In das Weserbergland pilgern 2017

Von Kloster Marienborn nach Diekholzen

Von Braunschweig nach Westfalen zu Pilgern hieß 2017 noch viel Improvisation, da der Weg größtenteils noch nicht ausgeschildert war (und bis 2020 wohl nicht ist). Aber die Marken mit bedeutenden Kathedralen und Klöstern in Braunschweig, Ottbergen, Hildesheim, Marienrode, Amelungsborn, Corvey machen zusammen mit dem ungemein schönen Weserbergland einen wunderbaren Jakobsweg.

Erst im August 2017 konnte ich von Braunschweig aus den Weg gehen. Die ganze Etappe wollte ich  zwischen zwei Bahnstationen laufen. Und der Eindruck dieser immer noch stolzen Welfenstadt war erstaunlich gut. Ich begann in der katholischen St. Aegidien-Gemeinde.

Braunschweig gehört zu den vielen bedeutenden historischen Stätten in Deutschland dessen Bausubstanz die Bomben des Zweiten Weltkriegs und den autogerechten Wiederaufbau nur schwer verdaut hat. Doch sind die rekonstruierten „Traditionsinseln“ für den Jakobsweg ein Segen. Dem Weg folgend werden die wichtigsten historischen Plätze ersichtlich. Neben St. Agidien, auch St. Magni, der Dom St. Blasii, St. Ulrici-Brüdern, St. Martini-Kirche.

Beeindruckend ist schon St. Ulrici-Brüdern mit einem fabelhaftem Café im Kreuzgang. Aber besonders erwähnenswert ist die Jakob-Kemenate. Die Gastfreundschaft, mir in unentgeltlichen Privatführungen die Kemenate mit ihrem Bücherschatz im Gibel und die Fundamente der Jakobskirche zu zeigen, werde ich nicht vergessen.

Beeindruckend waren die ungewöhnlich vielen offen evangelischen Kirchen. Buntstifte der Kindergruppen lagen ebenso bereit, wie handgemachte gesellschaftskritische Ausstellungen und, passend zum Jahr, ganz viele Austellungen zum 500-Jahre-Luther-Jahr.

Ein tollen Beispiel war die letzte Kirche mit Pilgerstempel auf dem Braunschweiger Weg: Die Kreuzkirche in Lehndorf. Erfrischender Glaube mit Bezug zur Taizé-Idee. Und Taizé liegt auch auf meinem Weg nach Westen, irgendwann.

Es ging dann über ziemlich langweilige Felder weiter nach Süden.

Am Schluss stand eine Begegnung mit dem Wunder von Lengede. Damit die nächste Etappe nach Marienrode hinter Hildesheim nicht noch länger wird als bisher geplant, habe ich noch die Bahnstation von Woltwiesche mitgenommen. Dann ging’s wieder zurück. Tschüß, Mini-Ruhrgebiet.

Erst im Oktober ging es dann in Niedersachsen weiter. Diesmal sollte es in den Landkreis Hildesheim gehen.

Zunächst hatte ich geplant, von Woltwiesche direkt nach Marienrode zu pilgern. Aber die
freundlichen Benediktinerinnen meinten, ich sollte vor 17 Uhr im Kloster Marienrode sein. Deshalb machte ich doch noch einen Zwischenstopp. Und zwar in einem Gasthof in Wöhle. Der Gasthof am Rande des Dorfes war dann eine Zeitreise in die Siebziger. Sehr spooky und sicher ein Ort für einen spannendtollen Schwedenkrimi-Plot. Der Gastwirt konnte sich kaum artikulieren. Aber was ich verstand war, dass mein Zimmer keinen Schlüssel hätte. Kinderspiel, log ich laut vor mich hin, wer braucht schon einen Schlüssel? 20 EUR cash und die Versicherung, dass ich früh um 6 Uhr herausmüsste. Oh, bitte kein Frühstück! Mit Taschenlampe aus Wöhle raus also gen Hildesheim.

