pilgerzimmerschlüssel fand, eröffnete sich mir zum ersten Mal eines dieser magischen Klosterorte (bis zur Abtei Corvey in Westfalen sollten mich noch Jerichow, Riddagshausen, Marienrode und Amelungsborn beeindrucken). Auf dem Weg zum Zimmer hörte ich einen kleinen Chor im Festsaal des Elisabethhauses. Das Pilgerzimmer war nicht wirklich, was ich an Einfachheit erwartete. Der Blick aus dem Dachgeschoss war ebenso wunderbar.


Die Klosterkirche aus dem Hochmittelalter lag vor mir. Das Evangelische Diakonissenhaus hat alles  perfekt erhalten, restauriert und arrangiert, aber ich musste mich beeilen, noch das Backsteinkirchenschiff zu kommen. Innen erwartete mich ein schönes Erntedankarrangement in der Nähe eines angeblichen Baumstumpfs einer Art slawischer Donareiche. Die schon im 19. Jahrhundert begonnene Restauration ehrte die enorme Leistung der Zisterzienser, obwohl längst säkularisiert in einer reformierten Landschaft.

Am nächsten Morgen hat sich der Regen verzogen. Die Ruhe im Gästehaus wurde nur noch von der Klosterglocke unterbrochen. Ich packte meine Sachen und begab mich Richtung Norden. Und es begann wunderbar mit dem Weg durch eine sonnendurchflutete Baumallee. Später ging es am Rietzer See entlang, mit einer wunderbar wilden Flora und Fauna. Ohne Sicht auf auf einen See aber dafür auf ein leckeres Schnitzel genoss ich nach 17 km im Gasthof „Zum Seeblick“ meine Pause mit DDR-Charme in Prützke. Es war dann nicht mehr weit bis Brandenburg an der Havel. Bisher hatte ich nicht viele Jakobsmuscheln am Wegesrand gesehen. Aber hier in Brandenburg stieß ich ziemlich häufig auf historische Bezüge zu den Jakobspilgern des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Es war mein erstes Mal in der Stadt und ich genoß, dass ich sie zu Fuß eroberte. Und wie wunderbar sie ist. Eigentlich hatte ich nach 25 km genug, aber die sonnendurchflutete Backsteinarchitektur in der Flusslandschaft, zumal die Dominsel mit dem Dom St. Peter und Paul sind sehenswert. Die meisten Sehenswürdigkeiten sind nicht wirklich pilgerfreundlich, wenn sie sich am Ende eines Tages befinden. Um 17 Uhr bereits schloss der Dom. Ich tröstete mich, dass mich die Bahn eines Tages für einen schnöden Tagesausflug nach Brandenburg bringen würde. Immerhin sah ich noch die Taufkirche von Loriot: St. Gotthardt.


Ich übernachtete im einfachen Citi-Hotel in der Nähe der Jakobsstraße. Ich fand leider keine Pilgerherberge am zweiten Übernachtungsabend meiner Tour.

Der nächste Tag sollte nur noch Strecke durch eine schöne Seenlandschaft machen. Mein Ziel war der Bahnhof Kirchmöser, der zwischen drei Seen gelegen ist. Aber immerhin begann es mit ein wenig Pilger-Sightseeing. Die Jakobstraße führte mich zur „Verrückten Kapelle“ des Jakobsspitals aus dem 14. Jahrhundert, das freilich am Ende des 19. Jahrhundert auf eine 11 m weite Reise gegangen ist, um Platz zu machen. Anders als für die originalen Jakobspilger war sie für mich verschlossen. Nach der Ausfallstraße gaben Badestellen Zeugnis, wie lebenswert natürlich Brandenburg ist. Nach 14 km erreichte ich den Bahnhof. Es ging mit der Bahn zurück nach Berlin. Für 2016 hatte ich ausgepilgert. Ich war erstaunt, wie spannend die ersten improvisierten Etappen waren und freute mich auf die nächste Gelegenheit in Kirchmöser aus dem Bahnhof zu steigen, mit dem Ziel Jerichow/Elbe.

