Im Sommer 1989 durfte ich zum ersten Mal wĂ€hlen. Es war die Europawahl. Nur zehn Jahre zuvor wurde das EuropĂ€ische Parlament ĂŒberhaupt erstmals direkt vom BĂŒrger gewĂ€hlt. 1989, das war die letzte deutsche Wahl im Kalten Krieg. Aber trotz des Bedrohungsszenarios blieb mir nur ein schrecklich naiver Wahlkampfsong in den Ohren: âWir sind Europaâ. 2014 sieht die Welt fĂŒr die europĂ€ische Demokratie ganz anders aus. Man kann mit Fug und Recht behaupten: Die EU steht vor einem parlamentarischen Systemwandel – oder mit anderen Worten: der vermeintlich gescheiterte Verfassungsvertrag wirkt, im Deckmantel von Lissabon. Aber noch ist nicht alles in trockenen TĂŒchern. Der aufblĂŒhende Stern EuropĂ€isches Parlament könnte auch zu einer Super Nova werden, wenn der EuropĂ€ische Rat weiter ein Schwarzes Loch bleibt.Â
Was sich in diesen Tagen in den digitalen und traditionellen Medien in Deutschland in Bezug auf Europa getan hat, ist mehr als beachtlich. Dass Europapolitik in diesen Jahren relevanter wurde. war offensichtlich. Dass eine Europawahl damit zusammenhĂ€ngt hat nun auch diejenigen ĂŒberrascht, die sich eine Demokratisierung der EU-Debatte so gar nicht mehr vorstellen konnten.
Sicher, die neue QualitĂ€t der europapolitischen Diskussion lag zunĂ€chst ausgerechnet an der Finanz- und Wirtschafts- und BeschĂ€ftigungskrise. Es mag auch an der neuen Bedrohung aus Russland – nicht nur fĂŒr seine Nachbarn – liegen. Aber diesmal ist es mehr.
Ich bin der Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung gefolgt, einen kleinen Rundumschlag zu Ablauf, Ergebnis und Bedeutung der Europawahl zu geben. Ich werde mich auf einige Aspekte konzentrieren, denn Interpretationen mĂŒssen so pluralistisch sein wie die Demokratie selbst. Ich freue mich daher auf dieses FachgesprĂ€ch, um Neues hinzuzulernen.
Meine Punkte: Die Wahlbeteiligung ist erstmals leicht gestiegen, in Deutschland sogar signifikant. Der Rechtspopulismus hat zugenommen, aber nicht flĂ€chendeckend, nicht signifikant. Durch die klare Stellung der meisten Fraktionen hinter Spitzenkandidat Juncker erobert das EuropĂ€ische Parlament gewaltiges Terrain. Ob sich dies allerdings in einer besseren Kommunikation des Parlaments mit den nationalen Ăffentlichkeiten niederschlĂ€gt, ist angesichts der ungleichen Rahmenbedingungen und der mangelhaften Ressourcen des Parlaments noch fraglich.
Die aktuellen Zahlen zu den Ergebnissen aber auch die seit Juni fast tÀglich Àndernden Fraktionsbildungen lassen sich leicht auf den Seiten des EuropÀischen Parlaments nachlesen.
Wahlbeteiligung â AbwĂ€rtstrend gestoppt
Die geringe Wahlbeteiligung von europaweit 43,9 % bleibt auf den ersten Blick ein Problem, aber sie ist nicht das Problem. Zumal es erstmals nach einer langen Talfahrt wieder eine Zunahme gab. Problematisch sind eher katastrophale Werte, wie in der Slowakei (13%). Aber auch hier gibt es Licht. Die Slowaken geben der EU generell die höchsten Zustimmungsraten. Ein Ă€hnlich paradoxes Bild bietet sich in Polen â hohe Zufriedenheit mit Europa bei geringer Wahlbeteiligung.
