Dieser Artikel erschien in den Europathemen des Deutschen Beamtenbundes im MĂ€rz 2017.
Da stehen wir nun vor einem riesigen Salat unterschiedlichster Meinungen, schwerverdaulicher Geschichten und dreister LĂŒgen zwischen Krim, Brexit und nun auch noch dem WeiĂen Haus: Politik wird zu einer Kakophonie der Ăngste. Dieser Artikel behandelt nicht die Ăngste des âkleinen Mannes auf der StraĂeâ (es kann auch eine Frau sein!), sondern die Nachrichten und Meinungen, die ihn oder sie beeinflussen. Der öffentliche Diskurs geht in einer pluralistischen Gesellschaft zwischen Akteurinnen und Akteuren hin und her â auf vielfĂ€ltigen KanĂ€len. 2017 ist das ReformationsjubilĂ€um. Ob Martin Luther seine Thesen an die Wittenberger Schlosskirche buchstĂ€blich angenagelt hat oder nicht: Sicher ist, dass FlugblĂ€tter und Druckerpressen eine enorme Rolle spielten in der Verbreitung reformatorischer Ideen. Manche sagen, die Reformation hĂ€tte ohne die Medienrevolution des Buchdrucks kaum eine Chance gehabt. Andere behaupten, die Rolle des Buchdrucks werde ĂŒberschĂ€tzt, zumal doch die allermeisten Analphabeten waren. Es lohnt sich, die Zeitenwende vom Mittelalter zur FrĂŒhen Neuzeit mit der heutigen Kommunikationsrevolution zu vergleichen. Hangeln wir uns an diversen Medien entlang durch unterschiedliche SphĂ€ren.Â
Wikipedia, die unbekannte Meinungsmacht
Vorweg die groĂe Unbekannte der Sozialen Medien: Bei einer EBD-Veranstaltung zum Thema âBildung 4.0â habe ich als Moderator die Frage gestellt, wer Wikipedia nutzt: alle anwesenden Bildungsexperten passiv, viele sogar unzitiert als Quelle fĂŒr ihre tĂ€gliche Arbeit. Aber nur drei Prozent der Anwesenden gaben an, je das gröĂte Lexikon der Welt mit verbessert zu haben. Sozialwissenschaftler geben ihr Wissen offensichtlich ungern weiter. Trotzdem erreicht Wikipedia auch in der Europapolitik eine erstaunliche QualitĂ€t. Vor Jahren hat eine Gruppe von Trainees und Studierenden sĂ€mtliche europapolitischen Artikel in Wikipedia kategorisiert. Und Kategorisierung beeinflusst den Algorithmus von Google. Denn nur so weiĂ die Suchmaschine, dass ein MdEP zur EU und nicht zum Europarat gehört. Zum Lohn landet Wikipedia bei Google stets ganz vorn. WirkmĂ€chtiges Wikipedia ohne offizielle Lehrmeinung: An deutschen Unis wird dieses âMaking-of Wikipediaâ bis heute weder verstanden noch gelehrt. Sollen Novizen des 21. Jahrhunderts nicht erfahren, was oder wer eine Meinung auĂerhalb der Klostermauern bildet?
Twitter, zwischen PR und Netzwerken
Einmal fragte mich ein Lobbyist in BrĂŒssel, der gerade aus der Spitze der deutschen StĂ€ndigen Vertretung bei der EU in die freie Wirtschaft gewechselt war, zu Twitter aus. Er war irritiert, dass auĂerhalb seiner bisherigen Erfahrungswelt so ungefiltert Wissen verbreitet werde. Viele Lobbyisten leben davon, Informationsmonopole aufzubrechen â ganz diskret. Und nun gibt es plötzlich Informationen transparent âfĂŒr ummeâ. Und: Woher ich nur die Zeit hĂ€tte, all die Tweets zu lesen? Aber man liest Twitter nicht wie eine Sonntagszeitung. Im guten Sinne kann man Twitter mit einem gehaltvollen GesprĂ€chsabend oder aber auch einer Hausparty mit spannenden Themen vergleichen, nur ĂŒber den ganzen Tag in Dosen verteilt. Man folgt denen, die einem interessant erscheinen, um daraus zu lernen, ĂŒber ideologische und sonstige Grenzen hinweg ZusammenhĂ€nge herzustellen, und um sie mit möglichst interessanten Tweets an sich selbst zu binden. Ja, eitel ist Twitter wie das echte Leben.