Erst im Januar 2017 fand ich wieder Zeit meinen Weg fortzusetzen. Die Planungen wurden ein wenig komplexer, nicht nur dem Winter geschuldet. Zwischen Jerichow und Kirchmöser musste ich übernachten und so suchte ich langwierig nach einem guten Ort. Ich fand ihn im Schloss Plaue, nur 6 km hinter dem Bahnhof Kirchmöser. Ich kam erst abends in der Dämmerung an und durchschritt zunächst die Königlich-Preußische Pulverfabrik bei Plaue Havel, die das ursprüngliche Dorf durchaus ansehnlich backsteindindustriell mit einem späteren Eisenbahnstellwerk erweiterte. So richtig romantisch schaurig wurde es auf der Seegartenbrücke, die mich direkt in den Schlosspark Plaue führen ließ. Spielzeugverliebt hatte ich mir eine Outdoor-Stirnlampe geleistet, die mich nun durch einen Park am See führte, bewacht von schaurigen Steintieren. Hier gab es meinen ersten #Finiseuropae Instragrameintrag, den ich fortan fortsetzen sollte. Das Schloss Plaue ist im Privatbesitz. Ich bezog allein das modernisierte Gästehaus. Das Schloss selbst wurde noch improvisiert restauriert, das Gasthaus hatte den Charme der liebevollen Nachwendebelebung.

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#finiseuropae #jakobsweg #caminodesantiago

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Ich musste früh aufstehen. Nicht, weil ich Angst vor den 36 km gehabt hätte, sondern weil ich schlicht um 16 Uhr im Kloster Jerichow sein musste, um den Schlüssel abzuholen für mein Pilgerzimmer. Andererseits hatte ich schon Respekt vor meiner längsten Wanderetappe auf meinem Weg nach Santiago. Ich startete also sehr sehr früh im Schloss Plaue und war überrascht wie entzückt, dass Schnee gefallen war. In der Dunkelheit hinterließ ich meine Spuren. Es war sehr ruhig und einsam. Der erste Mensch, den ich begegnete war ein Schneeschipper vor einer Deutschlandfahne in Altbensdorf. Ich machte unwillkürlich einen Schritt nach links, während der tümelnde Deutsche zackig den Gehweg polierte. Ich fragte mich, wer das denn um diese Uhrzeit honorieren sollte oder ob er einfach an seniler Bettflucht litt. Aber es gab auch nette brandenburgische Gestalten, an der Auffahrt der L96 hielt ein Pick-up nach 90 min an, und fragte mich ob ich Hilfe bräuchte… Er hat wohl nie einen Fußgänger gesehen. In einem Dorf ärgerte ich mich ein wenig, dass ich meine Jakobshausaufgaben nicht gut genug gemacht habe. Es gab durchaus Pfarrhäuser auf dem Weg, die Jakobspilgern eine Übernachtung anboten. Mit Großwulkow hatte ich mittlerweile mein drittes deutsches Bundesland erreicht: Sachsen-Anhalt. Und hier schlug die Betreuung und bisweilen Vermarktung des Jakobsweges richtig zu: https://www.jakobusweg-sachsen-anhalt.de/ Ich kam zum ersten Mal auf einen erschlossenen Jakobsweg. Die Sonne kam raus in der Altmark, aber die Füße wurden nach 30 km durchaus schwer. Es galt, um 16 Uhr in der Stiftung Kloster Jerichow zu sein. Schweren Fußes schleppte ich mich ins Museumsgeschäft. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich den Schlüssel überreicht bekam. Als ich im Hof der gigantischen Backsteinromanik stand war ich fast allein. Ich bezog rasch mein erstes wirklich pilgermäßig anmutenden Zimmers in einem Altbau an der Nordwestecke des Klosters und suchte noch schnell das Museum und das Kirchenschiff auf, bevor alles schloss. Der Hohe Chor beeindruckte ungemein und die Ausstellung „Weltreligionen – Weltfrieden – Weltethos“ mutete fast wie eine Ökumene an, die auch den vorherrschenden Atheismus dieser Region Europas einschloss. Kloster Jerichow erschien mir ungemein missionarisch. Ich dachte erstmals rückwärts vorwärts. Was mussten die Mönche gedacht haben, als sie ostwärts pilgernd dieses Backsteingebirge jenseits der „Heidengrenze“ Elbe errichtet haben? Abends war ich ganz allein in der Anlage. Keine Menschenseele weit und breit. Ich schaute nur ungläublig aus meiner Klause im Obergeschoss und brutzelte mir eine Suppe. Morgen ging es über die Elbe in eine neue Kulturlandschaft.


