Hier fing Europa an? 785 unterwirft der „Franzose“ Karl der GroĂe die „Deutschen“ in Paderborn. Das macht uns Historienmaler
Ari Scheffer ĂŒber 900 Jahre spĂ€ter glauben.
GemÀlde in Versailles.
Quelle: Wikimedia commons
Achtung! Jetzt wird es nostalgisch. Wer eine SchwĂ€che fĂŒr das Zeitalter von Barock & AufklĂ€rung hat und gleichzeitig europĂ€isch arbeitet, bekam zum Jahresende eine richtig nette LektĂŒre geschenkt. Der Economist hat die besinnlichen Tage genutzt und das Heilige Römische Reich mit der EuropĂ€ischen Union verglichen. Seine ĂŒberraschenden Einsichten „European disunion done right“ (22. Dezember 2012) sollte man ausfĂŒhrlich lesen. „The first Eurocrats“ waren die Gesandten im „ImmerwĂ€hrenden Reichtstag“ in Regensburg? Ein vormodernes Gebilde gilt fĂŒr die fĂŒhrende britische Wochenzeitschrift als Vorbild fĂŒr eine europĂ€ische „Desintegration“? Wer schreibt im Spiegel den Artikel „Britische Wellenherrschaft, diesmal gut fĂŒr alle“? Aber die gewagte Gleichsetzung ist keine Erfindung des Economist. Ralph Bollmann schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von Pufendorfs âirregulĂ€ren und einem Monstrum Ă€hnlichen Körperâ und meint damit nicht nur das Reich, sondern auch die EU. Anders als die englischen Kollegen verschweigt Bollmann die neutrale Bedeutung des lateinischen „Monstrum“.
Es war schon immer reizvoll wie gefĂ€hrlich historische Parallelen zu ziehen. Legitim ist es allemal. Man muss nur die Grenzen kennen. Journalisten tauchen in die Geschichte ein. Historiker zieht es in die europĂ€ische Gegenwart. Dabei macht sich die Geschichtswissenschaft keine Illusionen. Sie sieht sich bei allem objektivierendem BemĂŒhen nicht frei vom Zeitgeist.
Einer der fĂŒhrenden deutschen FrĂŒhneuzeitler Heinz Durchhardt schrieb 2007 in seinem Standardwerk zum 18. Jahrhundert: „Fast im Gleichschritt mit dem europĂ€ischen Einigungsprozess hat die Geschichtswissenschaft allgemein und die FrĂŒhneuzeitforschung im Besonderen den Reiz europĂ€ischer ForschungsansĂ€tze erkannt.“ Und er wagte einen Paradigmenwechsel. Er ersetzte den Begriff „Absolutismus“ durch „Barock“. BegrĂŒndung: das Zeitalter der Nationen hat erst rĂŒckwirkend Königs zu absoluten Herrschern verklĂ€rt, die sie in der partizipativen vielschichtigen Gesellschaft des Barocks nie waren. So sehen es nicht nur der Economist und die FAZ unser heutiges Europa als Spiegel des 17./18. Jahrhunderts. Nur so lĂ€sst sich Durchhardts neues Kapitel „EuropĂ€isierung als Kategorie der FrĂŒhneuzeitforschung“ erklĂ€ren. Die Kommunikationsrevolution, marginalisierte Nationen, der Aufstieg neuer Bildungsschichten, europĂ€ischer Bildungsaustausch, kurz Integration und InterkulturalitĂ€t werden dem 21. und 18. Jahrhundert ohne Scheu gleichermaĂen zugesprochen. AnsĂ€tze hierzu finden sich in der „EuropĂ€istik“ von Wolfgang Schmale.
Aber man muss auch gar nicht in die groĂe weite Welt des Economist fahren und die Historiker bemĂŒhen. Ganz stolz musste ich dieser Tage erfahren, dass meine Heimatstadt Paderborn von Arte fĂŒr etwas ganz besonderes ausgezeichnet wurde: einen „ewigen Liebesbund“ mit Le Mans, „der als eines der Ă€ltesten internationalen Abkommen gilt und gleichzeitig die erste offizielle Verschwisterung zweier europĂ€ischer StĂ€dte begrĂŒndete.“ Das hat mich motiviert, in Wikipedia die „StĂ€dtepartnerschaft Le Mans-Paderborn“ auf Deutsch zusammenzufassen. Soviel europĂ€ischer Lokalstolz muss sein.
Wer in den 80er Jahren in der zentralsĂŒdostwestfĂ€lischen Provinz zum ersten Mal mit Europa zusammentraf, tat dies aus verschiedenen GrĂŒnden. Langweiliges – aber aus heutiger Sicht unglaublich europĂ€isches – Fernsehen und eine beeindruckend starke StĂ€dtepartnerschaft mit Le Mans – gehegt und gepflegt von der viel gescholtenen aber transnationalen katholischen Kirche und in vielen schulischen- und zivilgesellschaftlichen Kreisen, vom SchĂŒtzen- zum Kulturverein. Ich dachte immer, die europĂ€ischen Bekenntnisse in meiner Umwelt wĂ€ren nur KnabenmorgenblĂŒtentrĂ€ume gewesen. Aber es war wohl in der Tat etwas ganz besonderes. Wenn ein – zugegeben – Spartensender heute die guten alten StĂ€dtepartnerschaften ehrt, wird deutlich, was alles in den 90er Jahren verloren gegangen ist. Ein Vertreter des StĂ€dte- und Gemeindebundes brachte es einmal auf diesen Punkt: „FrĂŒher gab es in den StĂ€dten das Europa der Bewegungen, heute der Richtlinien.“ Organisationen wie der „Rat der Gemeinden und Regionen Europas“ (RGRE) erhielten in den letzten 20 Jahren immer weniger Beachtung. Knallharte Juristen des Wettbewerbsrechts ersetzten im Kampf gegen die sog. BrĂŒsseler Regelungswut den interkulturellen StĂ€dtepartnerschaftsvermittler. Aber es gibt erste AnsĂ€tze einer erfreulichen Renaissance der „Gemeinden Europas“. Im Rahmen der Feierlichkeiten zu 50 Jahre ĂlysĂ©e-Vertrag bewirbt der RGRE gemeinsam mit ARTE die alte StĂ€dtepartnerschaftsidee neu – leider noch nicht auf Deutsch.
Es gibt im Internetzeitalter Hoffnung fĂŒr ein neues „Spiel ohne Grenzen“: Vielleicht sollten wir in das geliebte Barockzeitalter und die AufklĂ€rung eintauchen, um transnationale Ideen fĂŒr die Zukunft Europas zu erhalten. Diesmal fĂŒhren wir die Demokratie aber unblutig ein, ohne Revolution und ĂŒber der Nation stehend. Schafft dies Europa nicht, dann werden die nationalstaatlichen Fehler am Ende von Barock und AufklĂ€rung wiederholt.