In Deutschland ist dieWahlbeteiligung gewachsen, allerdings gibt es weiterhin eine groĂe GleichgĂŒltigkeit zu Europa: So ist es 40 % egal, wer Kommissions-PrĂ€sident ist (siehe ZDF-Politbarometer). Gleichzeitig zeigt die ARD, dass das deutsche Wahlvolk qualitativ hinter dem EuropĂ€ischen Parlament und nicht hinter dem EuropĂ€ischen Rat steht (vgl. Infratest-DIMAP)
âDie Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.â Art. 11 GG. Bei der Europawahl ist ihnen das aber nur halb so wichtig wie bei den Bundestagswahlen. AuĂer der Linkspartei haben die Bundestagsparteien nach Wahl.de nur die HĂ€lfte ihrer durch die Europawahl eingenommenen Steuereinahmen tatsĂ€chlich in den Wahlkampf gesteckt (vgl. FAZ: Parteien verdienen prĂ€chtig).
Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Abschaffung der 5%-HĂŒrde ist gerade in der BegrĂŒndung von Karlsruhe Ă€rgerlich, da es das Europaparlament schon lange die VolljĂ€hrigkeit abspricht. Doch wird sich im neuen Europaparlament die Lage entspannen, da viele neue Abgeordnete kleiner Parteien sich bestehenden Fraktionen anschlieĂen werden (z.B. Freie WĂ€hler und Piraten).
Anti-EuropĂ€er â ein differenziertes Bild
Aber richten wir den Blick auĂerhalb Deutschlands: Frankreich und das Vereinigte Königreich sind das Problem, nicht die KrisenlĂ€nder. NatĂŒrlich kann man sich darĂŒber streiten, welches populistische Spiel Grillos Movimento Cinque Stelle spielt. Der Komiker weiĂ es wahrscheinlich selber nicht. Die Basis jedenfalls tendiert eher zu den GrĂŒnen und denkt sogar euro-föderalistisch. Ein anderer âClownâ erlebt in Italien gerade wie anti-europĂ€ischer und anti-deutscher Wahlkampf nach hinten losgeht. Aber vor allem Spanien zeigt ganz deutlich, dass die einfache Rechnung âSpardiktakt gleich Anti-EU-Parteienâ nicht aufgeht. Es sind eindeutig innenpolitische GrĂŒnde, warum in einem Land zugelassen wird, dass antieuropĂ€ische Stimmung verfĂ€ngt.
Insgesamt sind dezidiert europakritische Parteien gar nicht so stark gewachsen. Eine ZĂ€hlweise der EuropĂ€ischen Bewegung international kommt auf „nur“ 4 %. Wenn z.B. in GroĂbritannien UKIP 11 % gewinnt, dann steht dem ein Verlust der British National Party von 5 % gegenĂŒber. Das antieuropĂ€ische Potenzial ist also unter dem Strich weniger stark als angenommen.
Es wird sich darĂŒber hinaus zeigen, ob es ĂŒberhaupt gelingt, EU-kritische und Anti-EU-Allianzen nachhaltig zu schmieden. Wie sich britische Konservative und deutsche AfD in einer Fraktion zum EU-US-Handelsabkommen TTIP vertragen, ist dabei noch die kleinste Frage. Noch spannender dĂŒrfte es sein, wie der Antisemitismus von Front National mit UKIP vereinbar ist. Es ist auch nach frĂŒheren Erfahrungen davon auszugehen, dass es eine Zersplitterung geben wird. Es wird noch viele Schaubilder, wie das nachfolgende brauchen, um die Fraktionsbildung einigermaĂen abzubilden.
Bleibt immer noch die Frage, warum es vor allem in Frankreich einen so starken Zulauf zum Front National gegeben hat.