Die noch eitlere und âdunkleâ Seite von Twitter manifestiert sich gerade im US-PrĂ€sidenten. Mit Twitter erreicht Donald J. Trump ungefiltert den âkleinen Mannâ und verunsichert bewusst das Establishment, global. Umgekehrt brachte es jĂŒngst der ehemalige schwedische MinisterprĂ€sident Carl Bildt auf einen Aufmerksamkeitsrekord, als er auf Trump reagierte. Twitter ist kein Freund geschlossener RĂ€ume. Es stellt etablierte Medien und ihre Kunden in Frage, kann aber auch positiv gegensteuern oder gar Pressezensur umgehen. Despoten kĂ€mpfen gegen diese ungebremste Freiheit der Meinung, ob wĂ€hrend der Arabellion oder seit Jahren in der TĂŒrkei.
Substantial. 25.000 RT's and 34.000 likes on my yesterday tweet questioning what President Trump is talking about concerning Sweden.
— Carl Bildt (@carlbildt) February 20, 2017
Die Diplomatie fremdelte zunĂ€chst. Ende 2010 fragte ich den Planungschef des AuswĂ€rtigen Amtes, woher sein Haus âIntelligenzâ ĂŒber Soziale Medien wĂ€hrend der Arabellion bekĂ€me. Seine Antwort war: âWir vertrauen unseren Freunden im State Department.â Die EBD war da schon seit einem Jahr mit dem Twitter-Account @NetzwerkEBD aktiv. Das AuswĂ€rtige Amt folgte 2011 schlieĂlich doch einer Social Media-Strategie und gleich zu Beginn der EBD. Mit gut einer halben Million Follower hat das AA die EBD lĂ€ngst weit ĂŒberflĂŒgelt, doch werden die Chancen einer echten âEuropean Public Diplomacyâ noch zu wenig genutzt. Dabei wĂ€re keine Berufsgruppe besser geschult, mit wenigen Worten das Richtige zu sagen, als Diplomaten. Obwohl weiter eine unbegrĂŒndete Furcht vor Kontrollverlust zu herrschen scheint, gab es auch diesen Tweet zum Brexit: âWir gehen jetzt in einen irischen Pub und betrinken uns. Ab morgen arbeiten wir dann wieder fĂŒr ein besseres #Europa. Versprochen! #EUrefâ. Chapeau!
Facebook oder die elektronischen Filterblasen
Wenn man nach 3 Wochen aus rechter Blase auftaucht. Und einen die Journalistenkollegen plötzlich ernsthaft besorgt fragen: "Geht's Dir gut?"
— Florian Neuhann (@fneuhann) February 7, 2017
Facebook ist fĂŒr viele, die sich nicht mit dem offenen System Twitter anfreunden können, die erste Anlaufstelle. Wer sich als âProeuropĂ€erâ bei Facebook mit âseinen Freundenâ vernetzt, bekommt das positiv zu spĂŒren. Ăber alle Grenzen hinweg bekomme ich stĂ€ndig Anti-Brexit-Meinungen und proeuropĂ€ische Aufrufe wie neuerdings zu âPulse of Europeâ oder von der Europa-Union. Dass es aber noch nationalistische, rechtsextreme Blasen gibt, hat jĂŒngst der ZDF-Journalist Florian Neuhann gezeigt. Und diese Filterblasen interagieren kaum. Die Algorithmen dahinter werden politstrategisch genutzt. Erschreckend ist die These der totalen digitalen Manipulation hinter dem Wahlerfolg Trumps: Hier wird behauptet, dass es eine digitale âBombeâ gebe. Aber auch schon abgeschwĂ€chte Darstellungen bieten Einblicke in die medialen AbgrĂŒnde, etwa zum Brexit, wie der wohl beste EU-Blogger Jon Worth argumentiert.