Zunächst tauchte der seltsam deplatziert wirkende Wallfahrtsort Ottbergen aus der niedersächsischen Landschaft auf. Das Franziskanerkloster und die katholische Pfarrkirche St. Nikolaus wirkten abweisend. Aber vielleicht war es einfach zu früh am Tage. Das Dorf ist ein typisches Vorstadtdorf, breite Wege und Gehsteige führen zu breiten Vorgärten, die von breiten Wohnzimmerfenstern beschattet werden. Manch einer wird hier das Leben nur im überdimensionierten Haus mit Garten, im Auto und am Arbeitsplatz verbringen. Bis an die Weser werde ich noch viele solcher Dörfer durchschreiten. Dann kam der Kreuzberg außerhalb des Dorfes. Die Wallfahrt auf diesen Berg begann schon im 17. Jahrhundert. Aber die Kreuzwegstationen sind offensichtlich sehr vom Kulturkampf der Katholiken dieser Gegend geprägt und lassen auch eine politische Rolle in der Nazidiktatur  erahnen. Ein Ort des 19./20. Jahrhunderts. Selbst eine Lourdes-Grotte fehlt hier nicht.

Was folgte ist ein toller Bergrücken Richtung Hildesheim, der Vorholz. Einziges Manko: Seit dem Spukgasthof gab es noch keine Gelegenheit zum Kaffee. Eigentlich ist jede Autobahn auf einer Wanderung ärgerlich. Aber die Raststätte Hildesheimer Börde brachte dann doch das angemessene Frühstück.

Der Vorholz ist ein idealer Einstieg nach Hildesheim: vom grünen Rücken in die Stadt. Ich sage es gleich: Hildesheim ist eine Art niedersächsisches Paderborn. Der Kriegszerstörung folgte der autogerechte Aufbau und nun die langsame, teils historisierende, Rückbesinnung auf den mittelalterlichen Kern.

Aber irgendwie hat es Hildesheim zum UNESCO-Weltkulturerbe geschafft. Dazu gehört der Dom St. Mariä Himmelfahrt, mein erster katholischer Dom seit Beginn meiner Wanderung. Tausend Jahre alter Rosenstock echt hin oder her, aber auch er gehört zum Aufbaumythos. Die Museums-Cafete im Domfoyer bemerkte meinen Pilgerrucksack und gab mir gleich einen Gratis-Latte. Den bekommen allerdings alle, die einfach nicht zahlen können/wollen. Beruhigend, Aufmerksamkei aber keine Bevorzugung. Aber ich musste noch weiter, Knochenhaueramtshaus und die fulminante St. Michaelis-Kirche. Die mittelalterliche Holzdecke macht Freude und… Nackenschmerzen. Lag es nur an  einer touristenarmen Jahreszeit? Ich war allein im Weltkulturerbe.

Aber ich musste weiter. In Hildesheim stieß ich auf die „Via Scandinavica“, der Jakobsweg, der von Fehmarn nach Süden führt. So ausgeschildert geht es über den Moritzberg Richtung Lerchenberg, mit viel Fernsicht vom Panoramaweg. Aber langsam kann ich mein Ziel nicht mehr erwarten: das erste echte noch im ursprünglichen Sinne genutzte Kloster auf meinem Weg, nach über 400 Kilometern! Das Kloster Marienrode wird von 15 Benediktinerinnen im Glauben belebt. Im Exerzitien- und Gästehaus bekam ich eine Unterkunft, längst kein Pilgerzimmer, sondern ein wahres Hotelzimmer mit Blick auf das Klostergelände. Am Abend nahm ich am Komplet teil. Einen geselligen Austausch über Gott und die Welt gab es Dank Sr. Maria Elisabeth und Verwandschaft im Anschluss, Klosterwein eingeschlossen.