Früh aufstehen im vereinsamten Kloster und einfach nur die große Pforte hinter mir zuziehen. Das hat etwas von Freiheit. Zwischen Kloster und Elbe wartete auf mich ein ordentlicher Schneesturm. Es war wunderbar. Ich musste dennoch innehalten und kochte mir einen Espresso. Wenn ich schon den Brenner mitschleppe, muss ich ihn auch nutzen. Von weitem sah ich auf der anderen Seite der Elbe Tangermünde. Das Bild hat sich seit der Frühen Neuzeit erhalten. Ich musste zunächst nach Norden auf die Elbbrücke der vielbefahrenen B188. Eine Fähre fuhr eh nicht im Winter. Die langen kaltnassen Schritte über die Elbe werde ich mir noch lange merken, zumal nördlich die ICE-Strecke von Berlin nach Hannover führt. Es ist jedes Mal ein Hingucker, wenn ich über die Elbe auf Schienen rase. Nach der Brücke ging es über Gewerbegebiete geradewegs südlich auf die mittelalterliche Stadt Tangermünde zu. Vor der Altstadt machte ich kurz in der ersten geöffneten katholischen Kirche halt. Die Dreifaltigkeitskirche, die mir zum ersten Mal den Einfluss des Bistums Paderborn auf die westelbische Landschaft deutlich machte. Ein Paderborner Bischof hat für die aus vielen preußisch-polnischen Arbeiterkatholiken geplante Kirche 1924 den Grundstein gelegt. Überhaupt sollten ab jetzt noch viele Dörfer und Kirchen aus dem westfälischen Raum heraus gegründet worden sein, freilich schon im Mittelalter. Heute ist freilich die Altmark fast gänzlich Christenfrei. Nicht nur aus touristischen Gründen wird aber das Erbe auch in Tangermünde gepflegt. In der säkularisierten Salzkapelle hatte ich eine wunderbare Privatführung der Aufsichtsperson, bevor es hungrig an malerischer Burg und schmuckem Rathausplatz vorbei in die mittelalterliche Zecherei St. Nikolai ging. Es ist natürlich ein Mittelalterheaterrestaurant, aber für einen Pilger sehr passend, mit den Fingern hinter original gothischen Fenstern zu speisen. Was folgte waren dann noch müde Schritte in nordwestlicher Richtung nach Stendal. Erwähnenswert war nur noch die Dorfkirche von Miltern. Bis mich der Zug zurück nach Berlin brachte, hatte ich noch ein wenig Zeit die Winterlandschaft der schmucken Altstadt zu besuchen. Das Winkelmannmuseum konnte ich leider nur von außen sehen (Jahre später besucht und genossen). 189 km habe ich von geschätzten 3000 km bis Santiago hinter mir gelassen. Jeden Schritt habe ich von Berlin über die Elbe genossen. Sachsen-Anhalt lag nun südlich von mir. Ich freute mich schon im Zug nach hause auf die nächste Etappe.

Gesamtkollektion meiner bereits gemachten Schritte von Berlin nach Santiago
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