Viele Blasen ergeben derweil einen Schaum
In Deutschland haben wir ein Luxusproblem. Die QualitĂ€t der öffentlichen und kommerziellen Medien ist so gut, dass sie sich erst sehr spĂ€t in die Social-Media-Welt eingemischt haben. Seit Jahren sammele ich in meiner Twitterliste âEU-Presseâ öffentlich alle europapolitischen Journalisten. Und die Posts dieser Liste lese ich wie eine Zeitung. Deutsche kommen erst jĂŒngst hinzu und nur wenige gehen ĂŒber bloĂe Eigen-PR hinaus. Der echte Diskurs ist bei klassischen Medienvertretern noch immer die Ausnahme. Die EBD sammelt ĂŒbrigens deutschsprachige EU-Journalisten auf Twitter.
Deutsche Printpressespiegel sind enorm gehaltvoll, aber auch eine nationale Welt fĂŒr sich. Das zeigt âPolitico Europeâ, 2015 vom US-amerikanischen Politico und der Springer AG gegrĂŒndet, um die Ăbermacht der Londoner Financial Times, frĂŒher Leitmedium fĂŒr EU-Beamte, zu brechen. Der deutschsprachige Onlinewecker âMorgen Europaâ von Florian Eder zeigt tĂ€glich zum FrĂŒhstĂŒck auf, dass Europapolitik keine von Korrespondenten kommentierte AuĂenpolitik, sondern gemeinsame Innenpolitik ist. Der europapolitische Diskurs in der doch provinziellen Bundeshauptstadt hat sich spĂŒrbar gebessert. Das hilft auch den klassischen Dialogangeboten wie den EBD De-Briefings.
Derweil tut sich in der deutschen Europawissenschaft herzlich wenig. UniversitĂ€ten und Denkfabriken werden noch lange keinen Simon Hix von der Londoner LSE hervorbringen, der ganze Vorlesungen der Allgemeinheit zur VerfĂŒgung stellt und per Twitter interagiert. PhĂ€nomenal ĂŒbrigens sein LehrstĂŒck gleich nach dem Brexit-Votum.
New video lecture: After the #EUReferendum: What Next for Britain & Europe? @simonjhix @LSESummerSchool @UKandEU https://t.co/hr7AAYy5I1
— LSE (@LSEnews) July 1, 2016
Wie können Medien Breitenwirkung erzielen und gleichzeitig QualitĂ€t bewahren? Können âMonopolistenâ wie Diplomaten, Beamte, Korrespondenten und Wissenschaftler im guten demokratischen Sinne aktiv werden? FĂŒr die EBD ist fĂŒr die demokratische Entwicklung Europas entscheidend, dass Medien gezielt fĂŒr die europĂ€ische Integration genutzt werden. GrenzĂŒberscheitende demokratische Kommunikation ist seit 1949 Satzungsauftrag. So arbeitet die EuropĂ€ische Bewegung International (EMI) dezentral und pluralistisch daran, den Diskurs zu europĂ€isieren. FĂŒr Kirchturmdenken sorgen schon die anderen.
Ach ja, und wer behauptet, dass der Buchdruck die Analphabeten damals nicht erreicht hatte, der hat ganz sicher die Marktschreier vergessen. Aber das ist eine andere Geschichte, die der Economist schön erzĂ€hlt. Die heutigen Mönche sollten in der Verteidigung ihrer alten Welt vor allem nicht bloĂ angewidert FlugblĂ€tter (Tweets) verdammen, sondern sich selbst aktiv einbringen. Sonst werden die Klöster und ihr QualitĂ€tswissen von BauernstĂŒrmen hinweggefegt.
Bernd HĂŒttemann ist GeneralsekretĂ€r der EuropĂ€ischen Bewegung Deutschland e.V., schreibt hier aber vor allem als Twitterer @huettemann | @NetzwerkEBD.