Bekannteste Beobachtung: Frankreich leidet an seiner mangelnden FĂ€higkeit, wirtschaftliche Reformen voranzubringen. Aber es gibt noch ein anderes Element, was viel zu selten Thema ist. Dies gilt auch fĂŒr GroĂbritannien, das zwar wirtschaftlich Bestwerte erzielt, aber dies vor allem auf neue Finanz- und Immobilienblasen grĂŒndet. Auffallend ist, dass beide LĂ€nder einen enormen Zentralismus aufweisen, der nicht nur territorial sondern auch (zivil-)gesellschaftlich wirkt, denn beide LĂ€nder haben einen relativ geringen Organisations- bzw. Wirkungsgrad von gesellschaftlichen Gruppen. Es wird auch aus deutscher Parteiensicht oftmals vergessen, dass Mitteleuropa, Nordeuropa und aber auch Spanien und Italien in puncto gesellschaftlicher Pluralismus Europas AtommĂ€chten weit voraus sind.
„The/Le Spitzenkandidat“ (Financial Times/Le Monde)
Dies drĂŒckt sich auch in der Debatte zum Spitzenkandidaten aus. Was sich in Deutschland erst langsam entwickelte, wurde zum beherrschenden Thema gesellschaftlicher Gruppen und â das ist erfreulich â der Medien.
Beredtes Beispiel ist die Auseinandersetzung um die Spitzenkandidaten und die verfassungsrechtliche Interpretation des Art. 17 Abs, 7 § 1 EUV: âDer EuropĂ€ische Rat ist verpflichtet, das Ergebnis der Wahlen zu berĂŒcksichtigen.â. Nach Auffassung zumindest einiger Verfassungsrechtler ist der EuropĂ€ische Rat verpflichtet, den vom EuropĂ€ischen Parlament vorgeschlagenen Kandidaten mit qualifizierter Mehrheit zu wĂ€hlen. Die Tatsache, dass nicht nur die alte GroĂe Koalition aus S&D und EVP hinter Jean-Claude Juncker steht, sondern auch GrĂŒne und Liberale (selbst Alexis Tsipras von der eurokritischen SYRIZA hat Zustimmung signalisiert) zeigt, dass das Parlament es ernst meint im Machtkampf mit dem EuropĂ€ischen Rat.
Meine These ist, dass der EuropĂ€ische Rat kalt von der öffentlichen Meinung, zumal in Deutschland, erwischt wurde. Und dabei wurde auch ein System erwischt, das sich vor einigen Jahren selbst als âUnionsmethodeâ umschrieben hat. Die Bedeutung der in der Krise gestĂ€rkten intergouvernementalen Kooperation als System war nur wenigen bekannt.
Aber ein Schritt zurĂŒck. Der neue Kanzleramtsminister Peter Altmaier brachte das, was da gerade geschieht, nach meiner Meinung auf den Punkt:
Sprachenliebhaber Altmaier wusste, welches Publikum er erreichen wollte!
AnschlieĂend fand etwas statt, was nur mit einer FehleinschĂ€tzung einiger Berater in den Kanzleien der europĂ€ischen HauptstĂ€dte zu tun haben kann. Der EuropĂ€ische Rat ĂŒberschĂ€tzte sich und seinen eigenen medialen Spin â allen voran die Financial Times .
Wieder ein Schritt zurĂŒck: SpĂ€testens seit dem Scheitern des Verfassungsvertrages war man an einer transparenten und partizipativen Gestaltung von europĂ€ischen Entscheidungsprozessen nicht mehr interessiert, teils aus Schock ĂŒber das von links und rechts aufgepeitschten Referendumsvolk in Frankreich und den Niederlanden, teils aber auch aus reiner egoistischer Machttektonik. Auf dem ersten EuropĂ€ischen Rat nach EinfĂŒhrung des Lissabon-Vertrags lĂ€chelten sich die Staats- und Regierungschefs an, dass sie von nun an von ihren AuĂenministern (meist kleinerer Koalitionspartner) in Ruhe gelassen wurden. Auf meine Frage, ob denn nun „EBD De-Briefings“ vom Bundeskanzleramt statt von AuswĂ€rtigem Amt gestaltet werden, antwortete mir 2009 der damalige Kanzlerberater Uwe Corsepius: âNein, Kommunikation bleibt beim AuswĂ€rtigen Amt, sonst haben sie ja sonst nichts mehr zu tun.â Die Staatskanzleien wurden zu einem Schwarzen Loch. Nur die Energie in ihrem Umfeld lieĂ auf ein Kraftfeld schlieĂen, das von nun an keine Lichtstrahlen mehr aussandte.