Noch ein Besuch im Klosterladen und dann ging es gen Südosten. Es regnete es im Strömen. Noch lief ich auf der „Via Scandinavica“.

In Diekholzen erreichte ich die St. Jakobuskirche, die zwar offen war, aber keinen Pilgerstempel fand, trotz vieler Hinweise zum Jakobusweg. Ich hätte hinter Diekholzen noch länger der Via Scandinavica folgen können, aber irgendwie habe ich mir meinen eigenen Weg gebastelt und bog hinter dem Ort auf direkterem Wege nach Alfeld ab. Statt über Eberholzen zu laufen nahm ich einen direkteren Weg über Möllensen. Hinter dem Wald zwischen Diekholzen zwischen Möllensen und Sibbesse hat mich Xavier erwischt. Heftige Sturmböen zwangen mich dazu hinter Hecken auf dem Boden auszuharren, bis es dann weiter durch das Warnetal nach Alfeld ging.

Wirkten die ersten Ausläufer von Alfeld schon sehr industriell geprägt, so fällt bei Alfeld selbst zunächst die Papierfabrik mit ihrem enormen Schornstein auf. Aber auf den zweiten Blick ist Alfeld ein wunderschönes Fachwerkstädtchen. Passend riss nach dem enormen Sturm der Himmel auf und Alfeld glänzte.

Und mitten im Fachwerkkern von Alfeld sollte meine Übernachtungstätte liegen. Die bemerkenswert lebendige evangelische St. Nicolai-Gemeinde hat auf Vermittlung der katholischen Gemeinde mir einen Raum im Gemeindezentrum zur Verfügung gestellt. Alles war für mich unkompliziert und pilgerfreundlich.

Am nächsten Tag habe ich mir einen kleinen Umweg über einen Höhepunkt der Industriearchitektur, das Faguswerk.

Von Alfeld aus ging es improvisiert zum evangelischen Kloster Amelungsborn weiter. Zunächst stand aber das Fagus-Werk an. Ich entscheid mich zu einem Umweg als Architekturpilger.

Das Fagus-Werke sind etwas für Liebhaber der Industriearchitektur. Seit ich noch in der DDR das Bauhaus gesehen habe und dort merkte, wieviel schwulstiger Neobarock erst in den Jahrzehnten danach entstand, fasziniert mich diese Avantgarde. Das Architekturdenkmal ist eine private Liebhaberei mit großem Informationswert. Als Pilger bin ich gewohnt, alleine zu gehen. Ich hätte aber nicht erwartet, dass ich auch im UNESCO-Weltkulturerbe geradezu alleine wandern sollte.

Im Anschluss machte ich einen Fehler. Den Weg, den ich einschlug, führte in irgendwelche hügeligen Wiesen im Alfelder Umfeld. Der unausgeschilderte Weg führte mich durch wuppertalähnliche Ortschaften in eine Waldlandschaft, die plötzlich verwirrend überausgeschildert war, mehrfach stieß ich auf den Fernwanderweg E11. Zwischen Duinger Berg und Hils arbeitete ich mich durch nasse Wiesen und Wald durch, bis ich auf den Ithkamm stieß. Zu meiner Enttäuschung fand ich keinen Einstieg in die Felsenwege. Aber ich war irgendwie auch durch. Nur bald ins Kloster! Aber nach dem Pass musste ich noch durch das Lennetal mit seinem Autoschlafdorf Scharfoldendorf zum Anstieg auf die Ausläufer des Vogler. Der anschließende Ausblick versöhnte mich. Und wieder schien nach einem Regentag die Sonne.