Der PrĂ€sident der EuropĂ€ischen Bewegung Deutschland, Rainer Wend, hat nach der Bundestagswahl im Januar in seinem Essay âDie Schere in Europas Kopfâ auf diese MissstĂ€nde aufmerksam gemacht. Nur in wenigen Wirtschaftszeitungen (Capital, Managermagazin) aber keinesfalls in der Politikwissenschaft traute man sich, das „Schwarze Loch“, das durch den jetzigen Rats-GeneralsekretĂ€r Corsepius erfundene und von EU-RatsprĂ€sident van Rompuy bis heute als âUnionsmethodeâ nur zu gern genutzte System aufzudecken und zu problematisieren. Unionsmethode bedeutete nicht nur eine ErgĂ€nzung zur Gemeinschaftsmethode, d.h. dass Mitgliedsstaaten ein Gegengewicht zu den supranationalen Organen EuropĂ€isches Parlament und EuropĂ€ische Kommission aufstellen. Unionsmethode bedeutet eine Entkopplung vom parlamentarischen, pluralistischen und medialen Diskurs. Dies betrifft GroĂthemen wie jetzt die Diskussion um die Spitzenkandidaten, aber auch die Verhandlungen zum MehrjĂ€hrigen Finanzrahmen, mit allen Auswirkungen auf die politische HandlungsfĂ€higkeit und GlaubwĂŒrdigkeit der EU.
Durch die pluralistische öffentliche Meinung in Deutschland (gemeinsam mit den Nordischen LĂ€ndern und Irland eine Vorzeigeregion der Pressefreiheit in der EU) und vor allem durch das Zusammenhalten der gröĂtmöglichen Mehrheit im Europaparlament gerieten der EuropĂ€ische Rat und der britische Wahlverlierer David Cameron in eine nicht gekannte Defensive.
Deutlich wurde das in der Pressekonferenz nach dem informellen Abendessen des EuropĂ€ischen Rates am 27. Mai. Viele Spekulationen gab es, ob Angela Merkel wirklich hinter dem EVP-Kandidaten Jean-Claude Juncker stehe. Ăberraschend massiv gerieten die Nachfragen deutscher Leitmedien, allen voran der in Sachfragen der EU nicht unkritische Rolf-Dieter Krause vom WDR („Merkels Spiel ist ungewöhlich dumm“) aber auch österreichische Korrespondenten wie Thomas Mayer von Der Standard. Sie alle hinterfragten vor Kameras und digital sehr kritisch, das âSchwarze Lochâ, das zuvor sehr lobenswert öffentlich gemacht wurde im Buch âEuropas Strippenzieherâ von SZ-Korrespondentin Kerstin Gammelin und ORF-Korrespondent Raimund Löw (Europas Strippenzieher. Wer in BrĂŒssel wirklich regiert. Berlin 2014). FĂŒr mich ist die Fokussierung auf die Kanzlerin hier zu einfach. Wir haben ein Polity-Problem, kein Personal-Problem, das nun von der Kanzlerin im Sinne ihres europĂ€isch gesinnten Ministers gelöst wird. Die starken deutschen Parteien und die erstarkenden europĂ€ischen Parteien bilden ein Netz fĂŒr eine neue pragmatische Demokratie. Und Angela Merkel kann sich neuerdings in Deutschland auf eine differenzierte proeuropĂ€ische Ăffentlichkeit verlassen.
Besonders deutlich wird der Aufstand deutscher Medien im deutsch-britischen Vergleich. Die auch von der schottischen UnabhĂ€ngigkeitsbewegung kritisierte âWestminster Bubbleâ der von Medien und Eliten konnte in der Frage des Spitzenkandidaten mit der deutschen medialen und der europĂ€ischen parlamentarischen Diskussion nicht mehr mithalten. Bisher hatte man sich darauf verlassen, dass die deutschen Leitartikler die Wahlergebnisse auch nicht berĂŒcksichtigen.
https://twitter.com/StuartWilksHeeg/status/473402898597310464/
Lesenswert ist hier eine Studie der medialen Wirkung zu den Spitzenkandidaten an der LSEÂ von Simon Hix &Â Stuart Wilks-Heeg.
Die Propagandisten der Unionsmethode, ob im ĂlysĂ©e, im Kanzleramt oder in der Downing-Street werden dem Druck nicht standhalten können, wenn das EuropĂ€ische Parlament seine Personalie Juncker â und davon ist auszugehen â durchsetzt. Es wird in der Folge nicht bescheidener werden, zumal es seine gestĂ€rkten Kompetenzen bei wichtigen inhaltlichen Fragen wie TTIP oder ĂberfĂŒhrung des Fiskalpakts in die gemeinschaftlichen VertrĂ€ge ausspielen wird oder das âGrillen der EU-Kommissareâ vor Einsetzung auskosten wird.
Ein EuropÀisches Parlament 2.0 aus Berliner Sicht?
Mit viel Enthusiasmus werden nun neue Fraktionen gebildet. Es wird auch nach der Sommerpause nicht das letzte Wort gesprochen sein. Viele Versuche und Wechsel werden unternommen. Spannend ist die Positionierung der rechtsextremen und rechtspopulistischen Gruppen. Spannend sind aber auch Aspekte, dass z.B. die italienischen Sozialdemokraten erstmals die gröĂte Gruppe in der S&D bilden und dass der CSU-Abgeordnete Manfred Weber neuer EVP-Chef ist. Letzterer wird neben Martin Schulz eine wichtige Rolle dabei spielen, das EuropĂ€ische Parlament in Berlin besser zu etablieren.
Noch zeigen aber die kĂŒnstlichen nationalen medialen Landschaften, dass das Europaparlament nicht flĂ€chendeckend gut kommunizieren kann. Drei groĂe Themenkomplexe bilden sich dabei auch aus Sicht der EuropĂ€ischen Bewegung Deutschland, deren politischen Forderungen 2014/15 ganz auf mehr Ăffentlichkeit und Partizipation in einem parlamentarischen Mehrebenensystem der EU setzen:
TTIP, das EU-US-Freihandelsabkommen, hat die GemĂŒter in der öffentlichen Debatte insbesondere in Deutschland und Ăsterreich sehr bewegt. Nicht nur die linke Seite, auch der ARD-Deutschlandtrend hat eine groĂe Skepsis feststellen können, gerade auch bei der AfD-WĂ€hlerschaft. Wie eine Allianz zwischen AfD und Tories in einer möglichen gemeinsamen EP-Fraktion bei gleichzeitiger Zusammenarbeit von Downing Street und Kanzleramt funktionieren soll, entzieht sich der Phantasie. Das EuropĂ€ische Parlament wird sich in die Verhandlungen aktiv einbinden.
Das EuropĂ€ische Parlament muss sich verstĂ€rkt in die europapolitische Debatte in den Mitgliedsstaaten einbringen. Die InformationsbĂŒros des EuropĂ€ischen Parlaments mĂŒssen sich nicht so sehr als BĂŒrgerinformationsstellen, sondern als echte Mittler der âBĂŒrgerkammer EPâ in die nationalen Ăffentlichkeiten hinein etablieren. Berichterstatter mĂŒssen flĂ€chendeckend in den nationalen Dialog treten, damit Interessengruppen ĂŒber die nationale Bande ihre WĂŒnsche und Bedenken transparent artikulieren können. Von noch gröĂerer Bedeutung ist hier die âTrilogâ-Falle, in die das EuropĂ€ische Parlament geraten ist. Inzwischen verzichtet es in 83 Prozent der GesetzgebungsfĂ€lle auf eine zweite Lesung. Sprach der GeneralsekretĂ€r des EP noch mit EinfĂŒhrung des Lissabon-Vertrages 2009 von einem Zweikammersystem, so ist bis zur Spitzenkandidatendebatte davon in Deutschland nicht viel ĂŒbriggeblieben. Auch mĂŒssen die KommunikationsstrĂ€nge zwischen dem Bundestag und dem EuropĂ€ischen Parlament durch inhaltliche Debatten gestĂ€rkt werden.