Vor mir lag im Tal das Kloster Amelungsborn. Das Kloster hat einen erstaunlich evangelischen Abt und praktischerweise Pilgerzimmer. Die weitläufige Anlage ist aus düsterem Stein gebaut, aber doch fast alternativ-ökologisch gestaltet. Im Gästehaus traf ich auf die ersten echten Pilgerinnen seit Berlin. Sie wanderten allerdings quer zu mir. Der Pilgerweg Loccum-Volkenroda kreuzt meinen freilich inoffiziellen Jakobsweg nach Corvey. Meine Herbergsschwestern tauten nach einiger Zeit bei Rotwein und Pizza auf. Beides hatten wir frecher- und verdienterweise per Lieferservice bestellt. Meine Kolleginnen brachten interessante Lebenserfahrungen mit, aus schwerer Krankheit und aus der Hilfe für Geflüchtete. Die Gastgeber waren übrigens äußerst nett, wenn auch eigen. Hatte mich bei der Anmeldung um einen Tag vertan und dennoch bekam ich was ich verdiente: ein Bett!

Die letzte Etappe durch Niedersachsen führte mich in meine westfälische Heimat. Ich habe schon wieder geschlunzt. Eigentlich hätte ich locker einen Abschnitt über den Pilgerweg Loccum-Volkenroda laufen können.  Allerdings hätte ich bis auf das unendliche und recht traurige Holzminden auch einige nette Landschaften und das Schloss Bevern verpasst. Uhnd der Weg über den Solling hätte glatte 10 Kilometer länger gedauert.

Das Frühstück im evangelischen Kloster war reichhaltig und originell. Danach trennte sich meine erste Pilgergemeinschaft mit anständigem Abstand. Singlepilgern war angesagt und mein Weg sollte eh bald Richtung Weser weisen. Die Natur bis Bevern war ausnehmend schön.

Negenborn und Großer Everstein sind mir noch gut in Erinnerung. Bevern kannte ich noch aus meinem Geschichtsstudium. Das Weserrenaissance-Schloss ist sehenswert, wenn auch in seiner Geschichte bedauernswert. Zwischen Bevern und Holzminden wurde es ausnehmend langweilig. In Holzminden selbst führte mich mein Weg an unendlichen Pionier-Kasernen vorbei. Ein erstes Zeichen, dass bald ein größerer Fluss kommt. Holzminden selbst machte fast so einen traurigen Eindruck wie Helmstedt. Irgendwie Zonenrandgebiet. Und ich dachte immer jenseits der Weser in Höxter sei es ohne Zukunft.  Aber vielleicht war ich auch nur an einem falschen Tag in der „Duftstadt mit Weltgeltung“ angelangt. Immerhin wurde hier das Vanillin entdeckt und die meisten Pariser Parfüms haben hier ihre Grundlagen. Aber wenn es Wohlstand geben sollte, so ganz sicher nicht in der oft verlassenen Altstadt. Immerhin war die ev. Lutherkirche eine „verlässlich geöffnete Kirche“.

Aber dann, endlich endlich, erreiche ich gleich bei der Kirche und hinter dem selten republikanischen Reichspräsidentenhaus die Weser, der Grenzfluss zu Nordrhein-Westfalen. Irgendwo in den Weserauen zwischen Kiesgruben kam ich dann etwas südlicher über die Grenze. Den Fluss selbst konnte ich bei Lüchtringen überqueren, um dann gen Kloster Corvey zu wandern.

Endlich kam ich in meiner Heimatregion an. Und das über das UNESCO-Weltkulturerbe Schloss Corvey, eine ehemalige Abtei, der einige meiner Vorfahren im Oberwaldischen Distrikt des Hochstifts Paderborn über Generationen den Tribut gezahlt haben. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel man dann doch noch laufen kann, wenn der Ort denn magisch genug ist.

Ich habe mit Corvey/Höxter Nordrhein-Westfalen erreicht. Dank Sturm Xavier ist meine Zugbindung aufgehoben und so ich konnte ich in St. Kiliani noch einen Pilgerstempel ergattern.

die nächste Etappe geht durch das Hochstift gen Paderborn! Zwei Tagesmärsche entfernt!

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