Von den wichtigsten reprĂ€sentativen Mitgliedsorganisationen der EBD wird die âeuropĂ€ische Schnellgesetzgebungâ im Trilog-Verfahren sehr kritisch gesehen. In einem in diesen Tagen veröffentlichten EBD-Bericht werden die wichtigsten Kritikpunkte aufgelistet. Der EBD-Vorstand hat letzte Woche gefordert, dass Dokumente, Teilnehmende und Positionen der beteiligten Institutionen in jeder Phase des Gesetzgebungsverfahrens öffentlich zugĂ€nglich gemacht werden sollen: âDurch die erhöhte Transparenz wird sowohl den reprĂ€sentativen VerbĂ€nden, der organisierten Zivilgesellschaft, als auch den Mitgliedern des Parlaments eine gröĂere Möglichkeit zur Partizipation und zur Einbringung von Expertise geboten. Gleichzeitig wird die LegitimitĂ€t der Verfahren gestĂ€rkt.â
Ob das EuropĂ€ische Parlament hierfĂŒr gerĂŒstet ist? Das mag bezweifelt werden. SchlieĂlich ist es in der Gesetzgebungskompetenz mit dem Deutschen Bundestag gleichgestellt, nicht aber in der Ausstattung wie etwa einem leistungsfĂ€higen Wissenschaftlichen Dienst. Demokratie kostet Geld. Die EU wird auch hier kurz gehalten.
SchlieĂlich bleibt noch ein anderer groĂer Ausblick auf die Zukunft des Parlamentarismus in Europa. Wie eine ĂberfĂŒhrung des Fiskalpaktes in die bestehenden EU-VertrĂ€ge ohne ein ordentliches VertragsĂ€nderungsverfahren funktionieren soll, bleibt mir schleierhaft. Ein wenig mehr Mut zu Reformen und effiziente Kommunikation sind nötig, wenn Europa von mehr als nur Amtstuben und einigen wenigen Politikern getragen werden soll.
Aber vielleicht ist mein frommer Wunsch so fromm wie das CDU-Europa-Wahlprogramm. Das fordert nÀmlich zumindest eine VertragsÀnderung ganz klar: Der Gottesbezug soll in den EU-VertrÀgen verankert werden.
Die Spitzenkandidatendebatte hat unbestreitbar eine neue Dynamik in die Europapolitik gebracht. Ganze Ministerien und Ămter wurden kalt von der Pro-Spitzenkandidatenstimmung in Deutschland erwischt. Ob es zum Mut reicht, an die immer noch geltenden groĂen Reformfragen von Laeken 2001 anzuknĂŒpfen, bleibt die Frage.  Hierzu braucht es den Willen zur breiten Diskussion mit politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen KrĂ€ften. Aber vielleicht hilft das Scheitern von Camerons Medien-Spin, endlich der Vielfalt zu vertrauen.
Mein Beitrag zum europapolitischen FachgesprĂ€ch mit Vertreterinnen aus Wissenschaft, Bundesregierung und Thinktanks mit meist christdemokratischen Hintergrund der Konrad-Adenauer-Stiftung in Cadenabbia: âWelche EU-Integration nach der Europawahl?â am 10. Juni 2014, Konrad-Adenauer-Stiftung, Cadenabbia